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Mark Webber (l.) liegt in der WM 14 Zähler vor Sebastian Vettel © getty

Niki Lauda sieht den Deutschen aus dem WM-Rennen und fordert Stallregie für Mark Webber. Der spricht Vettel besonderes Talent ab.

Von Marc Ellerich

München - Für das Red-Bull-Team von Sebastian Vettel und Mark Webber ist die Formel-1-Weltmeisterschaft zwei Grands Prix vor Saisonschluss zu einer hochkomplexen Rechenaufgabe geworden.

Denn trotz eines pfeilschnellen Autos, das dem Duo in 17 Rennen 14 Pole-Positions ermöglichte, führen weder der deutsche noch der australische Pilot das Fahrer-Tableau an. Die WM-Führung hat ein anderer inne: der spanische Ferrari-Star Fernando Alonso. Erst elf Punkte hinter dem Champion der Jahre 2005 und 2006 folgt Webber. Vettel fehlen sogar 25 Punkte. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

Red Bull muss in den ausstehenden zwei Rennen also retten, was zu retten ist, sonst steht der österreichische Rennstall am Ende mit leeren Händen da.

Nur wie, das ist die entscheidende Frage. Der Rennstall selbst folgt offiziell bisher strikt der Direktive des Eigentümers, Getränke-Fabrikant Dietrich Mateschitz, und hat auch vor dem Brasilien-Grand-Prix in Interlagos nicht vor, davon abzuweichen.

Horner: Absolute Gleichbehandlung

"Beide Fahrer werden absolut gleich behandelt", sagte Teamchef Christian Horner der österreichischen Nachrichten-Agentur "APA".

Übersetzt heißt das: Eine Stallorder zugunsten des aussichtsreicher positionierten Webber, die dieser mehr oder weniger verhohlen bereits nach dem Belgien-GP eingefordert hatte, gibt es auch vor dem Rennen in Interlagos (1. Training, Fr. ab 13 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVE-TICKER) nicht.

Webbers Angriff

Die Strategie, Vettel trotz seines deutlichen Rückstands weiterhin um den Titel fahren zu lassen, bereitete dem Australier bereits in der Vergangenheit ziemlich schlechte Laune. Verraucht ist diese in der heißen Phase der WM längst nicht, wie ein Interview des Australiers mit "Autosprint" deutlich machte.

Der Deutsche sei kein außergewöhnliches Talent, behauptete der WM-Zweite in dem Gespräch. "Vettel ist jung, das ist der einzige Unterschied. Ich erkenne nicht, dass er in irgendeiner Art anders arbeitet als sagen wir mal Heikki Kovalainen bei Lotus", lästerte Webber.

Um dann nachzulegen: "Wenn ich zehn Jahre jünger wäre und die gleichen Resultate hätte, dann würdet ihr doch glauben, ich wäre der nächste Superstar."

[kaltura id="0_dnuokcxq" class="full_size" title="Die Strecke in Interlagos"]

"Es gibt einen Punkt"

Ob Webbers Breitseite gegen seinen Kollegen Folgen nach sich ziehen wird und, wenn ja, welche, ist offen. Vor der Webber-Tirade hatte Horner ausdrücklich die Chancengleichheit seiner Angestellten bekräftigt: "Beide Fahrer sind noch im WM-Rennen." Solange dies so sei, werde bei Red Bull nicht zwischen einer Nummer eins und einer Nummer zwei unterschieden.

"Wir werden genau kalkulieren, wer wo und wann ins Ziel kommen muss, damit es sich für Webber oder Vettel ausgeht", sagte Red Bulls Motorsport-Beauftragter Helmut Marko.

Erst wenn einer der beiden Piloten keine Titelchance mehr habe, würden die Österreicher umschwenken, kündigte Horner an: "Es gibt einen Punkt, ab dem die Mathematik diktiert, was der beste Ausgang für das Team ist."

Laudas harte Worte

Für den dreimaligen Formel-1-Weltmeister Niki Lauda ist dieser Punkt längst erreicht. Für den Wiener ist Vettel aus dem WM-Rennen. "Vettel kann man abschreiben", urteilte der TV-Experte mit harten Worten in einem Interview mit der "Kleinen Zeitung": "Er hat keine Chance mehr. Wie soll das gehen? Selbst wenn Vettel gewinnen sollte, lösen sich die anderen ja nicht in Luft auf."

Für Lauda ist der Fall eindeutig. Red Bull müsse alles tun, um Webber im Titelkampf zu stärken: "Red Bull muss alles auf die Karte Webber setzen, muss den Webber von Früh bis Abend streicheln, damit er seine in Korea verlorenen Punkte zurückholt."

"Logisch fahren"

Laudas Begründung: Alonso sei zwar der bessere Pilot, aber Webber habe das schnellere Auto und könne so den Vorsprung des Spaniers ausgleichen.

In der Tageszeitung "Österreich" forderte Lauda unverhohlen eine Teamregie zugunsten des 35-Jährigen: "Bei Red Bull muss die Stallorder her. Wenn sie jetzt nicht auf Webber setzen, stehen sie am Ende womöglich ohne Titel da."

In dem Gespräch mit der "Kleinen Zeitung" schwächte Lauda seine Forderung nach der (offiziell verbotenen) Teamorder dann ein wenig ab. Eine Stallorder habe er nie gefordert.

Red Bull müsse "jetzt logisch fahren". Eine Stallorder, wie jene des Ferrari-Teams beim Deutschland-GP in Hockenheim sei ein Affront gegen Sport und Zuschauer. "Red Bull muss einfach rennbezogen denken. Und wird das auch machen."

Verstappen: Trio kämpft um Titel

Unterstützung bekam der frühere Jaguar-Teamchef vom ehemaligen Piloten Jos Verstappen.

In einer Kolumne für die niederländische Zeitung "De Telegraaf" pflichtete der einstige Kollege von Michael Schumacher Lauda bei. Vettels Titelträume seien durch den Motorschaden in Südkorea "buchstäblich in Rauch aufgegangen", so Verstappen.

"Das ist schade, ändert aber nichts an den Tatsachen. Fernando Alonso, Mark Webber und Lewis Hamilton werden um den Titel kämpfen. Für mich ist der Traum von Vettel seit Südkorea ausgeträumt."

Vettel habe zwar "noch eine mathematische Chance", schrieb der Holländer weiter: "Doch eigentlich sollte das österreichische Formel-1-Team nun alles auf Webber setzen."

Ferrari habe diesen Schritt zugunsten Fernando Alonsos viel früher unternommen und damit alles richtig gemacht. "Seit Südkorea ist er der Topfavorit auf den Titel."

Vettel: Werde angreifen

Der junge Deutsche allerdings will sich im Finale hingegen keineswegs bereits geschlagen geben.

"Es ist noch nicht vorbei, und ich werde nicht aufgeben", sagte der Vize-Weltmeister von 2009 vor dem Brasilien-Rennen: "Es sind noch 50 Punkte zu vergeben. Und wenn wir in diesem Jahr eines gelernt haben, dann, dass sich das Blatt schnell wenden kann. Wir werden angreifen, und die Strecke sollte uns liegen."

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