Vorteil Webber: Aus Vettels langem Schatten
Von Tobias Wiltschek
München - Diesmal hielt sich der Red-Bull-Pilot mit zynischen Kommentaren zurück.
Nach seinem Erfolg in Silverstone 2012 (Bericht) freute ich Mark Webber ganz einfach nur für das Team aus dem nahe gelegenen Milton Keynes, dem er mit seinem Triumph einen Heimsieg beschert hatte ( DATENCENTER: Das Renn-Ergebnis).
Und er bedankte sich artig bei den Fans dafür, "dass sie uns in den vergangenen Tagen die Treue gehalten haben".
Vor zwei Jahren hatte Webber noch ganz anders geklungen. Seinen ersten Sieg auf der britischen Traditionsstrecke kommentierte er mit den Worten: "Nicht schlecht für einen Nummer-zwei-Fahrer."
Gefühl der Benachteiligung
Den Spruch schleuderte er damals seinem Teamchef Christian Horner um die Ohren. Dem Briten warf er vor, ihn bei der Vergabe neuer Autoteile gegenüber Sebastian Vettel zu benachteiligen.
Der Triumph in Silverstone 2010 war deshalb auch eine große Genugtuung für den Australier, der damals schon im Schatten seines jungen Teamkollegen stand.
Das Ende der Saison ist Geschichte: Vettel fuhr im letzten Rennen in Abu Dhabi zum Sieg und zog damit nicht nur am bis dahin führenden Fernando Alonso, sondern auch an Webber vorbei.
Mit dem Weltmeister-Titel zementierte der Heppenheimer bei den "Bullen" seine Position als Nummer 1, die er sich auch im folgenden Jahr nicht streitig machen ließ.
Stallorder an gleicher Stelle
Am deutlichsten sichtbar wurde die Stallorder, die es offiziell nicht gab, auch 2011 in Silverstone.
Obwohl Webber in der Schlussphase auf Rang drei liegend mit besseren Reifen schneller unterwegs war als der zweitplatzierte Vettel, wurde er von den Verantwortlichen zurückgepfiffen.
"Mark, halte Abstand", forderte ihn Horner auf. Der Teamchef gab anschließend zu Protokoll, dass er mit seiner Warnung lediglich einen teaminternen Crash verhindern wollte. Ihn dürfte aber vor allem gefreut haben, dass Vettel am Ende unbeschadet hinter Alonso seinen zweiten Platz verteidigen konnte.
Webber: Mache Vettel keine Geschenke
Sprach vor einem Jahr noch alles klar für Vettel, haben sich die Kräfteverhältnisse nun verschoben (DIASHOW: Bilder aus Silverstone).
Nicht Vettel, sondern der 35-jährige Routinier aus Australien hat nach neun von 20 Rennen die besseren Karten im Kampf um die WM-Krone. Mit 116 Punkten liegt er nur noch 13 Zähler hinter Spitzenreiter Alonso - und schon 16 Punkte vor seinem Stallgefährten ( DATENCENTER: WM-Stand Fahrer).
"Im letzten Jahr hat das Team alles auf Seb gesetzt, um früh die WM einzufahren. Dieses Jahr nicht. Wir dürfen frei kämpfen", erklärte Webber nach dem Grand Prix mit spürbarer Befriedigung: "Ich habe einen guten Lauf und denke nicht im Traum daran, ihm da ein Geschenk zu machen."
"Mark ist der verdiente Sieger", lobte Vettel seinen zehn Jahre älteren Teamkollegen, der nach seinem eindrucksvollen Triumph in Monaco den zweiten Saisonsieg folgen ließ. Für den Titelverteidiger reichte es in diesem Jahr erst zu einem Grand-Prix-Erfolg.
Hängender Kopf statt Vettel-Finger
Eine Bilanz, die nicht spurlos am erfolgsverwöhnten Deutschen vorbeigeht. Vettel sah man in dieser Saison bislang häufiger mit hängendem Kopf als mit seinem erhobenen Siegerfinger.
Dass er den beim Großen Preis von Europa vor zwei Wochen nicht zeigen konnte, lag an einem technischen Defekt, der ihn zur Aufgabe zwang.
Allerdings gab er auch der Rennleitung eine Teilschuld daran. Den Einsatz des Safety-Cars nach einer Kollision zwischen Jean-Eric Vergne und Heikki Kovalainen kritisierte er als "nicht notwendig". Damit habe er unnötiger Weise seinen 20-Sekunden-Vorsprung auf den Rest des Feldes verloren.
Mit der Behauptung habe er jedoch keine Verschwörungstheorien aufstellen wollen, wie er einige Tage später bekräftigte.
Webber gelassen
Viel gelassener dreht bislang Mark Webber seine Runden in dieser Saison. "Es läuft ganz gut im Moment", sagte er nach dem neunten Grand-Prix-Sieg seiner Karriere: "Um mein Selbstbewusstsein steht es auch nicht so schlecht."
Für den ehemaligen Formel-1-Piloten und heutigen TV-Experten Marc Surer ist Webber einer, "der wenn das Auto oder die Bedingungen nicht ganz perfekt sind, trotzdem das Maximum rausholen kann".
Status verbessert, folgt nun die Verlängerung?
Auch bei seinem Team konnte Webber seinen Status offenbar verbessern. Zumindest sind öffentliche Diskussionen um eine vermeintliche Benachteiligung bei der Ausrüstung, wie noch vor zwei Jahren, nicht mehr zu hören.
Statt auf Wechsel zu Ferrari, wie vor einigen Wochen noch spekuliert wurde, stehen die Zeichen derzeit eher auf Vertragsverlängerung. "Mark macht einen großartigen Job. Er fährt in diesem Jahr sehr gut", erklärte Horner und deutete damit an, dass der Australier auch nach 2012 bei Red Bull bleiben könnte.
Laut "Sport Bild" könnte die Vertragsverlängerung schon in der Sommerpause nach dem Großen Preis von Ungarn (29. Juli) fix gemacht werden.
"Im August wird unsere Fahrerfrage für 2013 geklärt", deutete auch Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko an.
Alonso lobt Webber
Ein weiteres Zeichen von Webbers Stärke ist seine Konstanz: Nach neun Rennen musste der WM-Dritte von 2010 und 2011 noch keinen einzigen Ausfall in dieser Saison hinnehmen. Lediglich einmal - in Barcelona - fuhr er nicht in die Punkteränge.
Das weiß auch Alonso: "Es ist keine Überraschung, dass er mich herausfordert. Er hatte ein schwieriges letztes Jahr, aber in dieser kuriosen Saison mit den ständig wechselnden Bedingungen ist er sehr gut."
Der WM-Leader reagiert auf die Webber-Gerüchte ganz gelassen: "Oh, es wäre keine große Änderung für mich, nur dass Mark etwas größer ist als Felipe."
Auf seine Platzierung in der WM-Wertung lege er derzeit noch keinen großen Wert, sagt Webber.
Doch dass Vettel mittlerweile schon seit zwei Wochen hinter ihm liegt, dürfte auch dem Mann aus Down Under nicht entgangen sein.