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Noch läuft alles nach Plan: Vettel steigt in seinen RB6 © getty

Ist der Red Bull illegal? Ein Konkurrent streut den Schummel-Vorwurf als Retourkutsche in einem harten Zwist zweier WM-Rivalen.

Von Marc Ellerich

München - Die Vorwürfe sind gravierend, und sie zirkulieren bereits seit dem Qualifying zum Australien-Grand-Prix durch die Formel 1: Der Red Bull ist extrem schnell. Ist er gar zu schnell, um erlaubt zu sein? (Technik-Probleme frustrieren Vettel)

Anlass sind die Vermutungen, die McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh äußerte, nachdem die Red-Bull-Piloten Sebastian Vettel und Mark Webber die Konkurrenz im Albert Park mit einer Doppel-Pole düpiert hatten.

"Der Red Bull und andere Autos können im Qualifying tiefer fahren, als man annehmen würde, da sie für das Rennen wieder Benzin nachfüllen müssen", sagte Whitmarsh in Melbourne. (218418DIASHOW: Bilder des Rennens)

Ärger mit Vorgeschichte

Und in der "BBC" legte er nach. Es gebe Beweise, "dass Systeme zur Kontrolle der Bodenhöhe verwendet werden, die viele Leute als unzulässig einstufen würden". Sein Team arbeite nun an einer derartigen Lösung, sei aber zunächst davon ausgegangen, "dass solche Systeme nicht erlaubt" seien.

Der Red Bull RB 6 illegal? Warum der Chef des englischen Weltmeister-Teams derartige Vermutungen streute, ist leicht erklärbar, die Sache hat eine Vorgeschichte.

Voll ins Schwarze

Vor Beginn der Saison hatte Red Bull gemeinsam mit Ferrari McLarens Flügel-Lösung am MP4-25 ("F-Schacht-System") scharf kritisiert. Der Technik-Trick macht auf den Geraden höhere Spitzengeschwindigkeiten möglich. Die FIA musste eingreifen, auch in diesem Fall schwang der unterschwellige Vorwurf mit: Am McLaren ist was faul.

Withmarshs Schummel-Vorwürfe waren also die Retourkutsche in einem Duell mit harten Bandagen, oder wie es Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali ausdrückte: "Es ist Teil des Spiels. Es gehört einfach dazu, dass man andere Teams etwas unter Druck setzt, in dem man ihre Lösungen offen hinterfragt."

Insofern hat McLaren einen guten Job gemacht. Whitmarshs Attacke traf voll ins Schwarze: Seither muss sich der österreichische Rennstall nach Kräften des Betrugsverdachts erwehren.

Horner: Klärung wäre gut

Hinzu kamen Giftpfeile wie der des früheren McLaren-Oberhaupts Ron Dennis, der den Österreichern nach Vettels technischen Problemen in Bahrain unterstellt hatte, ihnen sei der Sprit ausgegangen. Ferner war da ein Statement von Lewis Hamilton, der darüber spekulierte, der Australier Mark Webber werde nach dieser Saison seine Karriere beenden.

Red-Bull-Teamchef Christian Horner sah sich angesichts der medialen Offensive des Rivalen zur Antwort genötigt. "McLaren hat in letzter Zeit viele Kommentare abgegeben, über die Größe unseres Tanks oder die Zukunft unserer Fahrer und nun über mögliche Systeme an unserem Auto", beklagte sich Horner gegenüber "autosport.com".

Verbotene Technik schloss er grundsätzlich aus: "Wir haben nichts derartiges am Auto", sagte er und forderte die FIA zu Untersuchungen auf: "Eine Klärung wäre für alle gut."

Unterstützung von Brawn

Unterstützung bekam der Engländer von Ross Brawn: "Das muss geklärt werden", fand der Mercedes-Teamchef, "allein aus Fairness gegenüber Red Bull. Da wird mit Vorwürfen hantiert, die sehr unfair sind".

Die Antwort der FIA kam prompt: Es werde keine Untersuchung am RB6 vorgenommen, erklärte eine Sprecherin. Proteste gegen eine möglicherweise illegale Höhenverstellung an Vettels Boliden hätten nach dem Rennen erfolgen müssen. Dies sei nicht geschehen.

Zudem werden die Autos generell vor jedem Rennen von der FIA überprüft. Auch dabei gab es in den ersten beiden Grands Prix offenbar keinen Grund für Beanstandungen.

Ende der Diskussion? Wohl kaum. Längst spekuliert die Szene, was, wenn nicht illegale Technik, den Red Bull so schnell macht.

Macht der Motor den Unterschied?

Für Williams-Technikchef Sam Michael ist der Fall klar: "Ich denke, die FIA-Regeln sind in dem Bereich eindeutig. Eigentlich können sie nur beim ersten Stopp im Rennen über den Reifendruck eine Anpassung vornehmen."

Dann jedoch sei der Vorteil nur minimal. Aber wie verträgt sich das mit der überlegenen Performance der Blau-Roten auch im Rennen?

Eine verbotene Lösung sei eine Variante, doch Michael sieht einen anderen Grund: "Sie haben auch ein tolles Aerodynamik-Paket und einen guten Motor. Mit diesem Motor haben sie im letzten Jahr sechs Rennen gewonnen, der hat sicher einen gewissen Anteil."

Suche nach Erklärungen

Dass sich Red Bulls WM-Rivalen mit dieser Erklärung zufrieden geben werden, darf getrost bezweifelt werden. Zumal weitere Ideen munter ins Spiel gebracht werden: Reifendruck, Gas im Dämpfer oder Spielereien mit der Temperatur der Radaufhängungen.

"Motorsport-Total.com" bringt ein altes Dämpfungssystem des früheren Benetton-Teams aus den Neunzigern in Erinnerung.

Und hat die "Süddeutsche Zeitung" Recht, wenn sie eine Verbindung zu Vettels technischem Defekt in Australien konstruiert, der ihn den sicher geglaubten Sieg Down Under kostete?

"Mutter korrekt befestigt"

Das Blatt bezog sich auf die Erklärung, die Red-Bulls-Bremsenlieferant "Brembo" am Dienstag abgab. Der Unfall in Kurve 13 "wurde nicht durch das Bremssystem verursacht", erklärte das Unternehmen darin.

Auch eine lockere Radmutter, wie von Red Bull vermutet, komme als Grund nicht infrage: "Untersuchungen nach dem Rennen haben ergeben, dass die Mutter beim Boxenstopp korrekt befestigt worden war."

Red Bull tappt im Dunkeln

Übersetzt sind das keine guten Nachrichten für die Österreicher: Das Vettel-Team tappt bei seiner Ursachenforschung für den Defekt also weiter im Dunkeln - und die Spekulationen über die Red-Bull-Technik dürften genau deshalb neue Nahrung bekommen, wie die "SZ" orakelte.

Der Ärger für den Vettel-Rennstall - soviel darf im Nebel von Gerüchten und Vermutungen als gesichert gelten - ist kurz vor dem nächsten Grand Prix in Malaysia noch lange nicht ausgestanden.

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