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Hispania-Teamchef Colin Kolles ist von Beruf Zahnarzt © imago

Vor dem Barcelona-GP spricht Teamchef Colin Kolles im Interview über das ungewöhnliche spanische Formel-1-Projekt Hispania.

Von Marc Ellerich

München - Colin Kolles ist der Mann für das scheinbar Unmögliche in der Formel 1. Der promovierte Zahnarzt aus Ingolstadt arbeitet bereits seit Mitte der achtziger Jahre im Motorsport, mit dem Team Kolles stieg er 2000 in die Formel 3 ein.

2004 wurde der in Temeschwar/Rumänien geborene Kolles vom russisch-kanadischen Unternehmer Alexander Shnaider zum Teamchef des Jordan-Teams gemacht, das 2006 zu Midland wurde.

Aus dem Rennstall ging das Spyker-Team und schließlich der indische Rennstall Force India hervor. Kolles arbeitete dort bis Ende 2008 als Teamchef.

Im Februar 2010 übernahm der hemdsärmelige Kolles als Teamchef das spanische Formel-1-Projekt Campos als dieses kurz vor dem Scheitern stand und brachte es unter dem Namen Hispania Racing als einen von drei neuen Rennställen in die Königsklasse. Ihren Rollout hatten die Hispania-Rennwagen ungetestet beim ersten Training der neuen Saison in Bahrain. Zwei Grands Prix später meisterte Hispania bereits die volle Renndistanz.

Colin Kolles ist zudem Teamchef eines Audi-DTM-Teams und ist in der Le-Mans-Serie aktiv.

Im SPORT1-Interview der Woche beschreibt Colin Kolles vor dem Spanien-Grand-Prix die schwierige Rettung des Hispania-Teams in letzter Sekunde, er spricht über die Hilfe von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone und erläutert seine Ziele mit dem Rennstall.

SPORT1: Herr Kolles, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Ihre Autos in Malaysia erstmals die volle Renndistanz geschafft haben?

Colin Kolles: Dass wir den nächsten Schritt gemacht haben.

SPORT1: Mehr nicht? Keine Freude, kein Jubel?

Kolles: Nein, überhaupt nicht. Das gehört doch zum normalen Standard, dass du ins Ziel kommst. Das ist das Mindeste.

SPORT1: Wenn die Geschichte von Hispania Racing nicht so außergewöhnlich wäre. Das Projekt war fast schon tot. Wie haben Sie es am Leben gehalten?

Kolles: Durch extrem harte Arbeit. Das ist es nach wie vor. Wir hatten drei Wochen, um alles auf die Beine zu stellen. Der Start war in der zweiten Februar-Woche, und am 8. März musste die Fracht eingeladen werden. Das war nicht einfach, eigentlich war es nicht zu schaffen. Andere haben das in zwölf Monaten nicht fertig gebracht.

SPORT1: Was haben Sie denn anders gemacht als die anderen?

Kolles: Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich weiß ja nicht, was die anderen gemacht haben. Wir jedenfalls haben Vollgas gegeben. Ich habe eine Gruppe von sehr tollen Leuten, die schon seit Jahren mit mir arbeiten, da gab es nur eine Richtung. Meine Leute sind wie eine kleine Armee, wir ziehen alle an einem Strang.

SPORT1: Es heißt, Sie hatten Unterstützung von Bernie Ecclestone, der den Neuling nicht scheitern sehen wollte. Welche Rolle hat er gespielt?

Kolles: Bernie Ecclestone ist eine fantastische Person. Für mich ist er ein Vorbild. Er weiß, dass ich ihm nahestehe, und er hat dort geholfen, wo er helfen konnte. Nur am Ende des Tages sind das nicht ich oder Bernie Ecclestone, sondern die Leute, die das geschafft haben. (227871DIASHOW: Legendäre Duelle der Formel 1)

SPORT1: Können Sie konkretisieren, welche Hilfe Ecclestone geleistet hat?

Kolles: Das kann man nicht konkretisieren. Ein Beispiel ist die moralische Hilfe. Wenn er sagt: Macht das jetzt. Es ist sicher nicht so, dass der Ecclestone das Scheckbuch auspackt und sagt: Hier hast du. So läuft das nicht.

SPORT1: Das Auto hatte seinen Rollout in Bahrain, ohne zuvor getestet worden zu sein. Woher nahmen Sie das Vertrauen, dass es überhaupt fahren würde?

Kolles: Das Vertrauen hatte ich nicht in das Auto, sondern in die Leute. Ein Auto über die Renndistanz zu bringen, ist nicht einfach. Aber meine Leute haben sehr schlaue Dinge gemacht und haben meine Einschätzung bestätigt, wie viel Qualität sie haben.

SPORT1: Es bleibt nicht viel Raum für Fehler, wenn alles mit der heißen Nadel gestrickt werden muss.

Kolles: Wir haben keine Nerven gezeigt. Wenn man eine schwere Operation durchführt, darf man auch nicht nervös sein. Wie gesagt: Der harte Kern der Leute arbeitet schon seit Jahren erfolgreich für mich. Wir haben die DTM in sehr kurzer Zeit geschafft, wir haben die Le-Mans-Serie in sehr kurzer Zeit geschafft. Tatsache ist: Es gibt kein anderes Team, das ein DTM-Team so schnell konkurrenzfähig gemacht hat. Und, was viele nicht wissen: Wir haben eine sehr große Infrastruktur, LKW, Gebäude, Container, ohne die ich es in drei Wochen nicht geschafft hätte.

SPORT1: Wie viele Männer und wie viel Geld stehen Ihnen mit Ihrem kleinen Team denn im Vergleich zu einem Top-Team zur Verfügung?

Kolles: Vom Einsatz-Team sind wir genauso groß wie ein Top-Team. Es gibt die Größen-Begrenzung, wonach auch ein Team wie McLaren oder Mercedes nicht mehr Mechaniker haben darf.

SPORT1: Wo liegen dann die Unterschiede zu den Top-Teams - oder gibt es keine?

Kolles: Nehmen Sie das Beispiel Force India. Es galt ja immer als kleines Team. Aber dahinter steckt eine Arbeit von fünf Jahren, und da wurden richtige Entscheidungen getroffen. Vor drei Jahren wurden der Windkanal upgegradet, die Arbeitszeiten umgestellt und zwei zusätzliche Windkanäle angemietet, und jetzt kommen die Früchte. Einen James Key habe ich vom einfachen Ingenieur zum Technischen Direktor gemacht - jetzt ist er das bei Sauber. Das ist die Strategie: Wir können uns keine Superstars leisten. Wir wurden zwei Jahre geblockt von einem so genannten Superstar bei einem anderen Team. HIER geht's zum zweiten Teil

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