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Helmut Marko ist für viele der heimliche Teamchef von Red Bull Racing © getty

Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko spricht bei SPORT1 über den Team-Titel, das Finale und Sebastian Vettels Reifeprozess.

Von Julian Meißner und Marc Ellerich

Abu Dhabi/München - Egal, welchen Ausgang das große Finale in Abu Dhabi (Qualifying, Sa., 13.45 Uhr im LIVE-TICKER) nimmt: Für den Red-Bull-Konzern des Milliardärs Dietrich Mateschitz ist die Saison 2010 ein riesiger Erfolg.

Das gleichnamige Privatteam sicherte sich ein Rennen vor Schluss die Konstrukteurs-WM, und im Kampf um den Fahrertitel haben die "Bullen" noch zwei Eisen im Feuer.

Und selbst wenn es weder Mark Webber noch Sebastian Vettel schaffen, Ferrari-Star Fernando Alonso abzufangen - Publicity hat der junge Rennstall in dieser Saison angesichts des Duells der beiden reichlich geerntet.

Mit verantwortlich für den rasanten Aufstieg Red Bulls im Motorsport ist Helmut Marko, der als Motorsportberater Mateschitz' rechte Hand ist.

Im Interview mit SPORT1 spricht der 67-jährige Österreicher über den Wert der Team-WM, das Verhältnis Vettels zu Webber und die Taktik fürs Saisonfinale. Der Ex-Rennfahrer verrät zudem, was ihn an Vettel besonders beeindruckt.

SPORT1: Herr Marko, Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der Konstrukteurs-WM. Was ist Red Bull der Titel wert?

Helmut Marko: Sehr viel, weil wir ihn gegen Ferrari, McLaren und Mercedes gewonnen haben. Er spiegelt die Stärke des Teams wider, insofern hat er eine sehr große Bedeutung. Zumal Red Bull sich natürlich auch aus Marketinggründen in der Formel 1 engagiert, und dabei ist die Teamleistung ein ganz wesentlicher Bestandteil.

SPORT1: Wie war es möglich, in dieser kurzen Zeitspanne nach ganz oben zu kommen?

Marko: Wir haben von unserem Chef (Mateschitz, Anm. d. Red) beim Kauf von Jaguar eine Vision mit auf den Weg bekommen: Das wird gemacht, um irgendwann an der Spitze dieses Sports zu stehen. Wir hatten im Aufbau den Rückhalt von Red Bull, deshalb konnten wir Kontinuität gewährleisten und rund um Chefdesigner Adrian Newey die nötigen Verpflichtungen tätigen. Diesen Personalstand haben wir über die Jahre auch gehalten.

SPORT1: Ist also alles nach Fahrplan gelaufen bis jetzt?

Marko: Nun ja, wir hätten diesen Erfolg auch schon voriges Jahr erreichen können. Es kam aber die Geschichte mit dem Doppeldiffusor dazwischen, die politisch initiiert wurde.

SPORT1: Wie meinen Sie das?

Marko: Sagen wir es so: Es war für die Mehrheit der Teams zu Anfang der Saison klar, dass der Doppeldiffusor illegal ist. Und dann wurde er urplötzlich doch bewilligt. Das hat uns gezwungen, diese Entwicklung nachzuziehen. Sobald wir das vollführt hatten, waren wir ganz klar das stärkste Team. Wir sind deswegen aber nur Zweiter in der Fahrer- und der Konstrukteursmeisterschaft geworden.

SPORT1: Dietrich Mateschitz sagt zur aktuellen Saison: Erst 50 Prozent sind erreicht. Wie sollen in Abu Dhabi die zweiten 50 erreicht werden?

Marko: Erst einmal im Qualifying vorne stehen. Dann die Boxenstopps abwarten. Wenn das Ergebnis des ersten Freien Trainings repräsentativ ist, dann läuft es alles in unsere Richtung.

SPORT1: Sebastian Vettel lag dort deutlich vor Mark Webber. Können Sie das Wort Stallorder eigentlich noch hören?

