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Der Schweizer Marc Surer fuhr von 1979 bis 1986 in der Formel 1 © getty

Ex-Pilot Marc Surer hält die Formel-1-Saison 2010 im Interview beinahe für entschieden. Sebastian Vettel nimmt er in Schutz.

Von Marc Ellerich

München - Der frühere Formel-1-Rennfahrer und heutige TV-Kommentator Marc Surer spricht im Sport1.de-Interview über die Überlegenheit von Jenson Button, die Fehler seines Verfolgers Sebasian Vettel und die unsichere Zukunft der Königsklasse.

Sport1.de: Herr Surer, ist die Weltmeisterschaft nach Jenson Buttons neuerlichem Sieg in Istanbul 115382(DIASHOW: Bilder des Rennens) entschieden?

Marc Surer: Das schöne Wort Vorentscheidung, das kann man schon verwenden. Wir haben noch nicht einmal Halbzeit, theoretisch ist alles möglich. Aber dann müsste jemand da sein, der ein ähnlich gutes Auto hat, und den sehe ich nicht. Vettel war noch am nächsten dran, aber dass Red Bull Brawn noch überholen kann, sehe ich nicht. Wenn für Brawn nicht alles schief läuft, ist die Sache klar.

Sport1.de: Vettel hätte Button auch ohne seinen Fehler in der ersten Runde nie gehalten?

Surer: Button hätte wohl gewartet bis zum ersten Boxenstopp. Schade, natürlich hätten wir Vettel gerne in Führung liegend gesehen. Aber die Chance, das Rennen zu gewinnen hatte er ohnehin nicht.

Sport1.de: Wird die Formel 1 langweilig?

Surer: Das war sie doch auch, als Michael Schumacher dauernd gewann, nicht wahr? Nein, im Ernst, das kommt auf den Blickwinkel an. Für mich ist es eine hervorragende Geschichte, weil David gegen Goliath gewinnt.

Sport1.de: Welche Möglichkeiten bleiben Vettel und Red Bull, um das Brawn-Team noch einmal in Bedrängnis zu bringen?

Surer: Sie müssen entweder das Auto verbessern oder um Regen beten.

Sport1.de: Sie haben Vettel nach seinem Fehler in Istanbul recht hart kritisiert. Sind solche Patzer nicht völlig normal für einen so jungen Fahrer?

Surer: Man muss das ins rechte Licht rücken. Letztes Jahr wurde Lewis Hamilton mit ähnlich vielen Fehlern Weltmeister gegen einen Massa, der genauso oft gepatzt hat. Da wären Vettels Fehler gar nicht aufgefallen, wenn man überlegt, was Hamilton alles falsch gemacht hat in seinem Eifer. In diesem Jahr fährt Jenson Button einfach perfekt.

Sport1.de: Sie gestehen ihm also durchaus einen Lernprozess zu.

Surer: Ich hatte meine Kritik auf eine mögliche Teamorder zugunsten Vettels bezogen. Einem Fahrer zu helfen, der das dann eh wieder wegwirft, das kann man natürlich nicht machen. Von daher müsste Vettel perfekter fahren, damit man jetzt schon sagen könnte, Mark Webber müsste die zweite Geige spielen. Im Moment ist seine Vorstellung nicht gut genug, als dass man das verlangen könnte.

Sport1.de: Worauf führen Sie Vettels Fehler zurück: den Druck an Button dranbleiben zu müssen, Übermotivation?

Surer: Ich habe bei ihm oft das Gefühl, dass er schneller fährt als sein Auto. Was einerseits für ihn spricht, andererseits dann eben zu Fehlern führt. Ich erinnere mich an Michael Schumacher, der auch nicht einsehen wollte, dass das Auto nicht schneller geht und dann auch Fehler gemacht hat.

Sport1.de: Ist Vettels Kritik an der Drei-Stopp-Strategie seines Teams im Rahmen gewesen. Oder spielt er ein gefährliches Spiel?

Surer: Ich wundere mich, dass er das in der Öffentlichkeit sagt. Normalerweise sind das Dinge, die man intern klärt. Das war nicht ganz geschickt.

Sport1.de: Warum hat er das gemacht? War das der Frust?

Surer: Nein, er ist eine ehrliche Haut. Er sagt, was er denkt. Leider haben wir in der Formel 1 viel zu wenige davon.

Sport1.de: Kann es sein, dass ihm sein Team so etwas übel nimmt?

Surer: Das kann durchaus sein. Die haben sich dabei ja etwas gedacht, und er ist ja letztlich nicht an Button vorbeigekommen. Wäre er an Button vorbeigekommen und hätte ein paar Sekunden gutgemacht, wäre er auch vor Webber wieder auf die Strecke gekommen. Man kann es also auch anders sehen.

Sport1.de: Vor der Saison war viel von Neuerungen die Rede, von technischen Veränderungen, die das Überholen vereinfachen sollten. Inzwischen scheint das Klassement gemacht. Hat all das nichts gebracht und die Formel 1 steckt in einer Sackgasse?

Surer: Nein, ich glaube nicht. Die Top-Teams müssen aufholen, und das ist eine neue Geschichte. Die sind das nicht gewohnt. Es wird ganz interessant zu beobachten sein, wer den Sprung schafft. Somit ist es eine sehr gesunde Saison, weil die Großen einmal aufholen müssen.

Sport1.de: Die Frage zielte auch auf den derzeitigen Streit zwischen Weltverband und den Teams um Budget-Obergrenzen und neue Rennställe. Würde frisches Blut in Form neuer Teams der Königsklasse nicht gut tun?

Surer: Auf jeden Fall, wir brauchen neue Teams in der Formel 1. Seit Super Aguri hat's ja keiner mehr versucht. Frisches Blut tut immer gut. Nur sollten es bitte auch seriöse Teams sein. Da haben sich einige angemeldet, von denen man jetzt schon weiß, die werden das Geld nie zusammenkriegen.

Sport1.de: Wagen Sie eine Prognose: Wie endet der Machtkampf?

Surer: Ich befürchte Schlimmes. Ich bin überzeugt, dass dieser Streit auch nach dem Freitag weitergehen wird. Wenn die zwei Parteien uneinsichtig bleiben, schaufelt sich die Formel 1 ihr Grab.

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