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Sebastian Vettel gewann im Vorjahr im Toro Rosso den Italien-GP in Monza © getty

Mit einer aggressiven Not-Strategie erobert Sebastian Vettel die Pole in Schanghai. Die Favoritenrolle hat ein anderes Team.

Von Marc Ellerich

München/Schanghai - So eiskalt Sebastian Vettel im Qualifying zum Großen Preis von China (Rennen, So., 8.45 Uhr LIVE) die erste Pole Position für sein Red-Bull-Team in der Formel 1 erobert hatte, so ausgelassen jubelte er nur einen Augenblick später (DATENCENTER: Die Startaufstellung).

"Ich bin sehr, sehr glücklich. Unglaublich, dass wir es tatsächlich auf die Pole Position geschafft haben", freute sich der Deutsche nach einem Geniestreich (Eiskalter Vettel - Pole mit nur einem Anlauf), der seinem Ruf als größtes Talent in der Formel 1 seit Michael Schumacher neue Nahrung geben wird.

Riskante Einrunden-Strategie

Denn wie unverfroren hatte sich der Youngster aus Heppenheim in Schanghai auf Startplatz eins gesetzt 94308(Bilder) - und dabei den spanischen Doppel-Weltmeister Fernando Alonso und seinen Teamkollegen Mark Webber sowie natürlich den versammelten Rest der Konkurrenz hinter sich gelassen?

"Es war jedes Mal allerhöchste Eisenbahn. Ich hatte nur einen Lauf im ersten Durchgang auf den harten Reifen, einen auf den weichen in Q2 und einen im dritten. Wie man sieht, braucht man nicht mehr", schilderte der Minimalist Vettel anschließend seinen eindrucksvollen Lauf zur zweiten Pole Position seiner Karriere.

Dass diese forsche Einrunden-Strategie allerdings nicht ganz freiwillig zu Stande kam, auch das räumte der junge Pilot ein. Noch im dritten Training hatte die Hinterrad-Aufhängung seines Boliden Probleme bereitet.

"Ein Fehler, und es ist vorbei"

"Deshalb haben wir versucht, so wenig zu fahren wie möglich." Alles oder nichts, lautete also das Kommando bei Red Bull, und das Risiko, welches sie dabei eingingen, war Vettel durchaus bewusst: "Ein Fehler, und es ist vorbei."

Am Ende ging das waghalsige Manöver tatsächlich auf.

Button grämt sich

Doch vielleicht gerade deshalb muss sich der WM-Führende und zweimalige Pole-Setter Jenson Button mit Blick auf den Renn-Sonntag nicht so sehr grämen, wie er es nach der Zeitenjagd am Samstag tat.

Vettels erfolgreicher Pole-Ritt endete nicht nur für den Deutschen ziemlich überraschend an der Spitze des Tableaus. Auch Button, der seinen bis dato dominierenden Brawn GP auf Platz fünf (noch hinter seinem Teamkollegen Rubens Barrichello) parkte, staunte nicht schlecht.

"Wir wussten, dass sie konkurrenzfähig sind", erläuterte der Brite später: "Aber dass sie so konkurrenzfähig sein würden, hatten wir nicht geahnt."

Er sei ein wenig enttäuscht über das Ergebnis der Qualifikation, gab Button zu: "Das war nicht so gut wie wir erwartet hatten. Es wird schwer, Red Bull zu schlagen."

Das bessere Blatt

Doch spätestens in der Nacht von Samstag auf Sonntag wird dem Briten wieder einfallen, dass er im Vergleich zu Vettel das bessere Blatt hat.

Der Deutsche ist derzeit im Red Bull noch ohne einen der berühmt-berüchtigten Doppel-Diffusoren am Start, der seinen Besitzern einen Zeitvorteil von bis zu einer Sekunde pro Runde bereitet (Keke Rosberg: "Diffusor wird überschätzt).

Hinzu kommen die technischen Probleme, die der Red-Bull-Bolide während sämtlicher Trainingsläufe aufwies - nicht gerade ein Mutmacher in Sachen Zuverlässigkeit über die 56 Runden.

Und schließlich war es offensichtlich, dass Vettel, aber auch Webber und Alonso, nur leicht betankt ihre Bestzeiten fuhren.

Red Bull mit drei Stopps?

Für das Rennen am Sonntag deuten die Tankmenge sowie das bewusste Aufsparen der weicheren (und kurzfristig schnelleren) Reifen auf eine Dreistopp-Strategie bei Red Bull und Renault hin - ein Vorteil für die Neon-Gelben auf einem Parcours, auf dem es schwer ist, zu überholen.

Das sieht auch Nico Rosberg so, der als zweitbester Deutscher im Williams Siebter wurde: "Hier ging es nur darum, welches Auto am besten die Reifen aufwärmt. Im Rennen ist das weniger ein Problem. Deshalb werden die Brawn sehr schnell und in den nächsten Rennen wieder überlegen sein."

Dennoch wird Brawn GP die rot-blauen Konkurrenten genau im Auge haben. Ebenso wie den alten Hasen Alonso im Renault natürlich, und vielleicht sogar McLaren-Mercedes-Weltmeister Lewis Hamilton.

Revival zweier Rivalen

Denn die früheren Silberpfeil-Rivalen haben in Schanghai ein erstaunliches Revival erlebt.

Platz zwei für den Spanier, Platz acht für den britischen Youngster - unisono wähnten Alonso und Hamilton anschließend ihre in den ersten beiden Rennen doch deutlich angeschlagenen Boliden auf Genesungskurs.

Das lag nicht zuletzt an der fieberhaften Aufholjagd, die beide Rennställe nach dem Diffusor-Urteil vom Mittwoch hingelegt hatten.

Neuer Bolide über Nacht

Wobei es sowohl Renault als auch McLaren gelungen zu sein scheint, die D-Frage zu ihren Gunsten zu beantworten. Von einem Schritt nach vorne sprach Weltmeister Hamilton, nachdem er den Silberpfeil auf dem besten Startplatz in dieser Saison abgestellt hatte.

Alonso war ebenfalls zufrieden.

"Fügt man ein neues Teil hinzu, macht das einen Riesenunterschied", räumte der Spanier nach seiner erfolgreichen Qualifikation ein. Quasi über Nacht habe ihm sein Team einen neuen Boliden in die Garage gezaubert, gab der Doppel-Weltmeister zu.

Den Knalleffekt hält Alonso für sichtbar: "Das Team hat das Auto verbessert, und plötzlich sind wir konkurrenzfähig."

Ob der Renault allerdings bereits siegfähig ist, wird sich erst am Sonntag erweisen.

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