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MATTHIAS GINTER (ab 90.): Kommt für seinen verletzten Dortmunder Teamkollegen noch zu einem Kurzeinsatz. Ohne Bewertung
Ferrari wurde nach der Stallorder in Hockenheim mit 100.000 Dollar Geldstrafe belegt © getty

Im WM-Finale gerät das Thema Stallorder wieder in den Fokus. Holt Ferrari durch den Regelbruch den Titel? Was macht Red Bull?

Sao Paulo - Wer sie praktiziert, ist ein Betrüger, wer sie nicht praktiziert, ist dumm.

Die Diskussion um die verbotene Teamorder in der Formel 1 nimmt in dieser Saison fast schon groteske Züge an. Sollte Fernando Alonso den Titel gewinnen, und zwar mit maximal den sieben Punkten Vorsprung aus der Stallorder-Affäre von Hockenheim, dann wäre das "frustrierend, denn Teamorder ist verboten".

Sagt Christian Horner, Teamchef der Titelkandidaten Sebastian Vettel und Mark Webber bei Red Bull. Horner konnte sich bisher nicht entscheiden, ob er mit "Jung-Siegfried" oder "Winnetou" in den Krieg zieht, wie Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz es im Gespräch mit "Spiegel online" formulierte. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

Horner unter Druck

Horner hat die Teamorder nie ausgerufen und muss wohl akut um seinen Job bangen, falls am Ende keiner seiner Fahrer den Titel holt. Der Brite könnte somit zum Paradebeispiel dafür werden, dass man die Teamorder schlicht und ergreifend ausrufen muss, völlig egal, ob der Automobil-Weltverband FIA Paragraf 39.1 nach der Saison nun kippt oder nicht.

Komplett ist die Doppelmoral spätestens dann, wenn Befürworter einer Stallregie erklären, wie sich die Teamorder subtiler umsetzen lässt. Nicht so dreist wie Ferrari in Hockenheim, sondern so, dass der Zuschauer es nicht merkt. Geschickt betrügen lautet also das Motto.

[kaltura id="0_dnuokcxq" class="full_size" title="Die Strecke in Interlagos"]

"Let Michael pass"

Zwei Rennen vor dem Saisonende stellt sich nun die Frage: Entscheidet die Teamorder den Titel? Denn trotz des Verbots, das 2002 nach Michael Schumachers angeordnetem Überholmanöver in Österreich gegen Rubens Barrichello ("Let Michael pass for the Championship") eingeführt wurde, kokettieren die Teams vor dem vorletzten Saisonrennen in Brasilien offen mit ihren Absichten.

Felipe Massa, der Alonso in Hockenheim vorbeilassen musste und dies aus gekränkter Eitelkeit so demonstrativ tat, dass alle Welt es merken musste, verspricht dem WM-Spitzenreiter mittlerweile alle Unterstutzung.

Martin Whitmarsh, Teamchef des WM-Dritten Lewis Hamilton und des aussichtslos fünftplatzierten Titelverteidigers Jenson Button erklärt vielsagend, er sei "sicher, dass sie zusammenarbeiten werden". Und selbst Horner versichert inzwischen, es gebe einen Punkt, "an dem die Mathematik diktiert".

Schumi als Befürworter

Michael Schumacher ist seit Jahren ein unverhohlener Befürworter der Teamorder. Man sei schließlich "auf keiner Kaffeefahrt, hier geht es um einen WM-Titel", sagt der siebenmalige Weltmeister und wirft Red Bull durch die Blume vor, den Titel für Vettel verspielt zu haben.

Das Dilemma der Formel 1 ist die Tatsache, dass im Endeffekt nur die Fahrerwertung zählt. Das wäre, als wurde ein Fußballteam nur darauf achten, dass der beste Stürmer Torschützenkönig wird, meinen die einen. Die anderen verweisen auf den Radsport, wo alle Taktik auf den Kapitän ausgerichtet ist.

"Gefährlicher Präzedenzfall"

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone hat eine klare Meinung. "Die einzige Stallorder, die es nicht geben darf, ist die, dass ein Team mit einem anderen zusammenarbeitet", sagt der Brite: "Formel 1 ist ein Teamsport. Es geht hier nicht um Peanuts, sondern um Weltmeisterschaften."

Dass die FIA Ferrari nach Hockenheim nur mit einer Geldstrafe von 100.000 Dollar bestrafte und keine Punkte abzog, darf als Zeichen gedeutet werden. "Einen gefährlichen Präzedenzfall", habe die FIA damit geschaffen, sagt Horner.

Williams musste bezahlen

Stünde Red Bull durch den Teamorder-Verzicht am Ende ohne Titel da, wäre es nicht der erste Fall dieser Art.

1986 ließ Frank Williams seine Piloten Nigel Mansell und Nelson Piquet frei fahren, Alain Prost war der lachende Dritte. "Wir haben damals den Preis bezahlt", sagte Williams.

Whitmarsh spricht von "schmerzhaften Erfahrungen" 2007, als Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen am Ende mit 110 Punkten und einem Punkt Vorsprung vor Whitmarshs Fahrern Lewis Hamilton und Alonso den Titel holte.

"Wir waren phasenweise sicherlich in Versuchung", gibt Whitmarsh zu: "Aber ich bin stolz darauf, dass wir es auf diesem Wege durchgezogen haben." Vielleicht wird sich Horner bald ähnlich äußern.

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