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Nick Heidfeld stand in seiner Formel-1-Karriere bislang zwölfmal auf dem Podium © getty

Nick Heidfeld spricht bei SPORT1 über seinen Blitz-Einstieg bei Renault und übt Kritik an der Vielzahl technischer Neuerungen.

Von Julian Meißner

München - Robert Kubicas Pech war sein Glück. Nick Heidfeld schien schon auf dem Abstellgleis der Formel 1 gelandet zu sein, als Lotus Renault dringend einen Ersatz für den Polen benötigte, der sich bei einer 347832Rallye in Italien schwer verletzt hatte.

"Ein beklemmendes Gefühl", sagt Heidfeld im SPORT1-Interview über die Situation, in der er vom Unglück seines ehemaligen Teamkollegen bei BMW-Sauber profitierte.

Vor dem Saisonstart in Melbourne (Training, Fr. ab 6 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) spricht der 33-jährige Mönchengladbacher über seinen Einstieg bei Renault und das schwere Jahr als Mercedes-Ersatzpilot.

Heidfeld, der 2000 bei Prost-Peugeot in der Königsklasse debütierte, zeigt sich besorgt über die vielen technischen Neuerungen, die die Fahrer 2011 vor eine wahre Herkulesaufgabe stellen.

SPORT1: Herr Heidfeld, vor gut vier Wochen wurde ihr Engagement bei Renault publik. Sind Sie schon wieder voll in Ihrem alten, neuen Job angekommen?

Nick Heidfeld: Das würde ich schon sagen. Ich war zwar letztes Jahr auch dabei und zumindest bei den letzten Rennen für Sauber aktiv. Aber die Situation dieses Jahr ist schon eine ganz andere. Wenn man mitten in der Saison einsteigt, ist das ungewohnt. Jetzt ist es eher so, wie es in den letzten zehn oder elf Jahren war.

SPORT1: Inwieweit konnten Sie sich bereits mit dem neuen Auto vertraut machen?

Heidfeld: Im Grunde fehlt mir ja nur der Test in Valencia. Dementsprechend kenne ich mich schon recht gut aus. Was mir eher fehlt, ist die Vorbereitungszeit mit dem Team. Je mehr Zeit man hat, umso besser ist das natürlich für die Eingewöhnung.

SPORT1: Hilft Ihnen Ihre große Erfahrung dabei, sich schnell in einem neuen Team zurechtzufinden?

Heidfeld: Es hilft tatsächlich sehr, dass ich schon einige Teams in der Formel 1 kennengelernt habe. Ich muss aber sagen, dass es mir die Leute hier, nicht nur die Ingenieure und Mechaniker, sehr einfach gemacht haben und mich offen empfangen haben.

SPORT1: Wie schätzen Sie die Leistungsstärke des R31 ein?

Heidfeld: Das ist nach wie vor unmöglich einzuschätzen. Mein Ziel ist immer das Gleiche: das Maximum aus dem Auto herauszuholen. Das mag sich etwas langweilig anhören, aber alles andere wäre ziemlich blödsinnig.

SPORT1: Welche Ziele sind für Sie dann realistisch in dieser Saison?

Heidfeld: Gute Frage, aber ich kann es tatsächlich noch nicht einschätzen. Ich würde mir natürlich wünschen, dass ich weit vorne lande. Es wäre schön, wenn ich im Vergleich zu meinen anderen Jahren in der Formel 1 ein Auto habe, mit dem ich so gut kämpfen kann, wie mit den besten Autos, die ich bis jetzt hatte.

SPORT1: Sie sind mit Robert Kubica zusammen bei BMW gefahren. Mit welchem Gefühl haben Sie jetzt sein Cockpit übernommen?

Heidfeld: Es war schon ein sehr komisches Gefühl. Von Anfang an war klar, dass ich die Chance nutzen würde, nutzen müsste, sollte sie sich ergeben. Auf der anderen Seite hatte ich dieses schwer zu beschreibende Gefühl. Es war ja so: Wenn es Robert schlechter geht, wird meine Chance größer. Das war sehr beklemmend.

SPORT1: Stehen Sie in Kontakt zu Kubica, wissen Sie, wie es ihm geht?

Heidfeld: Zum Glück bin ich über das Team recht gut informiert. Sein Arzt war beim letzten Test in Barcelona. Ich habe ihm natürlich meine besten Wünsche gesendet, dass er hoffentlich bald wieder fit ist.

SPORT1: Wie stehen Sie zu Witali Petrow?

Heidfeld: Unser Verhältnis ist gut. Ich muss ehrlich sagen, dass ich letztes Jahr so gut wie gar keinen Kontakt zu ihm hatte. Jetzt haben wir die Tests zusammen bestritten und sind noch in der Kennenlernphase. Aber es läuft sehr rund.

