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Sebastian Vettel (v.) wurde 2009 Vize-Weltmeister, Red-Bull-Kollege Mark Webber Vierter © getty

Macht der Platzhirsch-Faktor den Unterschied? Für Sebastian Vettel und Red Bull gibt es 2010 nur ein Ziel. Das Team im Check.

Von Marc Ellerich

München - Bei Red Bull gibt es im sechsten Jahr des Bestehens in der Königsklasse nur ein Ziel: Die WM-Krone muss her.

"In diesem Jahr müssen wir um den Titel fahren", forderte Team-Mäzen Dietrich Mateschitz schon vor Wochen klipp und klar in den "Salzburger Nachrichten".

Dabei hätte der Getränke-Milliardär gar nicht so deutlich werden müssen, sein deutscher Musterschüler weiß längst, was die Stunde geschlagen hat: "Es gibt nur ein Ziel, den Gewinn der Weltmeisterschaft", sagt Sebastian Vettel, der im vergangenen Jahr hinter dem Briten Jenson Button den Vize-Titel einfuhr.

Und sein australischer Teamkollege Mark Webber, 2009 Vierter der WM sagt: "Wir müssen uns steigern, das ist die Mentalität." (SERVICE: Alles Tests, alle Zeiten)

Vier Team, acht Favoriten

Die Vorgabe für 2010 ist also klar. Doch klar ist, auch andere wollen den Titel: Ferrari, McLaren, natürlich auch das neue deutsche Mercedes-Team. Macht vier Teams und acht Fahrer. So viele Titelaspiranten auf einmal gab es in der jüngeren Formel-1-Geschichte noch nie, weshalb der Weg zur Weltmeisterschaft umkämpft sein dürfte wie selten. (180745DIASHOW: Die Startliste 2010)

Wie eng es werden könnte, zeichnete sich bereits während der 15 Testtage ab. Da lösten sich die WM-Favoriten bei den Bestzeiten konstant ab: Je drei Mal standen Red Bull, McLaren und Ferrari ganz oben, nur Mercedes hinkte mit einer schnellsten gefahrenen Runde hinterher.

Unklare Hierarchie

Einen großen Vorteil jedoch darf sich der österreichische Rennstall gegenüber den genannten WM-Rivalen gutschreiben lassen: Es ist der Platzhirsch-Faktor, der den Rivalen das Leben über die Saison hinweg schwer machen könnte. (DATENCENTER: Die Saison 2010 im Überblick)

Während bei Ferrari, Mercedes und McLaren die Machtverhältnisse zwischen den Stars erst geklärt werden müssen, hat Red Bull diesen mit viel Zündstoff beladenen Prozess bereits hinter sich.

Schneid abgekauft

Im Vorjahr kaufte das Supertalent Vettel seinem australischen Kollegen sowohl im Qualifying als auch in den 17 Grands Prix den Schneid ab: 15 Mal lag der 22-Jährige bei der Jagd auf die Pole Position vor Webber, in der WM-Endabrechnung stand es nach dem Finale in Abu Dhabi 84 zu 69,5.

Allerdings: Bei den diesjährigen Tests lag Webber in Sachen Bestzeiten vor seinem deutschen Kollegen.

Vettel ist bewusst, dass eine ungeklärte Hierarchie einen Nachteil im WM-Rennen darstellt. "Interessant", nennt er die Teamduelle, die sich bei seinen direkten Rivalen im WM-Kampf abzeichnen. (Teamcheck Teil 1: Wie lange hält der Frieden bei Ferrari?)

"Wir haben zwei britische Fahrer bei einem britischen Team, Lewis und Jenson bei McLaren. Ich denke nicht, dass es einfach wird für Jenson", sagt er: "Lewis ist sehr schnell und kennt dieses Team schon seit Jahren. Und man sollte sich an das erinnern, was er 2007 geleistet hat, als Fernando Alonso bei McLaren war." (Teamcheck Teil 2: Warten auf den großen Knall)

"Es ist nicht passiert"

Bei den neuen Silberpfeilen gebe es "die Rivalität zwischen zwei Deutschen. Bei all diesen Teams kann eine Menge passieren", ahnt Vettel. (Sport1.de-Check: Ein halbes Dutzend jagt die Roten)

Und Red Bull? Kein Problem, behauptet Vettel, im Gegenteil: "Die spektakulärste Kombination sind in meinen Augen Mark und ich, denn jeder weiß, dass wir keinerlei Probleme miteinander haben. Wir kommen gut miteinander aus."

Webber stößt ins selbe Horn: "Wir hatten im vergangenen Jahr schon eine gesunde Rivalität und haben immer noch ein sehr gutes Verhältnis zueinander." Schon in der Vorsaison habe es "genügend Möglichkeiten" gegeben, einen Stallkrieg anzuzetteln, "und es ist nicht passiert", so der Australier weiter.

Offiziell keine Nummer 1

Offiziell gibt es bei Red Bull auch in diesem Jahr keine Nr. 1 - auch das hilft, den teaminternen Frieden zu bewahren. "Wir haben nie einen Fahrer bevorzugt und werden das auch 2010 nicht tun", sagt Teamchef Christian Horner. (Formel-1-Legende Niki Lauda, sieht im Sport1.de-Interview)

Bezeichnend ist jedoch, dass der Brite ausschließlich Vettel erwähnt, wenn er vom Titel spricht. "Für Sebastian ist der WM-Titel der natürlich nächste Schritt. Alles andere hat er erreicht", meint Horner. Der Name Webber kommt im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft nicht vor.

"Ich sehe Vettel bei Red Bull intern stärker gesetzt als die Piloten in den anderen Topteams", sagt Formel-1-Experte Jacques Schulz gegenüber Sport1.de.

Alles beim Alten also bei den Roten Bullen? Die Kontinuität im Team, die sich übrigens auch bei der Entwicklung des RB6-Boliden niedergeschlagen hat, könnte sich als entscheidender Faktor im WM-Rennen erweisen.

"Sebastian macht keinen Fehler zweimal"

Und sich zugunsten des jungen Deutschen auswirken? "Vettel ist für mich der WM-Kandidat Nummer 1", tippt der ehemalige Schweizer Rennfahrer und heutige TV-Experte Marc Surer in seiner Analyse bei "Motorsport-Total.com".

So kann man es sehen. Zumal der erbitterte WM-Kampf im Vorjahr mit den Brawn-Piloten Button und Rubens Barrichello Vettel reifer gemacht habe, wie man in seinem Team behauptet. "Sebastian macht keinen Fehler zweimal. Er ist 2009 ein kompletterer Rennfahrer geworden", sagt Horner.

Zweifel an Zuverlässigkeit

Wären da nicht die Zweifel an der Zuverlässigkeit des Red-Bull-Boliden, der auch 2010 mit dem anfälligen Renault-Motor ins Rennen geschickt wird. Den ersten Test in Valencia ließ das Team sogar aus, während der anschließenden Erprobungsfahrten lief der RB6 mal glänzend, dann wiederum stand er lange in der Garage.

Vettel wischt derlei Bedenken sofort vom Tisch. "Wir müssen keine Zuverlässigkeitsprobleme fürchten", sagt der Hesse forsch: "Es ist normal, dass bei einem neuen Auto nicht alles sofort rund läuft."

Zweifel, soviel steht fest, sind in Vettels WM-Plan nicht vorgesehen.

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