vergrößernverkleinern
Rekord-Weltmeister Michael Schumacher gratuliert seinem deutschen Nachfolger Sebastian Vettel (r.) © getty

Die Experten schwärmen vom neuen Weltmeister Sebastian Vettel. Dieser könne eine Serie hinlegen. Stimmt das? SPORT1 nennt Gründe.

Von Marc Ellerich

München - Sebastian Vettel ist in der Vergangenheit häufig mit dem deutschen Über-Fahrer Michael Schumacher verglichen worden.

Mit seinem Eintrag als jüngster Weltmeister aller Zeiten in die Geschichtsbücher der Formel 1 hat der Red-Bull-Star einen gewaltigen Schritt aus dem langen Schatten des siebenmaligen Champions getan.

Und schon wird der mit außerordentlichem Talent gesegnete Vettel nach seinem Last-Minute-Coup im Finale einer dramatischen Saison von vielen Experten als Begründer einer neuen Ära gefeiert. "Sebastian kann eine Serie hinlegen", urteilte zum Beispiel Weltmeister-Vorfahre Niki Lauda: "Er lernt aus jedem noch so kleinen Fehler und wiederholt keinen. Das ist das Wichtigste, wenn man auf Dauer ganz oben mitmischen will."

Auch viele andere frühere Stars hat der Deutsche längst für sich eingenommen. "Sebastian hat Potenzial ohne Ende", urteilte der Schotte Jackie Stewart: "Er wird mit den Jahren wachsen und reifen." Vettels Freund, Redkord-Weltmeister Schumacher, stufte Vettels Leistung als "großartig" ein.

"Hoffe, dass es mehrmals klappt"

Und sogar Vettel Red-Bull-Nebenmann und erbitterter Rivale der abgelaufenen Meisterschaft, der Australier Mark Webber, findet viel Lob für den elf Jahre jüngeren Kollegen.

"Sebastian verdient jeden einzelnen Applaus", meinte der 34-Jährige auf der offiziellen Team-Pressekonferenz am Firmensitz in Salzburg. (312858DIASHOW: Vettel-Mania in Hangar 7)

Vettel selbst ist vorsichtig, wenn er nach seinen Zukunftsplänen gefragt wird. "Ich hoffe natürlich, dass es noch mehrmals klappt. Aber ich glaube, der Weg zum Titel ist niemals ein Spaziergang", antwortete er im Salzburger Hangar 7 auf die Frage, ob er nun einen Bann gebrochen, womöglich sogar die Arä Vettel begonnen habe.

[kaltura id="0_4m7w0axn" class="full_size" title="Vettels Pressekonferenz in Salzburg"]

Vettel: 2011 Vollgas

Aber natürlich, seine Ziele für die kommende Saison lägen auf der Hand, formulierte der jugendliche Champion: "Die nächste Aufgabe heißt in meinem Fall, beide Titel (Red Bull ist auch Konstrukteurs-Weltmeister, d. Red.) zu verteidigen."

Er werde 2011 "mit Vollgas fortsetzen", was er in diesem Jahr begonnen habe: "Wir wollen da weitermachen, wo wir dieses Jahr aufgehört haben."

Also doch der Beginn der Regentschaft eines zweiten Deutschen in der Formel 1 nach der Schumi-Arä?

Ist das überhaupt realistisch bei der harten Konkurrenz mit der der österreichische Rennstall in der abgelaufenen Saison zu kämpfen hatte. SPORT1 nennt Gründe, die durchaus für weltmeisterliche Siegstrecke des charismatischen Vettel und seines Red-Bull-Teams sprechen.

Das Selbstbewusstsein: Der Sieg in Fahrer- und Teamdisziplin könnte sowohl den Piloten als auch dem gesamten Team einen gewaltigen Schub verleihen. "Dieses Jahr war für ein unabhängiges Team wie Red Bull phänomenal", urteilte Teamchef Christian Horner auf der Pressekonferenz in Salzburg: "Wir haben große Konkurrenten wie Ferrari und McLaren hinter uns gelassen. Wir sind ein junges Team und können auf diesem Erfolg aufbauen."

Und obwohl sich erst herausstellen wird, wie Red Bull mit der Rolle des Gejagten und den Regel-Änderungen der kommenden Saison zurecht kommen wird, glaubt Horner, dass Red Bull längst noch am Ende seiner Möglichkeiten angekommen ist.

"Es gibt viel Positives und eine Menge Lektionen, die wir gelernt haben. Wir haben erst einen flüchtigen Eindruck davon bekommen, wozu unsere Mannschaft fähig ist."