SPORT1: Bei Mercedes sind Sie 2010 kaum bis gar nicht zum Fahren gekommen. Würden Sie von einem verlorenen Jahr sprechen?

Heidfeld: Natürlich wäre es mir lieber gewesen, als Einsatzfahrer richtig dabei gewesen zu sein. Nur habe ich eben kein Team gefunden, in dem ich die Saison gerne komplett bestritten hätte. Und man sollte immer versuchen, etwas zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Ich hatte die Möglichkeit, Leuten wie Michael (Schumacher, Anm. d. Red.) und Ross (Brawn, Anm. d. Red.) über die Schulter zu schauen. Das sind bekannte Leute, die nicht nur eine WM gewonnen haben.

SPORT1: Renault scheint in einer Liga mit Mercedes zu spielen. Haben Sie so etwas wie Revanchegelüste gegenüber den alten Kollegen?

Heidfeld: Nein. Letztes Jahr war Mercedes einen Platz vor Lotus Renault. Es könnte schon sein, dass wir wieder eng beieinander sind. Natürlich sieht man da dann etwas anders drauf als bei einem Team, bei dem man nicht vorher beschäftigt war. Ich versuche aber, alle zu schlagen, ob es jetzt Mercedes, Sauber oder sonst wer ist.

SPORT1: Wen sehen Sie als die schwersten Gegner und damit die Favoriten in der WM an?

Heidfeld (lacht): Es wäre schön, wenn die Favoriten unsere größten Gegner wären. Das werden wir sehen. Top-Favoriten sind für mich Red Bull, die in den letzten beiden Jahren das schnellste Auto hatten und 2010 beide Titel gewonnen haben. Zudem sahen sie bei den Tests, sofern man das einschätzen kann, am stärksten aus. Ich denke, sie sind vorne, gefolgt von Ferrari.

SPORT1: Pirelli als neuer Reifenlieferant erntet viel Kritik, gerade wegen der Haltbarkeit. Sehen Sie das ähnlich?

Heidfeld: Jein. Die Kritik ist natürlich berechtigt, wenn man die Reifen mit denen der letzten Jahre vergleicht. Aber ich denke, Pirelli hat einen sehr guten Job gemacht, wenn man bedenkt, dass Sie erst seit dem Sommer wissen, dass sie einen Formel-1-Reifen bauen müssen. Der Zeitraum war sehr knapp bemessen.

SPORT1: Sehen Sie einen Vorteil darin, dass Sie zwischenzeitlich für Pirelli getestet haben?

Heidfeld: Ich hoffe, dass das so ist. Ich konnte bei der Entwicklung die Richtung mit vorgeben, was die Konstruktion betrifft. Das sollte also passen für mich. Andererseits war ich nicht mehr involviert, als es um die Gummi-Mischung ging.

SPORT1: Viele Fahrer empfinden die zunehmenden technischen Neuerungen wie den flexibler Heckflügel und KERS als Störung. Wie bewerten sie diese Tendenzen?

Heidfeld: Ich sehe es ähnlich. In vielen Dingen sind wir stark eingeschränkt, so auch bei KERS und dem Heckflügel. Wenn man mit der Elektronik freier wäre, könnte man es so steuern, dass es einfacher wäre. Aber wir haben nun einmal alle die gleiche Elektronikbox und müssen uns damit zurechtfinden.

[kaltura id="0_bjwc0jhk" class="full_size" title="Vettel erkl rt KERS und Co "]

SPORT1: Was genau ist das Problem?

Heidfeld: Die Kritik fast aller Fahrer, der auch ich zustimme, besteht darin, dass diese Neuerungen einfach ein bisschen zuviel sind. Wir müssen uns auf einige andere Dinge als das Fahren konzentrieren, und das gleichzeitig. Es gibt unheimlich viele Funktionen am Lenkrad. Zwei mehr sind da nicht die Welt. Das Problem ist, dass sie gleichzeitig mit dem Hochschalten bewältigt werden müssen.

SPORT1: Also kann es auch ein Sicherheitsproblem sein?

Heidfeld: Ja, aus Fahrersicht ist das der Fall. Es ist eigentlich über dem, was vertretbar ist.

SPORT1: Halten Sie es für möglich, dass während der Saison Änderungen im Reglement vorgenommen werden, wenn man merkt: Der Fahrer kommt damit im Rennbetrieb nicht klar?

Heidfeld: Das ist durchaus möglich. Der Dialog zwischen den Fahrern und der FIA mit Renndirektor Charlie Whiting ist ja da. Die Entwicklung wird mit Sicherheit beobachtet werden.

SPORT1: Zurück zu Ihrer Person: Planen Sie über 2011 hinaus?

Heidfeld: So wie in den letzten Jahren auch. Ich probiere, mein Bestes zu zeigen. Ziel ist es wieder, auch in den nächsten Jahren, ein gutes Cockpit zu bekommen.

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