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Norbert Haug trug bei fast 1.000 Mercedes-Rennen in verschiedenen Klassen die Verantwortung © getty

Ex-Mercedes-Sportchef Norbert Haug glaubt vorm Kanada-GP an ein heißes Titel-Duell. Die Intensität werde sich noch steigern.

Von Tobias Wiltschek

München - Sie nannten ihn Mister Mercedes.

Nach 22 Jahren trennten sich Ende 2012 die Wege von Sportchef Norbert Haug und der Motorsport-Sparte der Silberpfeile.

Über 400 Siege und 56 Titel in den verschiedensten Klassen stehen in der Ära Haug zu Buche ? alleine sechs davon in der Formel 1, gemeinsam mit McLaren.

Unter seiner Führung kehrte Mercedes 1993 nach fast 40 Jahren als Motorenlieferant in die Königsklasse zurück und gründete 2010 wieder ein eigenes Werksteam.

Titel-Mission vor dem Abschluss

Haug holte Rekordweltmeister Michael Schumacher aus dem Ruhestand und gab damals den WM-Titel als Ziel aus.

Zwar blieb ihm dieser Wunsch während seiner Amtszeit verwehrt, doch in diesem Jahr sind Nico Rosberg, der unter dem 61-Jährigen seinen ersten Grand-Prix-Sieg feierte, und Lewis Hamilton, Weltmeister mit Mercedes-Motor 2008, auf dem besten Weg, Haugs Titel-Vision zu erfüllen.

Vor dem Großen Preis von Kanada (Freies Training, Fr. ab 17.30 Uhr im TV auf SPORT1) beantwortet er SPORT1 unter anderem Fragen über den harten Zweikampf der beiden WM-Leader, sein Leben nach der Formel 1 und die Auswirkungen auf Rosberg nach dem Zwischenfall im Trainingslager der DFB-Elf.

SPORT1: Sie sind nun seit eineinhalb Jahren nicht mehr Motorsportchef bei Mercedes. Vermissen Sie die Arbeit am Kommandostand?

Norbert Haug: Ich habe über 22 Jahre viel Freude, Spaß und Erfüllung gehabt, und meine Arbeit im Team über alles genossen. Es ging dabei stets um rund 300 Arbeitstage, pro Jahr jeweils zirka je 150 im Büro und auf Reisen mit 30 bis 35 Wochenendeinsätzen bei Rennen, Tests und anderen Verpflichtungen. Jetzt hat ein neuer Lebensabschnitt mit neuen Herausforderungen begonnen, und es ist schön, Neues zu lernen und kennenzulernen. Wie neben anderem die Arbeit für behinderte Menschen bei Paravan, die mir sehr viel gibt, oder der Einsatz beim "Ersten" als Experte bei der DTM-Berichterstattung.

SPORT1: Haben Sie mit einer so großen Dominanz von Mercedes in dieser Saison gerechnet?

Haug: Ich habe darauf gehofft, ich kenne die jahrelange akribische Vorbereitung und die Aufbaujahre des neuen Teams. Alles, was jetzt gewonnen wird, ist wohlverdient. Techniker, Teamleitung und Fahrer machen das großartig und, was am wichtigsten ist, total sportlich. Diesen Spirit hatten wir immer, und der wird aktuell in Perfektion an der Spitze des Formel-1-Feldes präsentiert. (SHOP: Jetzt Motorsport-Artikel kaufen).

SPORT1: Wie groß ist Ihr Anteil am Erfolg?

Haug: Man beurteilt sich in diesem Sport nicht selbst, man wird beurteilt.

SPORT1: Sie haben mit den beiden aktuellen Mercedes-Piloten zusammengearbeitet. Sind die beiden wirklich so gegensätzlich, wie sie überall dargestellt werden: Hamilton heißspornig, Rosberg schüchtern?

Haug: Beides stimmt nicht. Lewis und Nico wissen, dass einer von Ihnen 2014 beste Chancen hat, Formel-1-Weltmeister zu werden. Und das wird man selber lieber, als dass man den Titel freiwillig dem Teamkollegen überlässt. Daraus entstehen naturgemäß Spannungen, aber all das ist normal und halb so wild. Würden beide um Platz drei oder vier fahren, gäbe es die Auseinandersetzung nicht. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer).

SPORT1: Viele sagen, Rosberg sei zu weich für die psychologische Herausforderung dieses Titelkampfes. Stimmen Sie dem zu?

Haug: Nein.

SPORT1: Könnte der Unfall im DFB-Trainingslager Einfluss auf die Leistungen von Rosberg in den nächsten Rennen haben?

Haug: Nein. Nico hat nach dem Unfall die Verletzten im Krankenhaus besucht, und er wird entsprechenden Kontakt halten. Nico ist ein sehr sorgsamer und empfindsamer Mensch.

SPORT1: Unter der Woche war von einem Friedensgipfel der beiden Piloten die Rede. Wie ernst kann das gemeint sein und wie lange wird der Frieden Ihrer Meinung nach halten?

Haug: Bis Kanada ziemlich sicher.

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SPORT1: Überrascht Sie die Intensität dieser Rivalität?

Haug: Nein, überhaupt nicht. Das ist erst der Anfang und vollkommen normal, wenn zwei Fahrer aus einem Team um den Titel kämpfen. Das war bei Senna/Prost nicht anders und schon gar nicht bei Mansell/Piquet. Von Intensität würde ich jetzt noch nicht sprechen. Toto Wolff und Niki Lauda haben das im Griff und werden den Wettkampf ihrer Fahrer bestimmt auch im Griff behalten. Hier gibt es Tickets für die Formel 1

SPORT1: Hätten Sie als Motorsportdirektor schon in den Zweikampf eingegriffen?

Haug: Nein. Alles läuft perfekt.

SPORT1: Wer wird dieses Duell für sich entscheiden?

Haug: Der Schnellere oder der Cleverere. Einer von beiden, und Lewis beherrscht diese beiden Disziplinen so gut wie Nico und Nico wie Lewis.

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