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Sebastian Vettel, Red-Bull-Teamchef Horner, Chefdesigner Newey und Mark Webber (v. r. n. l.) © getty

Weltmeister Sebastian Vettel wundert sich über die Schwäche von Ferrari. Und der Red-Bull-Star bedankt sich bei zwei Kollegen.

Von Marc Ellerich

München - "Wenn man ganz fest an etwas glaubt, ist alles möglich". Dieser Satz stammt nicht von Sebastian Vettel.

Aber es könnte gut als das Motto der unglaublichen Triumphfahrt des deutschen Red-Bull-Piloten zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte herhalten.

Auf der Homepage von Vettels früherer Schule stehen die Worte zu lesen. Denn auch dort zieht das Formel-1-Märchen des 23-jährigen Hessen vergleichsweise historische Folgen nach sich: die einstige Starkenburg-Schule hat sich spontan in "Sebastian-Vettel-Gymnasium" umbenannt.

Die alte Heimat des neuen Weltmeisters, sie steht also Kopf nach dem großen Sieg des jungen Piloten in einem dramatischen Finale einer dramatischen Saison, das nicht nur im 25.000-Einwohner-Ort Heppenheim Eruptionen der Freude auslöste.

Und am Firmensitz des Red-Bull-Teams in Salzburg wurde Vettel einen Tag nach seinem Triumph mit einer großen Party empfangen. (312220Die Bilder aus Abu Dhabi )

Überwältigt vom Glück

Der Last-Minute-Champion selbst war da schon nicht mehr ganz so überwältigt vom Glück und dem gewaltigen Erlebnis, wie in den Stunden nach dem Sieg, mit dem er als jüngster Champion aller Zeiten Sportgeschichte schrieb.

"Ich bin sprachlos. Ich habe keine Ahnung, was man in so einem Moment sagt", hatte der zweite deutsche Formel-1-Weltmeister nach Michael Schumacher da gejubelt. (Der WM-Stand)

Auch später, als sein Team auf dem Yas Marina Circuit von Abu Dhabi bereits außer Rand und Band den Titel feierte und immer mehr Grußbotschaften aus der ganzen Welt übermittelt wurden, kam sich der frischgebackene Champion immer noch vor wie im falschen Film. (Porträt: Von "Baby-Schumi" zu "Super-Seb")

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Ahnungsloser Vettel

"Ich weiß nicht, was ich sagen soll", wiederholte sich Vettel und wollte gar nicht glauben, was er soeben fertig gebracht hatte: "Aus irgendeinem Grund kommt es mir vor, als würde all das gar nicht passieren. Ich habe Lewis (Hamilton, d. Red.) und Jenson (Button, den entthronten Weltmeister) gefragt, ob es bei ihnen auch so merkwürdig war."

Bei seiner Ankunft am Red-Bull-Sitz in Salzburg war das größte Talent des deutschen Motorsports immer noch berauscht - vielleicht auch von der ausgiebigen Siegesfeier vom Vorabend. "Es geht im Moment alles ziemlich schnell", sagte Vettel.

Doch irgendwann hatte er seine sieben Sinne wieder beisammen und berichtete über den spektakulären Showdown in der arabischen Wüste, über eine Saison, die als historisch in die Geschichte der Formel 1 eingehen wird und sein Rezept, um den nervenaufreibenden Fünfkampf um den Titel zu bestehen.

Bis zur Zielflagge, die er als Erster passierte, habe er nichts vom dramatischen Geschehen gewusst, gab Vettel zu. "Die letzten zehn Runden habe ich mich schon gefragt, was los ist, weil mein Renningenieur Tipps gab, wie ich das Auto am besten nach Hause bringe", schilderte der Red-Bull-Pilot seine Gedanken im Cockpit: "Ich habe mich gefragt: 'Warum ist der Kerl so nervös? Da müssen wir in einer verdammt guten Position sein.'"

"Unglaubliche Reise mit Red Bull"

Und weiter: "Ich fragte mich, was er damit meint, denn ich hatte die Videowalls nicht gesehen. Ich wollte mich nicht ablenken lassen, mich nur auf mich selbst konzentrieren. Dann kam er wieder am Funk und schrie mir ins Ohr, dass wir die Weltmeisterschaft gewonnen haben."

