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Fernando Alonso und Felipe Massa (r.) fahren seit 2010 zusammen für Ferrari © imago

Ferrari kommt in der Hockenheim-Affäre mit einem blauen Auge davon. Damit ist das Problem noch lange nicht vom Tisch.

Von Julian Meißner

München - Ferrari ist in der Hockenheim-Affäre mit einem blauen Auge davongekommen, doch beendet ist die Diskussion um das Verbot der Teamorder damit keineswegs.

Im Gegenteil: Der Automobil-Weltverband FIA, der am Mittwoch die milde Geldstrafe gegen das italienische Team nicht ausweitete, kündigte eine Neuausrichtung der Regelung an.

Man sei zu dem Schluss gekommen, dass Artikel 39.1 des sportlichen Reglements "überdacht werden sollte", wie es in einem Statement der FIA hieß. Mit diesem Auftrag habe man die Formula 1 Sporting Working Group bedacht.

Teamorder ist in der Formel 1 seit 2002 verboten. Doch beim Deutschland-Grand-Prix im Juli hatte der Führende Felipe Massa seinen Teamkollegen Fernando Alonso nach unmissverständlicher Anweisung seines Teams passieren lassen.

Daraufhin war die Scuderia zu einer Zahlung von 100.000 Dollar verdonnert worden - das maximale Strafmaß, das die Stewards noch an der Strecke verhängen können.

Aber Peanuts im Millionenspiel Formel 1.

Freude bei Alonso

Nun dürfen beide Piloten ihre Punkte behalten, zumindest Alonso bleibt im WM-Rennen. Zuvor war über einen Punktabzug, eine Sperre der beiden Fahrer und sogar einen WM-Auschluss des Teams spekuliert worden.

"Wir konzentrieren uns jetzt komplett auf Monza. Es ist schon viel zu viel über den Zwischenfall aus Deutschland gesprochen worden", sagte Alonso am Donnerstag auf der FIA-Pressekonferenz in Monza: "Ich bin froh, dass die FIA sich die Regel anschaut und vielleicht klärt. Man sollte die Entscheidung der FIA respektieren. Für uns ist das jetzt Vergangenheit."

Vettel nimmt es gelassen

Einer der Nutznießer einer härteren Bestrafung wäre Sebastian Vettel gewesen.

"Das Urteil ist eindeutig, da gibt es nicht viel dran zu rütteln", sagte der derzeitige WM-Dritte vom Red-Bull-Team am Rande eines Benefiz-Fußballspiels in Bergamo: "Natürlich wäre es schön gewesen, wenn beide Ferraris aus der Wertung genommen worden wären, weil ich dann zehn Punkte mehr und auch den Sieg gehabt hätte. Doch im Nachhinein ist es nicht das, was man will - am Grünen Tisch zum Sieger erklärt zu werden."

Heimspiel vor der Brust

Dass die Entscheidung unmittelbar vor dem Heimspiel Ferraris in Monza (Training, Freitag 10 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVE-TICKER) fiel, hinterlässt einen faden Beigeschmack.

Schon in der Vergangenheit waren die Italiener vor dem Weltrat oft glimpflich davongekommen, und auch nicht zu ersten Mal erweckt die höchste FIA-Instanz den Eindruck, man wolle die Weltmeisterschaft möglichst spannend halten.

[kaltura id="0_jwnb3gsk" class="full_size" title="Eine Runde in Monza"]

Über kurz oder lang wird das Verbot der Teamorder wohl abgeschafft oder zumindest aufgeweicht werden. Denn mit der jetzigen Handhabung kann jedes Team die Regel umgehen, sofern es gewillt ist, den 100.000-Dollar-Tarif zu bezahlen.

Mosleys Wunsch nicht erfüllt

Der Kurswechsel der FIA dürfte auch Max Mosleys Nachfolger im Amt des Präsidenten, Jean Todt, zu verdanken sein.

Mosley hatte sich im Vorfeld der Verhandlung für einen harten Kurs gegenüber Ferrari ausgesprochen.

Todt dagegen hatte zu seiner Zeit als Ferrari-Teamchef selbst mit Stallorder gearbeitet und mit seiner Weisung gegen Rubens Barrichello in Zeltweg 2002 ("Let Michael pass for the championship") erst für das Verbot gesorgt.

Vize führt Sitzung

Am Mittwoch in Paris führte Todt aufgrund des offensichtlichen Interessenkonflikts nicht den Vorsitz der FIA-Tagung und ließ sich durch Vizepräsident Graham Stoker vertreten.

Das Ferrari-Team, für das am Place de la Concorde Teamchef Stefano Domenicali vorstellig wurde, ließ verlauten: "Ferrari hat die Entscheidungen des FIA-Weltrats in Bezug auf den diesjährigen Grand Prix von Deutschland zur Kenntnis genommen und begrüßt den Vorschlag des Weltrats, Artikel 39.1 des Sportlichen Reglements zu überdenken."

Und weiter: "Nun richten sich alle Anstrengungen des Teams auf das nächste Event auf der Strecke, wo am Wochenende der Große Preis von Italien in Monza ansteht."

Todt: Keine Beweise

Todt erklärte unterdessen, es habe an Beweiskraft gemangelt, um sein ehemaliges Team härter zu bestrafen.

"Bevor man jemanden verurteilt, muss man beweisen, dass eine Schuld vorliegt. Wir haben die Beteiligten befragt, und alle haben verneint, dass es eine Teamorder gab", sagte der Franzose der "BBC".

Todt gab aber zu, dass auch bei ihm der Eindruck entstanden sei, es habe sich in Hockenheim um einen arrangierten Platztausch gehandelt.

"Ende der Heuchelei"

Italiens Presse begrüßte das Urteil, kritisierte aber zugleich das Regelwerk. "Tuttosport" feierte das "Ende der Heuchelei".

"Zahlen und lächeln lautet Maranellos Slogan", titelte der "Corriere dello Sport": "Die Geldstrafe ist ein Erfolg. Damit ist es offenkundig, dass Ferrari schuldig und erfolgreich ist. Man muss dem Paradoxon des labyrinthischen Artikels 39.1 offen sein, der unbedingt revidiert werden muss: Eine widersprüchliche Regel, die leicht umgangen werden kann."

Teamchef Domenicali sprach von einem "sehr wichtigen Schritt hin zu mehr Transparenz".

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