vergrößernverkleinern
Wieder kein Heim-Erfolg: Rekord-Champ Schumacher und Weltmeister Vettel (r.) © getty

Der Red-Bull-Weltmeister bestraft, Rekord-Champion Schumi durchgereicht. Die deutschen Stars erleben ein Rennen zum Vergessen.

Vom Hockenheimring berichtet Marc Ellerich

Hockenheim - Erst Manipulationsvorwürfe, dann ein verlorener zweiter Platz beim Deutschland-Grand-Prix.

Das Heimat-Rennen 2012 in Hockenheim wird Sebastian Vettel so schnell ganz gewiss nicht vergessen (Rennbericht).

Zunächst kam er auf den 306 Kilometern auf dem badischen Traditionskurs einfach nicht am spanischen Pole-Setter Fernando Alonso vorbei.

Dann nahmen ihm die Stewards um den früheren Piloten Derek Warwick seinen zweiten Platz, den er durch ein umstrittenes Überholmanöver gegen McLaren-Pilot Jenson Button zwei Runden vor Schluss erkämpft hatte.

Vettel: Wollte nicht kollidieren

Für die Aktion wurde der Lokalmatador mit einer 20-Sekunden-Zeitstrafe belegt und fiel im Klassement auf Platz fünf zurück (589527DIASHOW: Das Rennen in Bildern).

"Es war schwierig", erklärte Vettel sein Manöver, bei dem er mit seinem RB8 nach Meinung der Stewards die Strecke verlassen und sich so einen Vorteil verschafft hatte: "Ich wusste nicht, ob er immer noch auf der Innenseite ist, und das Letzte, was du willst, ist zu kollidieren."

Er habe Button zudem im Auto nicht sehen können, beteuerte Vettel, assistiert von seinem Teamchef Christian Horner, der feststellte: "Sebastian kann ja nicht einfach verschwinden."

Keine Strafe vor dem Rennen

Überzeugt hat es die FIA-Wächter nicht. Vielleicht auch weil sie Vettel und sein Team am Vormittag noch einmal hatten davonkommen lassen.

Da hatten die Kommissare des Automobil-Weltverbands bereits gegen den Rennstall des jungen Lokalmatadors ermittelt - nach einer Beschwerde ihres Technischen Delegierten Jo Bauer, der den RB8 für illegal hielt.

Nutzt das Weltmeister-Team weiterhin den vor Saisonbeginn verbotenen angeblasenen Diffusor? So lautete jedenfalls der Verdacht. Man habe nach dem Qualifying Unregelmäßigkeiten im mittleren Drehzahlbereich des Renault-Motors festgestellt, teilte Bauer mit.

[image id="6053abdc-63f6-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Vettel denkt nicht lange nach

Ein Vergehen, das eine üble Strafe für Vettel und seinen ebenfalls betroffenen Teamkollegen Mark Webber hätte bedeuten können. Vom Start aus der Boxengasse oder gar einer Disqualifikation war die Rede.

Die FIA, die mit den Bullen offenbar schon seit längerem im Clinch liegt, erklärte Red Bulls Technik für legal - und ließ Vettel und auch Webber ihre Startplätze.

Das Thema habe ihn ohnehin nicht lange beschäftigt, behauptete der Red-Bull-Pilot auf SPORT1-Nachfrage: "Unser Auto stand in der Startaufstellung und nicht in der Boxengasse, also war es okay, denke ich."

"Kam nicht nah genug heran"

Vettel, nur knapp 50 Kilometer entfernt im hessischen Heppenheim geboren, zeigte anschließend eine beherzte Fahrt. Alonso konnte er freilich zu keinem Zeitpunkt des zehnten Saisonrennens gefährden.

Zu überlegen fuhr der spanische WM-Leader im Ferrari F2012. "Es war wirklich nie eine Chance, um ein Überholmanöver zu starten", analysierte Vettel auf SPORT1-Nachfrage: "Ich war in der Lage, die Lücke zu schließen, aber kam dann einfach nicht nah genug ran."

Aber immerhin an McLaren-Pilot Button, der Vettel nach dessen zweitem Stopp überholt hatte (DATENCENTER: Das Rennergebnis).

Strafe "nicht angemessen"

Zwei Runden vor Schluss traf sich das Duo wieder - mit bekanntem Ausgang. Für den Engländer war später die Angelegenheit klar.

"Die Fernsehbilder sagen doch alles", stellte Button fest.

Red-Bulls Teamchef Horner dagegen hielt "die Strafe dem Vergehen für nicht angemessen". Vettel sei "natürlich sehr enttäuscht", habe aber einen starken Charakter und werde sicher wieder zurückkommen.

Das Pech blieb dem Weltmeister in der Heimat also treu.

Schumi fällt erneut zurück

Nicht ganz so verzweifelt wie sein jüngerer Weltmeister-Nachfahre Vettel, aber auch nicht wesentlich glücklicher dürfte sich Mercedes-Star Michael Schumacher nach dem Grand Prix gefühlt haben, den er 2006 als vorerst letzter deutscher Pilot gewonnen hatte.

Vom dritten Startplatz aus fiel Schumacher während der 67 Runden auf Platz sieben zurück. Für den viermaligen Hockenheim-Sieger ein Deja-vu.

Zwei Wochen zuvor, beim England-Rennen, war dem Mercedes-Piloten exakt dasselbe widerfahren.

Auch "Hülk" und Rosberg in den Top Ten

Womit - zumindest im Fall Schumacher - die Prognose eintrat, die Formel-1-Insider Alexander Wurz vor dem Rennen im SPORT1-Interview getroffen hatte (EXKLUSIV: Wurz im SPORT1-Interview).

Im Qualifying werde Mercedes schnell sein, "im Rennen wird es schwierig". Widerlegt wurde der Österreicher von Schumachers Kollege Nico Rosberg, der sich vom 21. Startplatz aus um elf Positionen verbesserte.

Vor ihm sammelte Force-India-Fahrer Nico Hülkenberg als Neunter noch zwei WM-Zähler ein. Er hatte geahnt, dass er seinen vierten Startplatz nicht würde halten können.

Ferrari-Rot zur Halbzeit

Schumacher, der dreimal zum Stopp anhalten musste, beteuerte hinterher: "Ich habe alles rausgequetscht, aber mehr war einfach nicht drin."

Der W03 brauche "eben mehr schwarzes Gold als andere" (Stimmen). Womit er Wurz bestätigte, der den Mercedes als "Reifen-Esser und -Verbraucher" bezeichnet hatte.

"Die Dinge können sich schnell ändern", machte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug sich und seinem Team Mut. Dennoch gilt für die Silberpfeile das Diktum: "Wir müssen uns stark steigern."

Als Vorbild führte der mächtige Funktionär auf SPORT1-Nachfrage ausgerechnet Alonsos rote Scuderia an. "Für Ferrari hat vor nicht allzu langer Zeit auch noch gegolten: 'The Trend is not your friend'". (DATENCENTER: Die Fahrerwertung)

Womit er sicher Recht hat. Zur Halbzeit der Saison ist die Formel 1 keinesfalls Mercedes-Silbern oder Bullen-Blau - sie strahlt in Alonsos Ferrari-Rot.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel