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Fernando Alonso fährt in Silverstone den 27. Grand-Prix-Sieg seiner Karriere ein © getty

Der Ferrari-Star feiert seinen Silverstone-Sieg, und sieht Vettel dennoch einteilt. Webber kritisiert die Red-Bull-Teamorder.

Von Marc Ellerich

München - Sebastian Vettel suchte nicht nach Ausreden, das ist ihm ohnehin sehr fremd, er gratulierte Fernando Alonso aufrichtig zum Sieg beim Großbritannien-Grand-Prix. (Bericht: Alonso als Nutznießer von Vettel-Panne)

"Wir müssen ganz fair akzeptieren, dass Ferrari uns heute geschlagen hat", sagte der Red-Bull-Weltmeister nach den 52 Runden auf dem Silverstone-Circuit, die er auf Platz zwei hinter dem spanischen Ferrari-Star abschloss und mit hauchdünnem Vorsprung vor seinem Teamkollegen Mark Webber. (DATENCENTER: Rennergebnis)

Vor allem den politischen Trubel um das Zwischengas-Verbot, das am englischen Rennwochenende für viele aufgeregte Diskussionen gesorgt hatte, erwähnte der Weltmeister anschließend mit keinem Wort.

Ferrari wurde allgemein als größter Profiteur der Regelung betrachtet, Red Bull als Erster der Verlierer, und mancher wird Alonsos ersten Saisonerfolg im neunten Rennen des Jahres als Beleg für diese Sicht bewerten. Vettel dagegen meinte: "Bereits in den vergangenen Rennen hat sich ein Trend angedeutet. Sie haben ihr Auto verbessert und hatten ein gutes Renntempo."

Patzer in Runde 27

Alonso äußerte sich nach seiner ersten 25-Punkte-Fahrt in dieser Saison ähnlich: "Wir wussten, dass das Auto genügend Tempo hatte, um um den Sieg zu kämpfen."

Dass er den Siegerpreis aus den Händen des englischen Prinzen Harry dann tatsächlich entgegennehmen durfte, lag letztlich auch daran, dass Vettel und sein Team sich bei schwierigen Streckenbedingungen und tückischem Wetter einen Fehler zu viel erlaubten.

Der dickste Patzer, der letztlich rennentscheidend wurde, ereignete sich in Runde 27.

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"Hier ein Fehler, da ein Fehler"

Nach einem Traumstart in Führung liegend, wollte Vettel sich zum zweiten Mal frische Reifen abholen - und stand ewige 11,7 Sekunden in der Red-Bull-Box. "Wir mussten das Auto noch einmal anheben", berichtete der 24 Jahre alte Heppenheimer.

Ursache für das Wechsel-Malheur, das Vettel vorübergehend auf Platz drei hinter Alonso und McLaren-Star Lewis Hamilton zurückwarf, war ein gebrochener Wagenheber, wie Teamchef Christian Horner später erläuterte.

Vettel kommentierte den dicken Schnitzer mit der Gelassenheit des überlegenen WM-Führenden: "Hier ein Fehler, da ein Fehler, du kannst es nicht jedes Mal perfekt hinkriegen. Alles in allem war es ein sehr gutes Rennen."

Vettel führt komfortabel

Eine Mahnung an sein Team vergaß der jüngste Champion der Formel-1-Geschichte allerdings nicht: "Das Rennen hat gezeigt, dass wir weiter hart arbeiten müssen, um beim nächsten Mal wieder vorne aufzutauchen."

Ernsthaft Grund, beunruhigt zu sein, hat Vettel aber nicht. Sein Vorsprung auf seinen ersten Verfolger Webber beträgt komfortable 80 Punkte, der Abstand zu Alonso ist noch deutlicher. (DATENCENTER: WM-Stand)

Hamilton, der von Startplatz zehn aus einen entfesselten Grand Prix fuhr, in der Schlussphase aber zum Spritsparen verdonnert wurde und letztlich Vierter wurde, liegt ebenso wie sein ausgefallener englischer Teamkollege Jenson Button aussichtslos zurück.

Alonso: Abstand ist massiv

Alonso, der seinen zweiten Sieg auf der ungeliebten englischen Strecke als "großen Schub" bezeichnete, weiß, dass er den Deutschen nur gefährden kann, wenn ab sofort alles zu seinen Gunsten läuft.

"Wenn Sebastian so weiterfährt, immer Erster oder Zweiter wird, können wir nicht viel machen", analysierte der Ferrari-Star und verbat jegliche Titel-Träumereien: "Es gibt derzeit keine Gedanken daran, weil der Abstand zu Sebastian massiv ist. Wir müssen jedes Wochenende genießen."

Gleichwohl hat sich der Pilot aus Oviedo, der sich zwischendurch von Hamilton überholen lassen musste, diesen dann später aber spielend auskonterte, seine Taktik für die kommenden Grands Prix noch vor Saisonmitte zurechtgelegt.

Webber wird zurückgepfiffen

"Von nun an wird es jedes Mal dasselbe sein. Wir werden jedes Rennen angehen, als sei es ein Finale. Jedes Rennen, jeder Start, jede Strategie wird sich am Maximum bewegen."

Und vielleicht machen sich die Bullen ja selbst das Leben schwer, wie es sich in England andeutete. Auf den letzten Kilometern des Grand Prix' gerieten Vettel, bei dem Reifen und offenbar auch das Bremsenergie-Rückgewinnungssystem KERS nicht mehr tadellos funktionierten, und der bis dahin recht harmlose Webber aneinander.

Auf Biegen und Brechen wollte sich der Australier noch an Vettel vorbeizwängen - und hatte nicht einmal schlechte Chancen. Doch seinem Team wurde das Treiben zu bunt: Red-Bull-Vorsteher Christian Horner befürchtete ein Null-Punkt-Desaster und pfiff Webber zurück. "Halte den Abstand ein", lautete sein Befehl.

Webber: Bin nicht einverstanden

Den habe er "natürlich ignoriert", berichtete Webber später und fügte hinzu: "Natürlich bin ich damit nicht einverstanden, ich habe bis zum Ende gekämpft."

Und Vettel räumte ein: "Wir fahren gegeneinander, daran ist nichts falsch. Mark war schneller. Gott sei Dank konnte ich ihn hinter mir halten. Aber es gibt aus Teamsicht keinen Grund, etwas Dummes zu tun, wenn die Autos isoliert auf Platz zwei und drei liegen."

Webber weigerte sich vor Ort zwar den Status als zweite Geige im österreichische-englischen Team zu akzeptieren, aber deutlicher kann seine Degradierung kaum ausfallen.

Chancen für Vettels Verfolger?

Zur Erinnerung: Im Vorjahr hatte Webber an selber Stätte seinen neuen Frontflügel an Vettel abtreten müssen und sich nach seinem Sieg mit dem Satz revanchiert: "Nicht schlecht für einen Nummer zwei."

Je nachdem wie er sich künftig verhält, könnten sich Vettels abgeschlagenen Verfolgern ungeahnte Chancen eröffnen.

Gegen einen gepflegten Stierkampf in den kommenden Grands Prix hätte Fernando Alonso gewiss nichts einzuwenden.

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