Die Fahrer-Paarung: Das Duell zwischen Vettel und Webber um den Titel war auf- und abseits der Piste beinhart. Auf der Rennstrecke erlebte der teaminterne Fight um die Weltmeister-Krone einen Höhepunkt beim Türkei-Grand-Prix, als sich das Duo gegenseitig von der Piste räumte.

Wurde nicht gefahren, ging es ebenfalls deftig zu. So bezichtigte Webber sein Team mehrfach, Vettel zu bevorzugen. Befeuert wurde das Ganze durch Red Bulls bewussten Verzicht auf eine Teamorder, welche die Hierarchie zugunsten des einen oder des anderen hätte klären können.

In Salzburg zeigten sich der Deutsche und sein australischer Teamkonkurrent versöhnlich. Man habe sich ausgesprochen, verkündete Vettel. "Das war wichtig und hat uns beiden gut getan", erklärte er während der Pressekonferenz. Webber sprach von "Mikro-Schlachten", die medial aufgeblasen worden seien.

Der für den österreichischen Rennstall vielleicht wichtigste Effekt der Fehde war dem erfahrenen Australier aber nicht entgangen: "Die Situation hat das Team letztlich nach vorne gebracht, auch wenn wir einige Punkte liegen ließen, weil die Rivalität manchmal zu groß war."

Auch Horner sagt: "Sie haben gegenseitig das Beste aus sich herausgeholt." Dass sich am erbitterten sportlichen Wettstreit des Duos 2011 etwas ändern könnte, ist nicht zu erwarten. Webber steht auch in der kommenden Saison bei den Österreichern unter Vertrag und kündigte in Salzburg an: "Es geht weiter. Ich freue mich auf die kommende Saison. Dann beginnt der Fight wieder von vorne."

Und er hat nicht vor nachzulassen: "Natürlich wäre es eine Belohnung, den amtierenden Weltmeister zu schlagen, noch dazu, wenn der im eigenen Team fährt."

Der RB7: Schon 2009 verpasste Red Bull die Konstrukteurs-WM hauchdünn - vor allem aufgrund des umstrittenen Doppel-Diffusors, mit dem sich das Brawn-Weltmeister-Team anfangs einen gewaltigen Vorteil verschafft hatte.

2010 war der RB6 dann endgültig das überlegene Auto im Feld, zu Beginn der Saison zwar fehleranfällig, aber letztlich pfeilschnell. 15 von 19 Pole-Positionen gingen an Red Bull - zehn davon an den neuen Weltmeister - womit die Österreicher einen alten Pole-Rekord von McLaren und Williams egalisierten. Der Konstrukteurs-Titel war die logische Konsequenz. In Adrian Newey hat das Team weiterhin den begehrtesten Design-Guru der gesamten PS-Liga in seinen Reihen.

Teamchef Horner hat also Grund genug, vom nachtblauen Renner, Version 2011, viel zu erwarten. "Wir haben 2009 nicht sehr früh mit der Entwicklung begonnen und sind dennoch mit einem guten Auto in die Saison gegangen", sagte der Engländer: "Und obwohl wir das ganze Jahr über um den Titel gekämpft haben, haben wir auch für diese Saison ein gutes Auto entwickelt." Soll heißen: Das schaffen wir wieder.

Sein Entwicklungschef Newey machte ihm Mut. Er sah sein Team schon in der Vergangenheit gegenüber den großen Rennställen benachteiligt, vor allem aufgrund des Verbots der Motoren-Entwicklung in der Formel 1. Dennoch habe sich Red Bull durchgesetzt: "Wir waren in der Lage, sie auszutricksen und mit einem guten Paket an den Start zu gehen. Das hat uns einigen Schub gegeben."

Der Vettel-Faktor: Die Experten schwärmen aus gutem Grund vom neuen Weltmeister: Im deutschen Champion sitzt, defensiv formuliert, das größte Talent der jüngeren Formel-1-Geschichte hinter dem Red-Bull-Steuer. Vettel ist es gewohnt, Rekorde zu brechen und bei dem, was er tut, stets der Erste zu sein: Jüngster Formel-1-Starter, jüngster Pole-Setter der Geschichte, jüngster Grand-Prix-Sieger, jetzt die vorläufige Krönung als jüngster Titelträger.

Und wer weiß, vielleicht wird Vettel seine strahlende Karriere eines Tages auch als ältester Champion der Formel 1 beenden, auch wenn er selbst sich das im Moment nicht vorstellen mag? "Der älteste Weltmeister war Fangio mit 46 Jahren", sagte der Erbe des Argentinier in Salzburg: "In dem Alter sitze ich bestimmt nicht mehr hinter dem Steuer."

Ein Argument gegen den Beginn der Ära Vettel ist das allerdings nicht.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel