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Nelson Piquet jr. (l.) und Fernando Alonso fuhren 2008 und 2009 für Renault © getty

Der Ex-Formel-1-Pilot verrät brisante Details aus den Briefings: "Nicht nur bei Ferrari - bei allen Teams" setze man auf Teamorder.

Von Rainer Nachtwey

München - Nelson Piquet jr. kennt sich mit dem Thema Teamorder aus.

Der Weltmeister-Sohn machte 2008 seine Erfahrungen damit, als Nummer zwei im Team alles für den Sieg des Teamkollegen tun zu müssen.

In Singapur lenkte er seinen Renault absichtlich und aus teamstrategischen Gründen in die Leitplanken - sein Teamkollege Fernando Alonso gewann den Grand Prix.

Weniger dramatisch profitierte Alonso in diesem Jahr beim Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring erneut von der Stallorder, als Ferrari-Kollege Felipe Massa von der Teamleitung angehalten wurde, den Spanier überholen zu lassen.

Dadurch wurden die Vermutungen bestätigt: Die Stallorder gibt es noch immer - auch wenn sie 2002 vom Weltverband FIA offiziell verboten wurde.

Teamorder ist "Gentlemen's Agreement"

"Nicht nur bei Ferrari gibt es Teamorder - bei allen Teams", bestätigte der ehemalige Renault-Pilot Piquet in der brasilianischen Wochenzeitung "'Istoe".

Stallregie sei vertraglich zwar nicht festgelegt, aber sie sei ein "Gentlemen's Agreement", wie der Brasilianer es bezeichnete.

Beim Briefing festgelegt

Die FIA-Regelung also nur Worte auf Papier, an die sich keiner hält?

Laut Piquet ist dem so: "Das Team entwickelt einen Code, der eingesetzt wird, um einen Fahrer anzuweisen, den anderen durchzulassen", berichtete er von seinen Erfahrungen.

"Es wird einem bei den Briefings vor dem Rennen sehr klar gemacht. Es werden sogar Orte markiert - normalerweise zwei - wo das Überholmanöver durchgeführt werden kann."

Massa wollte ein Zeichen setzen

Das eindeutige Passierenlassen von Massa habe ihn dann aber doch überrascht, sagte Piquet: "Normalerweise versucht man, solche Dinge unauffälliger durchzuführen."

Für den Brasilianer ist der Sachverhalt daher klar: Landsmann Massa setzte mit dem Manöver ein Zeichen. "Er wollte Ferraris Team-Spiel bloßstellen, um ein bisschen Wirbel zu verursachen" - und dabei auf sein Standing im Team hinweisen.

"Alonso bekommt alles"

Denn Neuankömmling Alonso hat Massa bei Ferrari ins Abseits gedrängt. Erfahrungen, die auch Piquet gemacht hat.

"Er ist schlau genug, um nett zu dir zu sein und um damit dein Vertrauen zu gewinnen. Doch im Rennen hilft er dir nicht", hielt Piquet fest.

Er arbeite eng mit dem Team zusammen und ziehe es auf seine Seite. "Er will immer mehr, fordert mehr, versucht alles und geht allen auf die Nerven - und wenn er eine starke Position im Team hat, dann bekommt er alles."

Eben auch die Strategie zu seinen Gunsten.

"Das ist lächerlich"

Dabei handele es sich laut Piquet um ein gängiges Vorgehen - nicht nur bei Ferrari: Der Teamkollege ist schneller, also lässt man ihn vorbei.

"Massa hat das verstanden, wollte aber klarstellen, dass es kein Überholmanöver gegeben hätte, wäre es nach ihm gegangen."

Dies hatte Massa auch mehrere Runden bewiesen, als er Alonsos Angriffe Mitte des Rennens mehrmals abgeblockt und ihn rundenlang aufgehalten hatte. Von Alonso war daraufhin ein "That's ridiculous (das ist lächerlich)" über den Teamfunk zu vernehmen.

Am Ende bekam er doch seinen Willen.

WM-Stand entscheidet

Zumal auch die Situation in der WM-Wertung bei der Entscheidung, Alonso passieren zu lassen, eine Rolle gespielt hatte (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer).

Alonso war zu jenem Zeitpunkt mit 98 Punkten in Schlagdistanz zum damaligen WM-Führenden Lewis Hamilton (145 Zähler), Massa hingegen nach drei Null-Runden abgeschlagen Achter (67).

"Hätte Massa in der WM vor Alonso gelegen, dann hätte er ihn vorbeilassen müssen", ist sich Piquet sicher.

Ein Team - zwei Crews

Schließlich könne es sich Ferrari nicht erlauben, durch teaminterne Streitereien den WM-Titel aufs Spiel zu setzen.

Die alte Formel 1 zu Zeiten Piquet Seniors gäbe es nicht mehr, meinte der Filius und zeigte für Ferraris Verhalten Verständnis: "Mein Vater hatte bei Williams einen teaminternen Kampf gegen Nigel Mansell. Das Team war völlig zerrissen - es gab zwei völlig verschiedene Crews im gleichen Team, die Mechaniker und Ingenieure sprachen nicht einmal miteinander."

"Herumalbern" verboten

Und obwohl Piquet und Mansell 1986 die Formel 1 dominierten, 9 von 16 Rennen gewannen, nutzte Alain Prost die Streitereien der beiden aus und holte sich mit zwei bzw. drei Punkten Vorsprung den WM-Titel.

"Heute ist klar, dass der Sport soweit kommerzialisiert ist, dass diese Art von Herumalbern nicht mehr erlaubt ist", meint Piquet. "Es kann dich die WM kosten."

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