Dann hätten ihn die Gefühle überwältigt nach einer "unglaublichen Reise mit Red Bull". Er sei "sehr, sehr stolz", schilderte Vettel seine Emotionen. "Seit ich ein kleines Kind bin, verfolge ich die Formel 1. Jetzt mit Fahrern wie Senna und Schumacher auf der Liste der Weltmeister zu stehen, das kann ich noch gar nicht einordnen. Ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich meinen Namen auf der Liste verewigen kann."

Staunen über Ferrari, Dank an Petrow

Doch Vettel ahnte bei allem Überschwang, dass er seinen Einzug in die Formel-1-Geschichte nicht allein den eigenen Fähigkeiten und jenen seines Teams zu verdanken hatte, sondern außerdem "besonderen Umständen".

"Wer hätte gedacht, dass ein Ferrari, der vom dritten Startplatz ins Rennen geht, nur Siebter wird", wunderte sich der Deutsche über das Missgeschick seines spanischen Widersachers Fernando Alonso.

Er werde dem russischen Renault-Piloten Witali Petrow, der Alonso nach dessen überhastetem Reifenwechsel das gesamte Rennen über hinter sich gehalten hatte, "einen ausgeben", kündigte Vettel an. "Danke für die Hilfe! Hoffentlich wird er nächstes Jahr noch dabei sein", grüßte er den unfreiwilligen Helfer aus Wiborg, der von Alonso nach der Zieldurchfahrt mit der geballten Faust und anderen üblen Gesten bedacht worden war. (Petrow: Habe es nicht für Vettel getan)

Vettel wie Räikkönen

Und einen weiteren Piloten vergaß Vettel nicht zu erwähnen, wenngleich der mit der Formel 1 mittlerweile nichts mehr zu tun hat, sondern für die Rallye-Abteilung von Red Bull sein Glück versucht: den finnischen "Iceman" Kimi Räikkönen.

Der hatte 2007 ein vergleichbares Heldenstück wie Vettel fertiggebracht und war im WM-Finale vom dritten Platz auf den Formel-1-Thron vorgestoßen. Vettel hatte das nicht vergessen.

"Ich habe heute an Kimi gedacht", offenbarte er: "Man kann ihn mögen oder nicht, aber meine Situation war ähnlich. Wer Kimi kennt, der kennt seine größte Stärke, nämlich, dass er sich in manchen Situationen einen - Verzeihung - Dreck um alles schert und sein eigenes Ding durchzieht. Das habe ich mir auch vorgenommen."

Mateschitz will Vettel halten

Der Plan ging auf und Vettel wird seinen Namen also künftig in der Liste der Besten seiner Sportart wiederfinden. Und auch gutes Geld verdienen, wie der in Gelddingen gewandte Willi Weber ausgerechnet hat. Vettel habe seinen Marktwert verzehnfacht, so der frühere Schumacher-Manager.

Das weiß natürlich auch sein Team. Vettel werde "ein paar Mal Champion werden", prophezeite Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz, und natürlich will der österreichische Milliardär, dass Vettel dies in seinem Rennwagen gelingt.

"Der Weg zum Weltmeistertitel führt sicherlich in den nächsten Jahren über Sebastian, vorausgesetzt, er sitzt im richtigen Auto", sagte er: "Wir werden uns bemühen, ihm dieses Auto zu geben. Wenn wir dazu nicht imstande sind, dann muss man ihm auch verzeihen, dort hinzugehen, wo er wieder Weltmeister werden kann."

Feier-Marathon und Tests

Fürs Erste aber wartet ein wahrer Feier-Marathon auf den seligen Champion. Zunächst ging es nach der Siegesfeier im Emirat zurück an den Firmensitz nach Salzburg. Wo dann weitergefeiert wurde.

Tags darauf reist der Party-Zug weiter zur englischen Fabrik des Teams. Von dort aus wird Vettel zurück nach Abu Dhabi reisen, wo der Red-Bull-Pilot erstmals die neuen Pirelli-Reifen der kommenden Saison testen wird. "Im Cockpit ist es bestimmt ruhiger als in den nächsten Tagen", schwant dem Hessen.

Bis er endgültig begreifen wird, dass er der gekrönte König der Formel 1 ist, werde es aber noch ein Weilchen dauern, ahnte Vettel. "Ich werde es dann realisieren, wenn ich schlafen gehe."

Bisher hat der neue Formel-1-Weltmeister allerdings noch kein Bett dafür gefunden.

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