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Sebastian Vettel steht im vierten Saisonrennen zum Mal auf der Pole © getty

Sebastian Vettel braucht in der Türkei nur einen Versuch für die Pole. Er steigt vorzeitig aus dem Auto. Nico Rosberg ist mutig.

Von Marc Ellerich

München - Es ist vor der Saison und im bisherigen Verlauf des Formel-1-Jahres ausdauernd darüber debattiert worden, wie groß die Überlegenheit des Red-Bull-Teams ist.

Nach dem samstäglichen Qualifying (Zusammenfassung, ab 23.10 Uhr im TV auf SPORT1) auf dem Istanbul Park Circuit darf als gesichert gelten: Diese Debatte ist noch lange nicht beendet.

Denn: Weltmeister Sebastian Vettel und mit kleinen Abstrichen auch sein Teamkollege Mark Webber haben dem Thema ein weiteres Kapitel hinzugefügt.

Eines, das die Konkurrenz niederschmettern dürfte: Mit einem einzigen Run raste Vettel im Quali-Finale auf dem Istanbuler Otodrom zur Pole-Position - seiner vierten in dieser Saison. (Bericht)

1:25,049 Minuten benötigte er beim Türkei-Grand-Prix (So., ab 13.45 Uhr im LIVE-TICKER) für seinen schnellsten Umlauf.

Red Bull spart Reifen

Auch Webber unternahm lediglich einen Versuch für seinen zweiten Platz, den er mit einer Zehntelsekunde Vorsprung auf Mercedes-Pilot Nico Rosberg sicherstellte. (DATENCENTER: Die Startaufstellung)

Webbers Abstand zum eigenen Teamkollegen lag bei einer knappen halben Sekunde.

Die Zeiten sind das eine. Wie sie zu Stande kamen das andere: Das Red-Bull-Duo konnte es sich leisten, zwei Minuten vor Ende der Session ihre RB7 in der Garage abzustellen und dem hilflosen Treiben der Konkurrenz zuzusehen. Reifensparen war angesagt im Pirelli-Zeitalter.

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Vettel entschuldigt sich

Ein in den letzten Jahren in der Königsklasse des Motorsports noch nie dagewesenes Bild. Zumal der 23 Jahre alte Hesse am Freitag im Platzregen noch ganz andere Impressionen dargeboten hatte, als er im Training in der berüchtigten Kurve 8 seine "Kinky Kylie" schrottreif fuhr. (398545Bilder: Vettel zerlegt Kylie)

Seht her, der Weltmeister ist verwundbar, mag da so mancher gedacht haben. Aber nur einen Tag später war der Eindruck ein völlig anderer. So in etwa: Das Crash-Kid braucht kein Training, um unantastbar zu sein.

Vettel war der Highspeed-Crash offensichtlich peinlich. Nach seiner Pole-Fahrt entschuldigte er sich bei seinem Team für die viele Arbeit, die er bereitet haben.

"Ein seltsames Gefühl"

Danach berichtete er, dass ihm der vorzeitige Feierabend nicht ganz geheuer gewesen ist: "Das ist ein seltsames Gefühl. Die anderen sind auf der Strecke, und du weißt, dass sie dich schlagen können. Du kannst nur zuschauen und nichts tun."

Doch wer mag ihm das wirklich glauben. Die besiegten Rivalen - McLaren-Star Hamilton fehlte auf Platz vier über eine halbe Sekunde, Ferrari-Star Alonso und Ex-Weltmeister Jenson Button lagen noch weiter zurück - werden vermutlich Vettels Vorgesetztem, Motorsport-Leiter Helmut Marko, genauer zugehört haben.

Marko nahm für sein Weltmeister-Team ohne Umschweife die Platzhirsch-Rolle an. "Wir sind immer dabei - unabhängig von der jeweiligen Strecke", urteilte der promovierte Ex-Rennfahrer: "Wenn keine Fehler oder Probleme auftreten, sind wir die absoluten Favoriten."

Rosberg provoziert Webber

Nico Rosberg pflichtete ihm bei: "Natürlich sind sie derzeit schneller, auch im Rennen."

Aber ob es am Ehrgeiz lag, am Hochgefühl oder kühlem Realismus, der zweitbeste Deutsche traute sich nach seinem dritten Platz zu, die Bullen angreifen zu können.

Zumindest Webber hält er ganz offensichtlich für schlagbar. "Ich werde einen erstaunlichen Start hinlegen", kündigte Rosberg an: "Ich bin auf der sauberen Seite der Piste, also werde ich direkt an Mark vorbeiziehen. Dann werden wir sehen."

Worauf er prompt einen Anpfiff Webbers kassierte, der den forschen Spruch mitbekommen hatte. "Jetzt bleib mal ernst", moserte der Australier.

Schumi tief enttäuscht

Aber Rosberg blieb euphorisch. Glücklich sei er über den Fortschritt seines anfangs so schwachbrüstigen Mercedes-Renners: "Für uns ist das ein tolles Resultat. Wir steigern uns von Rennen zu Rennen und stehen jetzt nur fünf Zehntel hinter Red Bull."

Was allerdings nur für die eine Hälfte des Mercedes-Gespanns galt. Rekord-Weltmeister Michael Schumacher zeigte sich nach der türkischen Qualifikation tief enttäuscht, obwohl er als Achter seinen besten Startplatz 2011 ergattert hatte.

Kein Wunder, noch im Abschlusstraining am Vormittag war Schumi Vettel bis auf eine Tausendstelsekunde nahe gekommen. Am Nachmittag fehlten ihm satte 1,6 Sekunden.

"Ich bin überhaupt nicht zufrieden. Es hat gar nicht funktioniert", ärgerte sich der siebenmalige Weltmeister: "So weit weg, das ist ungewöhnlich. Der Grip war nicht da, verglichen mit heute morgen, warum auch immer. Je mehr ich mich angestrengt habe, desto mehr Dinge sind schiefgegangen."

Hamilton übt Kritik

So wird Schumacher also ins Startduell mit dem hinter ihm positionierten, alten Bekannten Nick Heidfeld ziehen, seine Landsleute dagegen ins intensive Rennen um den ersten Platz.

Vettel vermutet, dass ihm sein dritter Saisonerfolg, aufgesparte Reifen hin oder her, nicht so mühelos zufliegen wird, wird der erste Startplatz.

Webber, Rosberg, Hamilton, Alonso, Button, keiner seiner Widersacher hat sich nach der Machtdemonstration des Deutschen aufgegeben. Hamilton, zuletzt in China Vettels Bezwinger, meinte zum Beispiel: "Wir sind definitiv im Kampf dabei und werden die ganze Zeit attackieren." Allerdings kritisierte er McLarens Strategie, ihn im Finale zwei Läufe unternehmen zu lassen.

Vorsichtiger Vettel

Vielleicht schwingt beim Engländer ein wenig Hoffnung mit, dass sich die Red-Bull-Stars gegenseitig auf die Hörner nehmen wie im Vorjahr. Damals sagte McLaren danke: Hamilton gewann vor Button.

Marko schloss eine Wiederholung aus, doch sein junger Pilot blieb vorsichtig: "Wir sind stolz auf das, was wir geleistet haben. Doch das schwerere Stück Arbeit kommt morgen", meinte Vettel.

Dennoch hoffe er, "dass ich morgen wieder hier sitzen und alle Mütter grüßen kann". Eines hatte der rasend schnelle Strahlemann im Eifer des Gefechts nämlich nicht vergessen: Am Sonntag ist Muttertag.

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