SPORT1-Kolumnist Peter Kohl fordert alle Beteiligten auf, sich die Entschuldigungen zu sparen. Mercedes findet er peinlich.

Red Bull

Vettel ist auf der Rennstrecke wie eine Raubkatze. Wittert er Beute, schlägt er zu. Vettel unterwirft alles gnadenlos dem Erfolg, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Wie ein Ayrton Senna, ein Alain Prost, ein Michael Schumacher oder ein Fernando Alonso.

Er hat sich von Kartzeiten an durchgeboxt, hat als Kid mit dem Vater jeden Pfennig Sponsorengeld hart einsammeln müssen - das Projekt Motorsportkarriere stand oft auf des Messers Schneide. Vettel hat verinnerlicht, dass man um alles jederzeit kämpfen muss, dass es keine Geschenke gibt.

2010 holt er den Titel mit vier Punkten Vorsprung, 2012 nach einem Wahnsinnsfinale mit drei Punkten. Immer das Maxim rausholen, nichts liegen lassen, immer fighten bis zum Ende - so hat er Red Bull in drei Jahren zu drei Fahrer- und Konstrukteurstiteln geführt! Warum sieben Punkte liegen lassen, wenn man sie mitnehmen kann? Vettel war am Ende der Schnellere, er hat seine Chance gewittert, er hat sie genutzt.

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Das ist sein Charakter als Racer. Als solcher hat er seinen Nummer-1-Status mit Brachialgewalt eingefordert, seine persönlichen Interessen in den Vordergrund gestellt. Die Teamleitung mag unglücklich darüber sein, dass Vettel mit seinem Verhalten die Autorität von Teamchef Christian Horner öffentlich untergraben hat. Aber Red Bull braucht Vettel auch in den nächsten Jahren für den Erfolg.

Das Team wird sich zwangsläufig hinter ihn stellen, es gibt keine Alternative dazu. Niemand wird ihn deshalb einbremsen. Die halbherzigen Entschuldigungs- und Rechtfertigungsversuche können sich alle Beteiligte sparen.

Die Mär vom "Teamplay" und der "Gleichbehandlung der Fahrer" ist beim Brauseteam endgültig über den Jordan gegangen. Der Burgfrieden ist hin. Es bleibt abzuwarten, in wieweit die teaminternen Spannungen sich auf die Leistungen auf der Strecke auswirken werden.

Mercedes

Das Zurückpfeifen von Nico Rosberg hat dem Team geschadet. Anders als bei Red Bull war kein hartes Duell zwischen Hamilton und Rosberg zu erwarten, Hamilton hatte klar erkannt, dass er deutlich langsamer war, er war bereit, Rosberg passieren zu lassen. Hamilton war zu Beginn des Rennens zu aggressiv, hat zu viel Sprit verbraten und die Reifen verbrannt.

Rosberg war cleverer unterwegs, hatte am Schluss dafür die Reserven die mit Rang drei hätten belohnt werden müssen. Der Funkspruch von Ross Brawn, die Positionen zu halten, war peinlich und unnötig. Die Plätze drei und vier hätte es bei dem Vorsprung gegenüber Massa sowieso gegeben.

Rosberg ist klug, zeigt Verständnis für den Teamgedanken, ja die Punkte ins Ziel zu bringen ohne jegliches Risiko einzugehen. Er macht öffentlich kein Fass auf, rettet damit den internen Frieden.

Er hat sich gebeugt - Brawn und Hamilton stehen in seiner Schuld. Die beiden wissen das - und Rosberg wird den Joker, den er mit seinem Verhalten in Malaysia geholt hat, 2013 noch zu seinen Gunsten ausspielen.

TOP

Marussia und Jules Bianchi: Die Kooperation mit McLaren, die Arbeit von Pat Symonds und das KERS von Willliams, das seit dieser Saison verwendet wird, haben das Hinterbänklerteam dicht ans Mittelfeld rangeführt. Dazu hat Bianchi bislang einen fehlerfreien Job abgeliefert, der 23-jährige Franzose ist konstant schnell, nutzt jede sich bietende Chance auf der Strecke - das gefällt mir!

Romain Grosjean: Er hat viel Kritik nach dem Melbourne-Wochenende einstecken müssen, obwohl er nicht das selbe Material wie die Nummer eins im Team, Kimi Räikkönen, zur Verfügung hat. Diesmal lief der E21 nicht so rund, so sauber, es fehlte Grip, das Handling war schwierig, vor allem im Nassen. Grosjean war unter diesen Bedingungen im Qualifying als auch im Rennen schneller als der Topstar aus Finnland und hat mit einem sehr soliden Wochenende Pluspunkte gesammelt.

Sergio Perez: Die ersten Punkte für McLaren und für ihn im neuen Team, dazu die schnellste Runde im Rennen - der Mexikaner findet sich langsam zurecht, obwohl das Auto immer noch nicht die Leistung bringt, die jeder erwartet.

Nico Hülkenberg: Im ersten GP für Sauber Punkte geholt, ein Superfight mit Kimi im Rennen - ein erfrischender Auftritt mit hohem Entertainment. Weiter so!

Jean-Eric Vergne: Der Junge wird leicht übersehen, aber er heizt Teamkollege Ricciardo gewaltig ein, holt den ersten Punkt für sein Team.

FLOP

Force India: Ein mögliches Topergebnis weggeworfen durch ein nicht funktionierendes Radmuttersystem, das schnellere Boxenstopps ermöglichen soll. Schade. Es hätte ein Riesenwochenende für das Team werden können. Sutil und Di Resta sind schuldlos die Geprügelten.

Ferrari und Fernando Alonso: Vier mal in Folge langsamer in der Qualifikation als Teamkollege Massa, der Spanier sollte sich darüber Gedanken machen. Fehler in einer heißen, engen Startphase, bei denen man sich den Frontflügel zerstört, können vorkommen, davor ist niemand gefeit im Getümmel. Auch ein zweimaliger Weltmeister nicht. Alonso mit kaputten Frontflügel aber nicht sofort reinzurufen war eine glatte Fehlentscheidung, ein viel zu hohes Risiko.

Boxenstopp Jenson Button: Beim Auslösen der Startfreigabe geht es derweil um Millisekunden! Ein Fehler seiner Crew kostet Button einen möglichen Podestplatz und McLaren eine ganze Menge Punkte. Schade!

Racing is emotion! In Malaysia hatten wir davon wahrlich eine Menge. Weiter geht's in knapp drei Wochen in China. Ich freu mich drauf.

Ihr Peter Kohl

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