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Quo vadis? Max Mosley war in Silverstone am Freitag begehrter Gesprächspartner © getty

Die Top-Teams der Formel 1 ziehen die Notbremse. Sport1.de beantwortet die wichtigsten Fragen für den Fall der Spaltung.

Von Julian Meißner

München/Silverstone - Ausgerechnet an ihren Wurzeln steuert die Königsklasse des Motorsports ins Chaos.

In Silverstone, wo am 13. Mai 1950 der erste Formel-1-Grand-Prix der Geschichte über die Bühne ging, platzte nun die Bombe.

Nach den massiven Streitigkeiten um das Reglement der Zukunft haben die in der Vereinigung FOTA organisierten Teams in der Nacht zu Freitag ihre Abspaltung von der Formel 1 und die Gründung einer eigenen Rennserie angekündigt (Revolte: Teams kündigen eigene Serie an).

Noch scheint ein Kompromiss im Vorfeld des 60. Großbritannien-GP (Quali, Sa., 13.45 Uhr LIVE) nicht ausgeschlossen - bis Samstag will der Weltverband FIA bekannt geben, wer an der Formel-1-Saison 2010 teilnehmen wird.

Sport1.de beantwortet schon jetzt die wichtigsten Fragen für den Fall der Spaltung:

Wer nimmt an der noch namenlosen Konkurrenzserie teil?

Mit BMW-Sauber, Brawn GP, Ferrari, McLaren-Mercedes, Red Bull, Renault, Toro Rosso und Toyota haben acht Teams das FOTA-Statement von Donnerstagnacht unterzeichnet. Darunter sind alle großen Automobil-Hersteller. Es ist aber keineswegs ausgeschlossen, dass noch neue Teams hinzustoßen - die FOTA ermutigte in der Mitteilung ausdrücklich zur Bewerbung.

Wer startet in der Formel 1?

Williams und Force India haben als einzige der aktuellen Teams ohne Bedingungen für die Saison 2010 gemeldet. Hinzu kommen die drei bereits akzeptierten Neulinge Campos, Manor und USF1. Teams wie Litespeed, Superfund, Prodrive und Lotus, die in der ersten Bewerbungsrunde gescheitert waren, dürfen sich nun wieder neue Hoffnung machen. Der britische Traditionsrennstall Lola hat seine Bewerbung am Mittwoch zurückgezogen. Diese Kandidaten könnten aber natürlich auch Interesse an einer neuen Serie hegen.

Was machen die Stars?

Die Größen der Szene dürften ihren Arbeitgeber in die Konkurrenzserie folgen. Renaults Doppelweltmeister Fernando Alonso sagte beispielsweise in Silverstone: "Die neue Formel 1 mit den kleinen Teams ist zumindest für mich überhaupt nicht attraktiv. Ich werde aber mit Sicherheit nicht zurücktreten, sondern in einer anderen Serie starten." Er hoffe zwar noch auf eine Einigung, meinte aber: "Wir haben Verträge mit unseren Teams und werden bis zum Ende bei ihnen sein." Alle noch aktiven Weltmeister stehen übrigens bei den FOTA-Teams in Lohn und Brot.

Was sagen die deutschen Fahrer?

Sebastian Vettel (Red Bull) meinte am Rande des Freien Trainings am Freitag bei "Premiere": "Christian Horner hat uns heute morgen informiert. Mark Webber und ich stehen voll hinter unserem Team. Wir wollen mit den besten Fahrern, den besten Teams und Autos gegeneinander fahren. Das sagt genug." Und Nico Rosberg sagte: "Es ist sehr schade für den Sport, der super ist, so wie er ist - mal davon abgesehen, dass er zu teuer ist. Mein Team Williams ist immerhin 2010 in der Formel 1 dabei?"

Wo startet die "Piratenserie"?

An Rennstrecken, die einer neuen Königsklasse ein guter Gastgeber sein wollen, mangelt es wahrlich nicht. In Silverstone beispielsweise, das 2010 nicht mehr im Formel-1-Rennkalender stehen wird, reibt man sich schon die Hände. "Wir sind ein Business. Sollte sich ein anderes Rennen anbieten, würden wir das in Betracht ziehen", sagte Robert Brooks, Vorsitzender des British Racing Drivers Club, dem die Strecke gehört, bereits am Donnerstag. Bernie Ecclestones Linie, immer mehr Rennen in Asien zu starten, hat zudem zahlreiche Strecken hinterlassen, die sich eine Rückkehr in den Kalender wünschen, wie Montreal, Magny-Cours oder Imola. Die aktuellen Formel-1-Strecken haben sich offenbar gegenüber Ecclestone verpflichtet, einer Konkurrenzserie nicht zur Verfügung zu stehen.

Was passiert mit den deutschen Strecken?

Der Vertrag des Nürburgrings mit den Formel-1-Rechteinhabern um Ecclestone läuft noch bis 2011. Geschäftsführer Walter Kafitz sagt: "Bei einer Spaltung gibt es nur Verlierer. Das wäre schlimm für den Motorsport." Hockenheimring-Geschäftsführer Karl-Josef Schmidt, der um die Finanzierung des Rennens 2010 kämpft, wollte sich am Freitag nicht zur neuen Entwicklung äußern. "Ich hoffe immer noch, dass Vernunft einzieht. Die Formel 1 stand schon häufiger am Abgrund, und passiert ist dann nichts. Da fließt bestimmt noch viel Wasser den Rhein runter", meinte Kafitz.

Gibt es finanzielle Einbußen für die Formel 1?

Laut der Publikation "Formula Money" würde der FOM (Formula One Management) von Chefpromoter Ecclestone durch die Abspaltung der FOTA Teams eine Summe von 2,2 Milliarden US-Dollar durch die Lappen gehen. Das entspricht den 47 Prozent am Gesamtumsatz der Serie, die die acht FOTA-Teams 2008 beitrugen.

Ist Ähnliches schon einmal passiert?

Ja, und zwar ohne den erwünschten Effekt: In den USA löste sich Mitte der 90er Jahre die Indy Racing League von der US-Cart-Serie. Keine der beiden konkurrierenden Serien konnte sich danach jedoch vollends durchsetzen. 2008 kam es dann wieder zum Zusammenschluss.

Welche Hürden hat die Konkurrenzserie noch zu nehmen?

Ecclestone wird auf die Einhaltung der Verträge pochen und die Teams wohl mit Klagen überhäufen, ein Prozessmarathon droht. Zudem ist die Organisation einer solchen Serie ein Mammutprojekt: Von Verträgen mit Streckenbetreibern und TV-Anstalten über Ticketing und Merchandising sind unzählige Aufgaben zu delegieren und erledigen - und bis 2010 bleibt nicht viel Zeit.

Auf welcher Seite stehen die Fans?

Eine Formel 1 ohne Ferrari, McLaren und Co. dürfte es schwer haben. Die meisten Fans sind den ständigen Regeländerungen und dem Machtgebaren von Ecclestone und FIA-Boss Max Mosley ohnehin überdrüssig. Das zeigt auch der aktuelle Sport1.de-Trend: 89,5 Prozent (Stand: 19. Juni, 16 Uhr) der User sind der Meinung, die Teamvereinigung FOTA habe zu Recht die Notbremse gezogen.

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