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Lauda (l.) und Stuck kommen zusammen auf 245 Rennen in der Formel 1 © getty

Mercedes-Aufsichtsrat Niki Lauda hält die Reifenpolitik für grundsätzlich falsch. SPORT1-Experte Hans Joachim Stuck hält dagegen.

Von Tobias Wiltschek

München - Die Reaktionen auf den Einsatz der superweichen Reifenmischung in Melbourne waren heftig.

Schon am ersten Rennwochenende waren die schwarzen Gummiwalzen von Pirelli das beherrschende Thema.

"Das Problem mit den Reifen ist absolut deppert", zürnte Niki Lauda, der neue Aufsichtsratschef von Mercedes, in der "Bild"-Zeitung. Mit diesen Pneus müssten die Piloten viel zu oft an die Box zum Wechseln kommen.

"Da verlieren die Zuschauer die Übersicht. Dieser Weg ist grundsätzlich falsch."

Zustimmung erhält der Österreicher von Mark Webber, der am Rande seines Heim-Grand-Prix behauptete, die weichen Pneus seien der Formel 1 nicht würdig.

Sutil wundert sich

Und Adrian Sutil wunderte sich: "Nach zwei Runden sind sie komplett eingebrochen, was sehr komisch war. Das Auto war dann wirklich kaum zu fahren."

SPORT1-Experte Peter Kohl möchte die supersoften Reifen, mit denen die Piloten in Melbourne teilweise nur vier Runden absolvierten, nicht wieder sehen (PETERS PITSTOP: "Zieht die Softies aus dem Verkehr").

"Zieht diese supersoften Pirellis möglichst schnell aus dem Verkehr", fordert er. "Wenn ich Roulette erleben will, gehe ich ins Casino."

Kritik, die Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery zurückweist. "Viele Fans haben uns gelobt, weil sie das Rennen unglaublich spannend fanden", sagte er in der "Bild"-Zeitung.

Wunsch der Teams

Außerdem hatte Pirelli bei der Vorstellung der neuen Pneus ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die neuen Mischungen auf Wunsch des Automobil-Weltverbandes FIA angefertigt wurden, um die Spannung wieder zu erhöhen.

Nun müssten sie eben zeigen, wie gut sie sich auf die Gummiwalzen einstellen können, meint SPORT1-Kolumnist Hans-Joachim Stuck: "Entscheidend ist, wie das Auto mit den Reifen umgeht." (STUCK-KOLUMNE: "Red Bull muss große Aufgaben lösen)

Der Kritik an den Reifen kann der ehemalige Formel-1-Pilot wenig abgewinnen. "Das ist eine Aufgabe, die die Fahrer bewältigen müssen und die Teams", sagt er. "Sie wissen ja, dass das Ding nur relativ kurz hält. Da müssen sie sich das Fenster entsprechend suchen, wo sie den Reifen verwenden."

"Es funktioniert"

Auch er weiß, dass die Spannung künstlich ist, "aber es funktioniert".

In der vergangenen Saison war das auch so - zumindest am Anfang mit sieben verschiedenen Siegern in den ersten sieben Rennen. In der zweiten Hälfte war die alte Hackordnung wieder hergestellt worden. Die Spitzenteams hatten sich immer besser auf die Reifeneigenschaften eingestellt und konnten ihre Vorteile ausspielen.

Zu Beginn dieses Jahres sorgten die vielen Boxenstopps wieder für zahlreiche Führungswechsel und hektische Betriebsamkeit an den Kommandoständen der Teams.

Härtere Mischung baut ab

Bei Mercedes musste man kurzfristig von einer Zwei- auf eine Dreistopp-Strategie wechseln. Allerdings bauten in diesem Fall nicht die so heftig kritisierten weichen Reifen ab, sondern die härtere Mischung.

Mit den weichen konnten Lewis Hamilton und Nico Rosberg interessanterweise am längsten von allen Top-Piloten fahren.

Auch Kimi Räikkönen kam schon ein paar Runden früher zum ersten Mal an die Box.

Geheimnis des Lotus-Triumphs

Danach hielt der härtere Reifen aber so lange, dass Lotus den Finnen nur noch einmal hereinholen musste. "Nach Kimis zweitem Stint dämmerte uns, dass zwei Stopps reichen könnten", erklärte Teamchef Eric Boullier das Geheimnis des Triumphs.

Der Sieger selbst stellte zufrieden fest: "Es gab keine Probleme mit den Reifen."

Dies hätte auch Red Bull gerne von sich behauptet. Doch Teamchef Christian Horner musste zugeben: "Wir waren - aus welchen Gründen auch immer - mit den Reifen nicht im optimalen Arbeitsfenster." Und Sebastian Vettel damit außerhalb jeder Siegchance.

Härteste Reifen für Sepang

Beim kommenden Grand Prix in Malaysia (Training, Fr., ab 6 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) wird Pirelli die supersoften Reifen nicht verwenden. Denn bei den erwarteten Temperaturen von bis zu 40 Grad wäre deren Lebensdauer wohl noch um einiges kürzer als in Melbourne.

"Im Trockenen ist der Kurs ein gnadenloser Reifenfresser", sagt Sauber-Neuzugang Nico Hülkenberg. Hembery nennt den Kurs aufgrund der Hitze und des Streckenbelags "extrem".

Deshalb kommen dort die beiden härtesten Reifenmischungen zum Einsatz, die Pirelli zu bieten hat - der Medium-Reifen und die härteste Mischung der neuesten Generation.

"Das wird für die Reifen eines der anspruchsvollsten Wochenenden des Jahres", kündigt Hembery schon einmal vorsorglich an. An Gesprächsstoff wird es also auch nach dem Malaysia-GP nicht mangeln.