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Mark Webber inspiziert beim Grand Prix in Bahrain den F-Schacht von McLaren © getty

Ein aerodynamischer Trick macht den McLaren überlegen. Nun wollen alle den F-Schacht haben - aber das ist nicht so leicht.

Von Marc Ellerich

München - Was 2009 der Doppel-Diffusor war, heißt diesmal F-Schacht. Wieder einmal ist die Formel 1 in heller Aufregung wegen eines Technik-Tricks.

Anders als im Vorjahr, als das Team von "Superhirn" Ross Brawn die zündende Diffusor-Idee hatte, kam der jüngste Geistesblitz angeblich von einem Praktikanten des McLaren-Teams.

Das Prinzip der Aero-Lösung klingt simpel: Auf den Geraden wird die anströmende Luft durch das Auto hindurch auf einen Spalt im Heckflügel gelenkt. Der Effekt: Der Luftstrom reißt ab, der Top-Speed steigt, angeblich um bis zu acht Stundenkilometer. Der Trick: Die McLaren Stars Jenson Button und Lewis Hamilton können das System mit dem Knie wieder öffnen, um so in Kurven den vollen Anpressdruck zu garantieren.

"Als würde er parken"

Mit dieser cleveren Idee trat der pfiffige Student eine Lawine in der Königsklasse los: Jedes der Top-Teams will natürlich den neuesten Schrei an Bord haben. Koste es, was es wolle.

"Das muss bald jeder haben", schwärmte der deutsche WM-Favorit Sebastian Vettel, nachdem er den F-Schacht-Effekt erstmals erlebt hatte. In Australien habe Hamilton seinen Landsmann Nico Rosberg im Mercedes stehen lassen "als würde der andere parken". Ihm selbst sei Button auf der Geraden einfach davongefahren. (HINTERGRUND: Reifenflüsterer straft die Kritiker Lügen)

Und Vettel war nicht der Einzige, der staunte. Während der asiatischen Rennwochen war lustig zu beobachten, wie Schumi, Kubica und Co. einer nach dem anderen ausschwärmten, um den feinen Trick am MP4-25 persönlich in Augenschein zu nehmen. (229973DIASHOW: Rosberg überstrahlt erstes Viertel)

Nachbauen geht nicht

Für Vettel gibt es angesichts der überlegenen McLaren-Technik nur eine Lösung. "Jeder ist unter Druck, es zu kopieren und mit etwas Ähnlichem zu kommen", bemerkte der Red-Bull-Pilot beim Grand Prix in Schanghai. (F-Schacht: Konkurrenz zieht nach)

Doch so einfach ist das nicht. Gemäß dem Regelwerk des Weltverbands dürfen an den Rennwagen keine beweglichen Teile eingebaut werden, welche die Aerodynamik beeinflussen.

Die vermeintlich so altbackene McLaren-Lösung entspricht formal den Regeln - und stellt die Rivalen vor gewaltige Probleme. Denn ohne Weiteres Nachbauen geht nicht. Die Teams müssten modifizierte Chassis entwickeln, die von der FIA erst abgenommen werden müssen und - wichtiger noch - die wegen des allgemeinen Testverbots nicht ausprobiert werden können.

"Kopieren wäre Zeitverschwendung"

Bei den Entwicklungsingenieuren rauchen deshalb gewaltig die Köpfe. "Das System bringt einiges", fasste Mercedes-Teamchef Brawn die Probleme der düpierten McLaren-Konkurrenz zusammen: "Aber nur dann, wenn es funktioniert. Wir haben bei Sauber gesehen, dass das nicht der Fall war."

Sein Team arbeite daran. "Aber ich kann schwer vorhersagen, wann wir damit fahren werden, weil wir ja nicht testen dürfen."

Auch bei Renault weiß man offenbar um die Vergeblichkeit eines Plagiatversuchs. "Kopieren werden wir das nicht, das wäre Zeitverschwendung", sagte Teamchef Eric Boullier: "Wir schauen uns aber ein ähnliches Konzept an."

50 PS mehr

Immerhin, in Schanghai konnte Brawn seinen Piloten einen neuen Heckflügel mit auf den Weg geben, der den MGP-W01 angeblich um bis zu drei Stundenkilometer schneller machte, "umgerechnet soviel wie 50 PS mehr", wie Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug vorrechnete.

Doch der Weisheit letzter Schluss ist die kleine Aero-Finne am Silberpfeil in den Augen Brawns nicht gewesen. "Das ist ein passives System, kein aktives wie bei McLaren", erläuterte er.

Wer traut sich?

Die Entwicklungsjagd nach dem F-Schacht (übrigens ein völlig sinnfreier Begriff, der nur dazu diente, um die Spione der Konkurrenz zu verwirren) geht also weiter. Und es wird spannend sein zu beobachten, wer beim Spanien-Grand-Prix am zweiten Mai-Wochenende den nächsten Versuch wagt.

Ferrari würde gerne. "Das System ist nicht einfach", offenbarte Fernando Alonso: "Aber die Jungs arbeiten mit Vollgas dran."

Brawn hingegen zieht einen Einsatz erst beim Rennen Ende Mai in der Türkei in Betracht, und Williams-Technikchef Sam Michael ist nach ersten Probefahrten in China richtig skeptisch: "Es wird Monate dauern, bis es wirklich richtig funktioniert." Und auch Red Bulls Aero-Genie Adrian Newey räumte ein: "Wir wissen nicht, wann wir es rennfertig haben werden."

Sandwiches statt Kaviar

Die Lage für die Top-Teams ist verfahren, denn sie können das Aero-Puzzle nicht so pragmatisch angehen wie Giorgio Ascanelli. Dem Technikchef von Toro Rosso ist der F-Schacht ziemlich schnuppe.

Für den Italiener vom armen Hinterbänkler-Team ist die Lösung purer Luxus, auf den er mühelos verzichten kann: "Wenn ich zehn Euro in der Tasche habe und hungrig bin, dann kaufe ich mir zwei Sandwiches und nicht drei Gramm Kaviar."

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