vergrößernverkleinern
Lewis Hamilton hatte 2008 einen WM-Punkt Vorsprung vor Felipe Massa (v.) © imago

McLaren-Mercedes ist zu langsam, Ferrari macht zu viele Fehler. Die Top-Teams der letzten Jahre haben keine Hoffnung mehr.

Von Marc Ellerich

München - Norbert Haug hatte das Debakel kommen sehen.

Es ist ja auch längst kein Geheimnis mehr: Das McLaren-Mercedes-Team um Weltmeister Lewis Hamilton ist alles andere als in Schwung.

Die Plätze sieben, sechs und vier hat der britische Champion bisher in seiner persönlichen Saisonstatistik zu Buche stehen (sein dritter Platz beim Saisonstart in Melbourne wurde ihm im Zuge der Lügen-Affäre aberkannt).

Und beim Spanien-Grand-Prix (Vettel beißt sich die Zähne aus) am Wochenende in Barcelona verpasste Hamilton als Neunter die Punkteränge (DATENCENTER: Ergebnis und WM-Stand). Mehr noch, der Weltmeister wurde ausgerechnet vom späteren Sieger Jenson Button im Kunden-Auto Brawn gedemütigt.

Höchststrafe für Hamilton

Kurz vor Schluss seiner Triumphfahrt überrundete Button seinen Landsmann und trieb den Stachel der Niederlage so noch tiefer ins Fleisch der Silberpfeile.

Der mächtige Mercedes-Sportchef Haug ist schon häufiger zu den Gründen der silbernen Misere befragt worden, und der Schwabe redet längst nicht mehr um den heißen Brei herum.

"Fakt ist, wir haben jetzt noch zu wenig Abtrieb", sagte Haug - wohlgemerkt vor dem Barcelona-Start: "Wir haben uns schlicht und einfach verschätzt bezüglich dessen, was bei den neuen Regeln erforderlich ist." Offener kann man mit eigenen Versäumnissen kaum umgehen.

Pleite mit Ansage

Insofern war Hamiltons Scheitern eine Pleite mit Ansage. "Wir wussten es vorher, und wir haben es angekündigt", sprach Haug nach dem ersten Grand Prix auf europäischem Boden in die Mikrofone.

Der Manager war nach dem schwarzen Rennwochenende dennoch schwer aufgebracht.

Mittlerweile zum vierten Mal sind den Silberpfeilen die Brawn-Boliden "powered by Mercedes" um die Ohren gefahren. Das kann gerade die Untertürkheimer Fraktion des britisch-deutschen Rennstalls - bei allem Stolz über die Leistungsfähigkeit des eigenen Aggregats - kaum begeistern.

"Wir sind zu langsam"

Deutliche Forderungen werden deshalb an den britischen Partner gerichtet: "Wir sind zu langsam. Die schnellen Kurven können wir gar nicht. Das muss sich dramatisch ändern."

Eine Steigerung werde "sicher nicht in den nächsten vier Wochen" stattfinden, rechnet Haug vor, eher in zehn Wochen solle der Silberpfeil wieder mit den überlegenen Brawn-Boliden konkurrieren können.

Indirekt schreibt McLaren-Mercedes die Chance auf die Titelverteidigung also ab.

In dieselbe Richtung zielte Hamilton mit seiner Kritik: "Schade, dass sie mir kein Auto gegeben haben, mit dem ich die Weltmeisterschaft verteidigen könnte. Das Auto ist richtig schlecht. Ich gebe alles, aber da besteht einfach keine Hoffnung", meinte er enttäuscht.

Pessimistischer Massa

Auch bei Ferrari, dem großen WM-Konkurrenten des Vorjahres, hat man den Titel abgeschrieben.

Er rechne sich keine WM-Chance mehr aus, antwortete Felipe Massa, der in Barcelona als Vierter ins Rennen gegangen war und zunächst ein eindrucksvolles Comeback des roten Boliden demonstriert hatte - bis ihm der Sprit knapp wurde und er das Tempo drosseln musste (Rot zwischen Genie und Wahnsinn) .

Vielleicht unter dem Eindruck des Tankdebakels hakte Massa den Angriff auf die Meisterschaft ab: "Wir sind zu weit zurück. Wir werden weiter um Sieg kämpfen, aber über den Titel brauchen wir nicht mehr zu reden."

Unsichere Zukunft

Ähnlich sieht es Massas Vorgesetzter, Teamchef Stefano Domenicali: "Die Brawns sind schnell und zuverlässig. Für uns gilt leider genau das Gegenteil. Unsere Fehlerliste ist derzeit nicht akzeptabel."

Dass die beiden großen Konkurrenten ab sofort ihre Kräfte schonen und sich früh auf die kommende Saison konzentrieren, sollte man dennoch nicht annehmen - zu unsicher erscheint ihre Zukunft in der Königsklasse.

Hinter den Kulissen tobt ein erbitterter Machtkampf zwischen dem Weltverband und den Rennställen über die bereits verabschiedete Budget-Obergrenze, die 2010 kommen soll.

Formel-1-Gründungsmitglied Ferrari protestierte am lautesten gegen die geplante Deckelung und drohte bereits mit Ausstieg aus der Königsklasse. (Steigt Ferrari aus?)

Haug hingegen befürwortet eine radikale Begrenzung der Ausgaben.

Wohl auch, weil er weiß, dass das Formel-1-Engagement im Daimler-Konzern sehr kritisch beäugt wird (Haug: Ausstieg nicht ausgeschlossen).

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel