vergrößernverkleinern
Sebastian Vettel gewann in Schanghai seinen zweiten Grand Prix © getty

Souverän rast Sebastian Vettel in der Regenflut von Schanghai zum Sieg. Jetzt träumen er und sein Red-Bull-Team vom großen Wurf.

Von Marc Ellerich

München/Schanghai - Einen schmerzhaften Moment musste der Triumphator an diesem Tag des Glücks verkraften.

Als Sebastian Vettel den Pokal für seinen grandiosen Sieg beim China-Grand-Prix entgegennahm, schnitt er sich im wilden Jubel an der Trophäe den Finger auf.

Er wird die Wunde nicht lange gespürt haben vor lauter Glückshormonen nach dem zweiten Sieg in seiner noch so jungen Formel-1-Karriere 94741(Bilder) .

Zehn Sekunden Vorsprung

"Ich bin überglücklich", freute sich Vettel, der von der Pole Position aus bei einem Safety-Car-Start in das turbulente Regenrennen gegangen war und diese Position nur vorübergehend nach Tankstopps abgab (Der Rennbericht).

Nach 56 chaotischen Runden erreichte der Youngster aus Heppenheim das Ziel zehn Sekunden vor seinem Red-Bull-Teamkollegen Mark Webber und 44 Sekunden vor dem WM-Führenden Jenson Button im Brawn GP (DATENCENTER: Das Rennergebnis).

"Rennen hart an der Grenze"

Und wie tags zuvor bei seinem Pole-Poker (Eiskalter Vettel holt die Pole) bedankte sich Vettel nach seiner Glanztat bescheiden bei den vielen Red-Bull-Helfern. "Danke Jungs - danke, dass ihr so hart gearbeitet habt, um mir so ein fantastisches Auto hinzustellen", hatte er nach der Zieldurchfahrt ins Bordmikrofon geschrieen: "Es war ein Traum, damit zu fahren."

Seinen eigenen Anteil am ersten Grand-Prix-Sieg für seinen neuen Rennstall hielt der Sieger klein, so als sei er nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe.

"Es war ein Rennen hart an der Grenze, es gab jede Menge Aquaplaning", erzählte Vettel später über die fast zwei Stunden dauernde Fahrt ins Glück: "Man hatte ständig damit zu tun, das Auto auf der Strecke zu halten."

Leicht und unbeschwert

Von außen sichtbar war dieser harte Kampf mit den Elementen nicht.

Alles was Vettel auf der Strecke vorführte, wirkte leicht und unbeschwert, und mancher Beobachter fühlte sich an den größten aller deutschen Regenfahrer erinnert: den Rekord-Weltmeister Michael Schumacher, mit dem der Red-Bull-Youngster so häufig verglichen wird.

Dreher, Unfälle, Ausfälle

Wohl zu Recht, denn was der 21 Jahre alte Deutsche an diesem Sonntag bei seinem fehlerlosen Rennen durch die chinesische Gischt wirklich geleistet hatte, lässt sich besser an den Leistungen seiner Konkurrenten ablesen.

Hinter dem Deutschen ging es drunter und drüber: Dreher, Unfälle, Ausfälle, und auch die Allerbesten hatten schwer zu kämpfen.

Fernando Alonso etwa, der als Zweiter ins Rennen gegangen war, beendete es als Neunter. Hinter ihm kam der frühere Ferrari-Weltmeister Kimi Räikkönen ein. Dessen Kollege Felipe Massa erreichte nicht einmal das Ziel ? Ferrari steht weiter mit null Punkten da.

Glock Siebter

Vettels Landsleute? Timo Glock, der nach Getriebeproblemen nur aus der Box ins Rennen gehen durfte, kämpfte sich durchs Wasser immerhin auf den beachtlichen siebten Platz vor. Nick Heidfeld wurde Zwölfter. Nico Rosberg beendete den Grand Prix als 15.

Und Adrian Sutil schlitterte mit seinem Force India auf Platz sechs liegend wenige Runden vor Schluss von der Strecke - ein Opfer der Verhältnisse und schwindender Konzentration.

Parcours wie ein See

Jenson Button, WM-Führender, Sieger der ersten beiden Saisonrennen und ein ausgewiesener Regenspezialist, nannte den Parcours von Schanghai später "einen See. Es waren verrückte Bedingungen, besonders in der letzten Kurve".

Der Brite zollte seinen Red-Bull-Rivalen Lob: "Wir konnten Vettel und Webber heute nicht fordern. Sie waren unglaublich schnell." Sein Chef Ross Brawn pflichtete bei: "Vettel ist riesig gefahren, er war einfach zu gut für uns. Wir konnten machen, was wir wollten."

D-Vorteil weggespült

Erstaunlich, aber wahr: Wie weggespült schien der D-Vorteil, der die Piloten im Brawn GP in den ersten Saisonrennen so schnell gemacht hatte. Auch weil die beiden Brawn-Piloten Button und Barrichello Probleme hatten, die Pneus ihrer Boliden hinreichend zu erwärmen, wie Brawn später einräumte.

Vielleicht hatte Button aber auch an dieses eine Manöver seines jungen Gegners gedacht, 15 Runden vor Schluss der Wasserschlacht.

Atemnot beim Teamchef

Spielerisch ließ Vettel den Briten da stehen und nahm Button die Führung wieder ab. Ohne Not wohlgemerkt: Der Brawn-Pilot hätte wenig später ohnehin das Feld zum Tanken räumen müssen.

"Ich wollte vorbei, um nicht allzu viel Zeit verlieren, um einen möglichst großen Puffer nach hinten zu haben", erläuterte der Deutsche später sein riskantes Manöver: "Man weiß nie."

So ist er im Rennen: Trotz seiner jungen Jahre eiskalt bis ins Mark. Anschließend raste Vettel schnell, aber kontrolliert dem Sieg entgegen, sein Teamchef Christian Horner kämpfte derweil mit Atemnot.

"Er wird immer besser"

"Uns hat das Herz bis zum Hals geschlagen als Vettel an Button vorbeizog, obwohl er das nicht musste", gab der Brite zu. Doch natürlich ist er seinem Siegfahrer nicht böse gewesen.

"Wir sind stolz auf dich" hatte Horner dem Piloten mit auf den Weg zur Siegerehrung gegeben und dann hinzugefügt: "Dieser Junge ist fantastisch. Er wird immer besser."

Von einem Durchbruch sprach der Teamchef später und kündigte Verbesserungen des schnellen Boliden an, unter anderem den Einbau des am Mittwoch legalisierten Doppel-Diffusors.

Der Himmel als Grenze

Ohnehin hat Vettels chinesischer Triumphzug große Hoffnungen bei seinem Team und dessen Vorsteher geweckt. Horner: "Die Saison ist lang und wir haben gesehen, dass beide Fahrer konkurrenzfähig sind. Ich denke, ab sofort ist der Himmel die Grenze."

Und auch der große Sieger des Wochenendes kündigte künftige Großtaten an: "Wir wollen das beste Team im Feld werden."

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel