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Michael Schumacher war 1994, 1995 und von 2000 bis 2004 Fahrer-Weltmeister © imago

Der Doppel-Ausfall ist nicht das größte Problem: Ein missratenes Wochenende zieht alle Hoffnungen bei Mercedes in Zweifel.

Von Martin Hoffmann

München - Es hätte doch alles besser werden sollen.

Unzählige Mengen an Druckerschwärze, Fernsehzeit und Online-Speicherplatz hatten Michael Schumacher, Nico Rosberg und das Mercedes-Team in der formel-1-freien Zeit verwendet, um diese im Kern immer gleiche Botschaft unter Volk zu bringen:

Dass die missratene Debütsaison abgehakt wäre und die Zuversicht groß, dass man nun zu großen Taten schreiten könnte: Zum WM-Titel im Idealfall, auf jeden Fall aber zu einem großen Schritt dorthin.

Vielen Außenstehenden muss es nach dem Rennen in Melbourne 371072(die Bilder) langsam vorkommen wie die Presseerklärungen der Deutschen Bahn, dass das mit der verbesserten Pünktlichkeit schon bald werden würde (Ab 21 Uhr im TV auf SPORT1: Die Highlights des Rennens).

Zerschlagener Optimismus

Dabei waren Schumi und Co. mit ehrlichem Optimismus nach Australien gereist ? begründetem obendrein, blickt man auf die fabelhaften Testergebnisse in Barcelona.

Da erschien es eigentlich nicht vermessen, dass Schumacher vor dem Rennwochenende davon sprach, dass man erster Verfolger von Weltmeister Red Bull werden könne.

Doch das freudig erwartete Renn-Wochenende wurde zu einer Komplett-Katastrophe: Von den problembehafteten Trainingseinheiten über das enttäuschende Qualifying bis zu dem Doppel-Ausfall beim Sieg von Weltmeister Sebastian Vettel (DATENCENTER: Das Rennergebnis).

Pech und Unvermögen

Wobei der für Mercedes nicht mal das Bitterste war: Beide Abflüge waren Folge von unverschuldeten Kollisionen, sie waren Pech.

Das größere Problem ist dass das, was vorher aufgeschienen war, Unvermögen war.

Das Unvermögen, ein Auto auf die Strecke zu bringen, das den gewachsenen Ansprüchen Genüge getan hätte.

Unerwartete Zicken

"Dieser Nachmittag wäre auch so sicherlich nicht einfach geworden", verdeutlichte Schumacher nach dem Rennen.

Motorsport-Chef Norbert Haug erklärte gar: "Wir können uns nur bei unseren Fahrern entschuldigen, dass wir sie nicht mehr ans Fahren bekommen haben."

Rund lief der Bolide nämlich das ganze Wochenende nicht: Es gab Probleme mit den neuen, verstellbaren Heckflügeln und auch unerwartete Zicken des wieder eingeführten KERS.

[kaltura id="0_bjwc0jhk" class="full_size" title="Vettel erkl rt KERS und Fl gel"]

Die Gründe hierfür konnte Haug nicht benennen.

"Es ist bei unserem Auto eben nur hier aufgetreten", konnte er nur rätseln: "McLaren und Force India nutzen das gleiche System und bei ihnen funktionierte es. Wir müssen schauen, ob es ein Installationsthema ist."

Die Fahrer verstehen ihr Auto nicht

Im Rennen kam KERS deshalb nicht zum Einsatz - zu Rosbergs Missfallen: "Am Start hast du gegen die KERS-Autos einfach keine Chance."

Mercedes konnte "keine Trainingssitzung richtig nutzen, um das Auto abzustimmen", wie Haug feststellen musste.

Und so fügten sich die vielen kleinen Schwierigkeiten zu einem allumfassenden Großproblem zusammen: Die beiden Fahrer verstanden ihr eigenes Auto nicht.

"Wenn der Fahrer kein Vertrauen ins Auto hat, kann er auch nicht das Maximum herausholen", bemerkte Haug schon vor dem Rennen.

Schumacher reagiert abgeklärt...

Ein beunruhigender Stand der Dinge, mit dem die beiden Fahrer vor der Öffentlichkeit aber sehr unterschiedlich umgingen.

Schumacher bewältigte die Fragerunden nach dem Rennen unter dem Einsatz aller professionellen Abgeklärtheit und Diplomatie, die er sich in 20 Jahren Formel 1 angeeignet hat.

Sprach allgemein von "ganz anderen Erwartungen in dieses Wochenende" und versprach "intensives Arbeiten" bei der Suche nach "einer Lösung".

Einer Lösung des Rätsels "warum das Auto nicht so funktionierte, wie es schon funktioniert hat".

... Rosberg verstört

Der junge Kollege Nico Rosberg gab sich dagegen wenig Mühe zu verbergen, dass er regelrecht verstört ist.

"Ein großes Grinsen im Gesicht" habe er zu Beginn des Wochenendes noch gehabt: "Ich war mir sicher, da haue ich voll rein."

Doch dann? "Wir verstehen nicht, warum wir jetzt auf einmal im Niemandsland sind", legte er die Hilflosigkeit der deutschen Silberpfeile in aller Brutalität offen.

Viel zu analysieren

Es gibt einiges zu analysieren in den Tagen nach Melbourne. Hierzu habe Mercedes "gute Füchse im Team", erklärte Haug.

Schumacher glaubt ebenfalls "alles in allem" weiterhin, "dass wir Potenzial besitzen. Das haben wir bei den Wintertests bewiesen, und ich bin überzeugt, dass wir zurückschlagen werden".

Und auch bei Rosberg steht der Schock über das missratene Wochenende in bemerkenswertem Kontrast zur behaupteten Sicherheit, dass sich die Dinge schnell einrenken: "Zum nächsten Rennen wird es auf jeden Fall in die richtige Richtung gehen."

"Nicht in Ansagen ergehen"

Mercedes klammert sich an die Hoffnung, dass das missratene Wochenende eine Einzelerscheinung bleibt und nicht wieder zur Regel wird.

Es wird doch noch alles besser? Haug weiß selbst, dass derartige Parolen im Moment nicht gut kommen: "Wir müssen uns nicht in Ansagen ergehen, sondern Leistung zeigen."

Das Dumme ist: Mehr als Ansagen hat sein Team im Moment wieder nicht zu bieten.

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