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Button (r.) überholt Schumacher auf dem Weg zu seinem 10. GP-Sieg © getty

Spektakel für die Zuschauer - Frust bei den Fahrern: DRS gerät immer stärker in die Kritik. Nicht nur Sebastian Vettel warnt.

Von Tobias Wiltschek

München - 66. Runde beim Großen Preis von Kanada:

Michael Schumacher fährt das stärkste Rennen seit seinem Comeback, liegt kurz vor Schluss auf dem zweiten Platz - das erste Podium seit 2006 ist greifbar nah. ("Mega!": Schumi wieder da)

Dann aber zieht Jenson Button in seinem McLaren mit einer Leichtigkeit an Schumi vorbei, dass man annehmen könnte, der Rekordchampion habe plötzlich das Gaspedal mit der Bremse verwechselt.

Spektakel für die Zuschauer

Als wenig später auch noch Red-Bull-Pilot Mark Webber Schumacher stehen lässt, ist der Mercedes-Fahrer wieder aus den Podestplätzen gerutscht - und die Diskussion um die verstellbaren Heckflügel voll entbrannt.

Die beiden Manöver waren nur zwei von vielen Überholvorgängen, die das Rennen in Montreal zu einem Spektakel für die Zuschauer werden ließen. (417508DIASHOW: Bilder des Rennens)

Bei den Piloten aber regt sich Widerstand gegen das in dieser Saison eingeführte Drag Reduction System (DRS).

Höchstens eine Sekunde Rückstand

Dies ermöglicht es den Fahrern, in einer von der jeweiligen Rennleitung festgelegten Zone ihren Heckflügel flacher zu stellen und damit den Luftwiderstand zu verringern - vorausgesetzt, sie befinden sich in dem Moment höchstens eine Sekunde hinter dem Vordermann.

So flogen Button und Webber förmlich an Schumi vorbei, ohne dass der sich wehren konnte. Denn das DRS darf lediglich zum Überholen verwendet werden.

In der letzten Runde lag Schumacher 1,1 Sekunden hinter Webber und durfte deshalb nicht noch einmal den DRS-Knopf für einen Angriff drücken. "Wer weiß, was sonst passiert wäre?", fragte Mercedes-Sportchef Norbert Haug nach dem Rennen hypothetisch.

DRS beeinflusst Entscheidung

Die neue Technik hat auch den Kampf um den Grand-Prix-Sieg maßgeblich beeinflusst. Sebastian Vettel machte den entscheidenden Fehler kurz vor Schluss auch deshalb, weil er unbedingt diese ominöse Sekunde Vorsprung vor Button halten wollte. (Vettel verschenkt Sieg)

"Bei diesen Bedingungen musste ich natürlich besonders hart pushen und ich versuchte alles, um bis zur Gegengeraden eine Lücke zu behalten", sagte der Red-Bull-Pilot in einem "ESPN F1"-Interview. "Wäre Jenson in der DRS-Zone nahe dran gewesen, wäre er problemlos an mir vorgegangen."

In Montreal, wo erstmals zwei DRS-Bereiche integriert wurden, war der Geschwindigkeitsvorteil durch das neue System so gravierend, dass Vettel vor einem übertriebenen Einsatz der Technik warnt: "Am Ende muss man vorsichtig sein, wie groß man die Zone macht."

Keine Chance zur Verteidigung

Natürlich könne es so passieren, dass Überholen zu einfach werde, wie in Kanada, meinte der amtierende Weltmeister. "Wenn man direkt hinter einem anderen liegt und den Flügel öffnet, dann hat der andere Kerl keine Chance, sich zu verteidigen, was sicher nicht die Idee war."

Dabei gehört das DRS-System von McLaren offenbar noch nicht einmal zu den besten in der Formel 1. "Mercedes und Ferrari haben ein sehr gutes DRS, die gewinnen damit 20 km/h. Uns fehlen da zwölf km/h", sagte Button in Montreal.

Adrian Sutil hielt den Einsatz des neuen Systems auf dem Circuit Gilles de Villeneuve sogar für gänzlich überflüssig. Schon zuvor sei es in Kanada nicht zu schwer gewesen zu überholen. "Es gab viele Möglichkeiten während des Rennens durch den Windschatten jemanden zu passieren", so der Force-India-Pilot.

Sutil vermisst den Kampf

Auch der Bayer bezweifelt, dass der inflationäre Anstieg der Überholmanöver im Sinne der Erfinder gewesen ist. Sutil vermisst den wahren Kampf um die Positionen und erinnerte an den Türkei-GP, bei dem es ebenfalls zahlreiche Manöver gab:

"Man ließ den Gegner einfach vorbeiziehen und wusste, dass man ihn in den nächsten Runden wieder überholen konnte. Das ist kein richtiger Kampf."

Vettels Hoffnung

Auch beim kommenden Rennen in Valencia haben die Fahrer zweimal in einer Runde die Möglichkeit, das DRS-System anzuwenden. Eine Überholorgie wie in Montreal erwartet Vettel auf dem Hafenkurs allerdings nicht.

"Die Streckenführung in Valencia ist anders und es wird aus einigen Gründen schwieriger sein, zu überholen", meint Vettel. Vor allem er wird hoffen, dass er mit seiner Einschätzung recht behält.

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