Marko: Stallorder war bei uns nie ein Thema. Wir haben unsere Fahrer immer frei fahren lassen und halten uns damit an das sportgesetzliche Reglement. Ich glaube, dass wir damit richtig liegen, auf alle Fälle tun wir das von der sportlichen Seite. Ohne Südkorea (Motorschaden Vettel, Anm. d. Red.) hätten wir die Plätze eins und zwei in der Fahrer-WM inne. Es war unser Ziel, dass unsere beiden Fahrer jeden Titel untereinander ausmachen. Das ist jetzt nicht so, wir müssen aufholen. Alonso braucht das nicht mehr, insofern erfordert das letzte Rennen von unseren Fahrern eine gewisse Taktik.

[kaltura id="0_3mw5zbnf" class="full_size" title="Eine Runde in Abu Dhabi"]

SPORT1: Verstehen Sie, dass Webber mit der Gleichberechtigungsstrategie nicht glücklich ist?

Marko: Das mag sein, aber er hatte das gleiche Material, die gleichen Voraussetzungen. Im Vorjahr hat er am Nürburgring gewonnen, als Vettel in der WM vorne lag. Das hat Vettel sicher nicht gefallen, bei seinem Heim-Grand-Prix geschlagen zu werden. Aber da haben wir auch nicht eingegriffen.

SPORT1: Vettel sagt, er könne rechnen. Gehen Sie davon aus, dass er am Sonntag in der Hitze des Gefechts die richtige Entscheidung trifft?

Marko: Damit ist gemeint: Wenn er mathematisch keine Chancen mehr hat, liegt es an ihm, im Sinne des Teams zu agieren. Auch in der Hitze des Gefechts wird er von uns laufend informiert, wie der Stand ist. Es werden sich keine komplexen Rechenaufgaben ergeben.

SPORT1: Würde Vettel Hilfe für Webber leichter fallen, wenn das Verhältnis der beiden nicht so unterkühlt wäre?

Marko: In so einer Saison kommen Emotionen hoch. Dann gibt es die Sprachbarriere und damit Übersetzungen. Alles wird stark interpretiert. Die Suppe wird nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wurde. Wir versuchen, die Atmosphäre im Team so zu halten, dass die beiden eine Kommunikationsbasis haben und wissen: Priorität haben die Interessen des Teams, nicht die des Einzelnen. Das ist uns bis zum jetzigen Zeitpunkt gut gelungen.

SPORT1: Wäre Webber ein Weltmeister von Vettels Gnaden?

Marko: Das würde ich nicht so sehen. Es sind 19 Rennen, beide haben momentan vier gewonnen. Es wäre also nur ein Sieg Unterschied. Aber soweit sind wir noch lange nicht. Man sollte das Training nicht zu sehr als Maßstab sehen. Es könnte ja durchaus sein, dass Mark im Qualifying vor Sebastian steht.

SPORT1: Wäre Alonsos Titel durch die Hockenheim-Affäre befleckt, wie Jenson Button meint?

Marko: Schauen Sie, es geht um die Philosophie, die Ferrari hat. Hockenheim war ja nur die Spitze. Alles fokussiert sich dort auf Alonso. Würden wir so vorgehen, wäre die WM schon entschieden.

SPORT1: Wird Red Bull nach der Saison auf eine Verschärfung der Strafen für Stallorder drängen?

Marko: Man sollte diesen Paragraphen überdenken. Entweder er hat Gültigkeit, dann müssen die Sanktionen entsprechend sein. Sprich: Punktabzug. Oder man schafft ihn ganz ab, was wahrscheinlich das Vernünftigere wäre.

SPORT1: Was macht Vettel für Sie an diesem entscheidenden Wochenende für einen Eindruck?

Marko: Sebastian ist top drauf, das ist schon in den ganzen Überseerennen so. Sein einziger Fehler war im Qualifying in Singapur, als er den Sieg vergab. Aber wie er den Motorausfall in Südkorea weggesteckt hat, zeigt, dass er nicht nur sportlich, sondern auch menschlich ganz stark gereift ist.

SPORT1: Was sagt Ihr Bauch: Wer wird Weltmeister?

Marko: Mein Bauchgefühl hofft auf einen Red-Bull-Piloten. Für uns ist es völlig egal, welcher von beiden.

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