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Sorgenfalten bei Red Bull; Helmut Marko (r.) mit Sebastian Vettel und Teamchef Horner (l.) © getty

Im Interview spricht Red Bulls Motorsport-Beauftragter Helmut Marko über Betrugsvorwürfe und die Stimmung im Vettel-Team.

Von Marc Ellerich

München - Sebastian Vettels Red-Bull-Team steht vor dem dritten Grand-Prix des Jahres in Malaysia (Quali, Sa., ab 9.45 Uhr LIVE) unter enormem Druck.

Vize-Weltmeister Vettel, der im Sport1-Interview den WM-Titel fast schon ultimativ als Saisonziel ausgegeben hatte, steht nach zwei technischen Defekten derzeit nur auf Platz sieben der Fahrer-Wertung. Ist Vettels vom Design-Star Adrian Newey konstruierter Bolide am Ende zu anfällig für das ehrgeizige WM-Ziel? (SERVICE: Das Trainingsergebnis)

Hinzu kommen Betrugsverdächtigungen seitens der Konkurrenz: Der RB6 erreiche womöglich durch ein illegales Höhenverstellungssystem seine vor allem im Qualifying so überlegene Geschwindigkeit, spekulierte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh öffentlich.

Red Bulls Motorsport-Beauftrager, Dr. Helmut Marko, spricht im Sport1.de-Interview-der-Woche über den Schummel-Vorwurf der Rivalen, erläutert die Unfall-Ursache beim Australien-Grand-Prix und fordert vom Team Nervenstärke.

Sport1.de: Herr Dr. Marko, wie reagiert Red Bull auf die Vorwürfe der Konkurrenz, beim RB6 gehe nicht alles mit rechten Dingen zu.

Helmut Marko: Vorwürfe, die völlig haltlos und ohne Beweis gemacht werden, kommentieren wir normalerweise gar nicht. Wir sind bei den bisherigen Rennen durch die technische Abnahme gekommen und genauestens untersucht worden. Wir hatten am Donnerstag wieder eine technische Abnahme, wo die Legalität unseres Fahrzeugs ganz klar bestätigt wurde.

Sport1.de: Muss man die Angriffe, die vor allem seitens McLaren erhoben werden, also unter der Rubrik Psychospielchen oder auch als Retourkutsche einordnen, wenn nach Ihren Worten nichts an den Vorwürfen ist? Vor der Saison hatte Red Bull das F-Schacht-System ("Schnorchelpfeil", d. Red.) gemeinsam mit Ferrari von der FIA überprüfen lassen.

Marko: Nein, wir wollten von der FIA lediglich eine Klarstellung dieser Aerodynamik-Lösung. Uns ist das aufgefallen. Die FIA hat erklärt, dass es legal ist, weil das System vom Fahrer mit dem Bein bedient wird, also ist es erledigt. Man kann McLaren bzw. diesem Studenten, der das erfunden hat, nur gratulieren.

Sport1.de: Aber auffällig ist, dass in jüngerer Zeit einige Giftpfeile von McLaren in Richtung Red Bull geflogen kamen. Warum das?

Marko: Schauen Sie, der McLaren hat nicht den Speed, den wir haben. Sie haben den überlegenen Mercedes-Motor, und so ist halt der Motorsport: Wenn man nicht absolut dominiert, dann sucht man nach Erklärungen. Und das ist ja nichts Neues, dass man als Erstes mit der sogenannten Illegalität der anderen beginnt.

Sport1.de: Was macht den Red Bull denn dann so überlegen schnell, wenn es nicht die von der Konkurrenz vermuteten Ursachen sind?

Marko: Da muss ich ein wenig ausholen: Wir hatten im vergangenen Jahr in der zweiten Saisonhälfte absolut das schnellste Fahrzeug. Warum waren wir da die Schnellsten, wo doch alle Wissen, dass der Renault-Motor nicht auf dem PS-Stand des Mercedes-Motors ist? Es ist das Gesamtpaket. Wir haben in Adrian Newey den besten Designer und Aerodynamiker.

Er hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er Siegerautos am Fließband macht. Wir haben ein Siegerauto aus dem Vorjahr weiterentwickelt und sind technisch stabil. Alle Führungsleute sind im Team geblieben, die Fahrer auch. Es war das schnellste Auto und ist es jetzt wieder. Wobei die Aerodynamik eine große Rolle spielt, das ist die Domäne von Adrian Newey.

Sport1.de: Das Ganze hat nur einen Pferdefuß: Die Newey-Autos waren auch schon in der Vergangenheit technisch anfällig. Haben Sie denn inzwischen die Ursache für den jüngsten Defekt in Australien gefunden?

Marko: Die Ursachen sind gefunden. Da sind vier Dinge zusammengekommen: An einem Kerb hat das linke Vorderrad einen extrem harten Schlag abbekommen, dann hat es im Bereich der Radmuttern, des Rads selbst, der Rad-Stifte und einer Distanzscheibe äußerst marginale Ungenauigkeiten gegeben. Die Summe dieser Sachen hat dann dazu geführt, dass die Radmuttern beim darauffolgenden Bremsvorgang abgeschert wurden. Das hat also mit Filigranität des Autos oder Adrian Neweys Liebe zum eher diffizilen Fahrzeugbau nichts zu tun, darf aber natürlich auch nicht passieren. (Schumi fürchtet Vettel)

Sport1.de: Pech letztlich?

Marko: Pech, aber wir hatten einen ähnlichen Vorfall im Training und glaubten, die Ursache erkannt zu haben. Aber man hätte es mit ein paar anderen Zusatz-Maßnahmen vermeiden können.

Sport1.de: Im Training in Malaysia hatte Mark Webber Probleme.

Marko: Motorschaden.

Sport1.de: Zur Beruhigung im Team kann das alles doch nicht beitragen. Wie ist die Stimmung?

Marko: Wir wissen, dass wir das schnellste Auto haben. Wir wissen, dass beide Fahrer absolut top sind. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Panik. Wir müssen da nur durch, irgendwann hört das auf.

Sport1de: Keine Nervosität?

Marko: Nein, es wird einfach alles doppelt und dreifach geprüft. Die Qualitätsvorgänge und die Fehlerbehebung werden noch einmal in allen Phasen durchdacht, um auch beim kleinsten Ansatz die richtige Reaktion zu haben. (Schumi und Vettel wollen antworten)

Sport1.de: Am Ziel, Weltmeister zu werden, halten Sie fest.

Marko: Es gibt keinen Grund, daran etwas zu korrigieren. Wir haben noch 17 Rennen, das macht uns keinesfalls nervös. Sollten wir hier nicht schnell genug sein für einen Sieg, dann fahren wir halt auf Punkte. Die Anzahl der Punkte ist durch das neue System deutlich vergrößert worden, das Härteste, was dir passieren kann, ist nicht zu punkten wie in Australien.

Sport1.de: Der Kurs in Malaysia müsste Ihrem Aero-Renner ja phantastisch liegen. Sebastian Vettel dürfte von so einem Strategiewechsel also wenig halten.

Marko: Nein, nein, das war ja die Krux des vergangenen Jahres, dass er ein paar Mal gewinnen wollte, wo es vom Auto her nicht möglich war. Aber Sie haben Recht: In Sektor zwei, wo hauptsächlich Kurven sind, sind wir überlegen. Aber in den Sektoren eins und drei mit den langen Geraden fehlt uns der Top-Speed. Aber wir wollen die WM gewinnen, deswegen können wir nicht sagen: Unser Auto ist hier gut und da nicht. Wir müssen ein Auto haben, das überall gut ist.

Sport1.de: Wie geht es Sebastian Vettel?

Marko: Der hat das Aus in Australien toll weggesteckt. Heute waren wir zweitschnellster in einem Auto, das noch nicht seinen Vorstellungen entsprochen hat. Wir bieten Vettel genau, was er braucht, und werden das morgen - da bin ich sicher ? hinkriegen. Und dann kommen auch von ihm die Zeiten.

Sport1.de: Aber die Nerven sind schon angespannt?

Marko: Nein. Vettel sieht das locker. Er weiß, dass es noch 17 Rennen sind. In jedem gibt es 25 Punkte, das ist verdammt viel.

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