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Weltmeisterlich: Lewis Hamilton (l.) holte 2008 den Titel, Jenson Button 2009 © imago

Lewis Hamilton platzt beim Australien-GP der Kragen - später rudert er zurück. Jenson Button genießt seinen Sieg in vollen Zügen.

Von Marc Ellerich

München - Leidenschaftlich wie er zuvor den Australien-Grand-Prix gefahren war, ging Lewis Hamilton nach seinem sechsten Platz von Melbourne zur Attacke über.

"Mit meiner Leistung bin ich zufrieden", leitete der McLaren-Pilot seine Tirade ein: " Ich habe mir die Seele aus dem Leib gefahren, es war eines der besten Rennen meines Lebens." (218418DIASHOW: Bilder des Rennens)

Tatsächlich hatte Hamilton das Kunststück fertiggebracht, sich nach einem miserablen samstäglichen Qualifying sonntags vom elften Platz mit einer furiosen Fahrt durchs Feld zu wühlen.

Doch damit hatte sich der britische Star längst nicht zufrieden gegeben. "Ich hätte mehr verdient gehabt", zeterte Hamilton weiter: "Leider bin ich durch die Strategie zurückgefallen."

"Wer hat mich reingeholt?"

Die Strategie! Schon während des Rennens hatte der rasende Weltmeister von 2008 die Zwei-Stopp-Order seines Rennstalls zum Teufel gewünscht: "Wer hat mich reingeholt?", fragte er wütend: "Was für eine schreckliche Idee."

Der entfesselt fahrende Brite war auch anschließend felsenfest überzeugt, dass ihn sein Team eine deutlich bessere Platzierung gebracht hatte. Mindestens aufs Podium neben seinen Teamkollegen Jenson Button, der seinen Vorjahreserfolg in Melbourne wiederholen konnte, hätte er es bringen können, glaubte Hamilton. (DATENCENTER: Das Renn-Ergebnis)

"Die Strategie war falsch, denn alle anderen vor mir kamen nur einmal in die Box, ich aus irgendeinem Grund zwei Mal", entrüstete er sich: "Ich war schon Dritter, und diese Entscheidung hat mich ein sicheres Podium gekostet - mindestens. Wir hätten locker einen Doppelsieg feiern können."

Whitmarsh hat Verständnis

Was Hamilton so aufbrachte: Durch den Wechsel war er vom dritten Platz hinter dem erstaunlichen Robert Kubica im Renault auf den fünften Platz zurückgefallen - und auf den kalten Pneus auch noch von beiden Ferrari überholt worden. (VIDEO: Die Strecke von Melbourne)

Teamchef Martin Whitmarsh verteidigte tags darauf die Strategie seines Teams: "Zu dem Zeitpunkt war es die richtige Entscheidung, Lewis verlor Zeit auf Kubica, und sein linker Reifen verlor Haftung."

Und auch den Wutausbruch auf der Strecke nahm Whitmarsh seinem Piloten nicht krumm: "Lewis ist leidenschaftlich, er will gewinnen. Er ist hart zu sich und hart zum Team. So tickt er halt."

Hamilton beruhigt sich

Eine anhaltende Störung des Betriebsfriedens muss das englische Weltmeister-Team jedoch nicht befürchten.

Irgendwann hatte auch Hamilton sich wieder eingekriegt. Das Team habe ihm den Wechselplan erklärt. "Ich habe verstanden, was sie versuchen wollten", gab er artig zu Protokoll: "Sie wollten sicherstellen, dass ich Webber und Rosberg später im Rennen kassieren kann."

"Wir alle lernen immer noch die neuen Reifen dieses Jahres kennen", fügte er hinzu: "Vielleicht haben wir überschätzt, wie stark die Reifen der Vorderen abbauen würden."

Glückwunsch an Button

Eifersucht auf seinen Teamkollegen habe ihn jedenfalls nicht in Rage versetzt, bekräftigte Hamilton noch. Viele Warten auf den ersten Krach der beiden Champions, den Gefallen wollte der Wahl-Schweizer ihnen nicht tun.

"Ich habe ihn kräftig umarmt", sagte Hamilton: "An seinem Rennen gibt es nichts zu mäkeln. Es war fehlerlos."

Der Weltmeister selbst genoss seinen Sieg Down Under. Viele hatten ihm vor der Saison einen schweren Stand gegen seinen Vorgänger prophezeit - ihnen hat der Vorjahressieger in Australien eine eindrucksvolle Antwort gegeben.

Button: Erster Appetit-Happen

"Ich will nur noch herumrennen und schreien. Das ist eine Irrsinnserfahrung", sagte der Champion noch in Melbourne. "Es ist wirklich fantastisch. Wir sind hungrig auf Siege, und das war der erste Appetit-Happen."

Button spornte sein Team an, nicht nachzulassen: "Das ging in die richtige Richtung. Wir haben gute Fortschritte gemacht. Aber wir sind immer noch nicht schnell genug."

Auch auf sein Pokerspiel mit den Reifen ging zweimalige Australien-Gewinner ein.

"Ich musste das tun"

Von Platz vier gestartet, war Button trotz nasser Piste als Erster von Intermediate-Reifen auf Slicks gewechselt - und belohnt worden. "Ich musste das tun. Ich sagte mir, wenn ich nichts tue, werde ich hier Siebter oder Achter. Und ich dachte mir, wenn die Intermediates so schnell kaputt gehen, muss es trocken sein."

Dann fügte er hinzu: "Die Umstände haben uns heute geholfen, und wir haben einige gute Entscheidungen getroffen. In der Formel 1 geht es nicht immer darum, der Schnellste zu sein. Es geht darum, die richtigen Entscheidungen zu fällen."

Lewis Hamilton wird den Satz gewiss unterschreiben.

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