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Fernando Alonso (r.) gewann 2005 und 2006 im Renault die Fahrer-Weltmeisterschaft © getty

Die Scuderia muss sich nach dem Desaster von Abu Dhabi Vorwürfe und Rücktrittsforderungen anhören - und gibt die Fehler zu.

Von Matthias Becker

München - "Desaster", "Harakiri", "Irrtum hoch drei" - drastische Worte für den einen entscheidenden Fehler.(Die internationalen Pressestimmen)

Italiens und Spaniens Sportpresse gingen mit Ferrari hart ins Gericht, nachdem die Scuderia im Formel-1-Finale von Abu Dhabi den schon sicher geglaubten Fahrertitel für Fernando Alonso noch an Sebastian Vettel hergeschenkt hatte.

Dabei machten die Verantwortlichen sich angesichts der entscheidenden Szene aus der 15. Runde selbst schon genug Vorwürfe.

"Wir haben die falsche Entscheidung getroffen, und dafür gibt es keine Entschuldigung", sagte Renningenieur Chris Dyer. 312220(DIASHOW: Die Bilder aus Abu Dhabi)

Verzweiflung am Renault-Heck

Überhastet hatte das Team Alonso in die Box beordert. Der blieb nach dem Wechsel auf die harten Reifen zwar vor Mark Webber, vor dem Rennen als WM-Zweiter der nominell härteste Rivale.

Allerdings kam Alonso hinter Witali Petrow im Renault zurück auf die Strecke - und in den verbleibenden 34 Runden nicht mehr am Russen vorbei. (NACHBERICHT: Vettel in Feierlaune: Gebe Petrow einen aus)

Während er selbst hinter dem gelben Boliden seines letztjährigen Arbeitgebers verzweifelte, musste Alonso mit ansehen, wie sich Vettel an der Spitze den Sieg holte und letztlich noch 19 Punkte gutmachte. 15 betrug der Vorsprung des zweimaligen Weltmeisters Alonso, eigentlich ein komfortables Polster.

Rosberg und Petrow vergessen

"Wir haben uns zu sehr zu sehr darauf konzentriert, Webber hinter uns zu lassen, und haben nicht mehr gesehen, was genau vor unsere Nase passiert ist", stellte Dyer konsterniert fest.

Dem Ferrari-Kommandostand war kurzzeitig entgangen, dass Nico Rosberg und eben Petrow schon in der Safety-Car-Phase zu Rennbeginn ihren Stopp absolviert hatten und Alonso damit den Weg nach vorne dauerhaft verbauten.

[kaltura id="0_y0xkl2jy" class="full_size" title="Vettel Mania in Heppenheim"]

Alonso verteidigt Entscheidung

Der schwer enttäuschte Alonso verzichtete trotz dieses fast schon amateurhaften Patzers seiner Crew aber darauf, mit dem Finger auf andere zu zeigen.

"Wir haben uns entschieden, Webber zu covern. Das war vielleicht nicht richtig, aber im Nachhinein ist es immer einfach, die Strategie zu analysieren", sagte der weiterhin nur zweifache Weltmeister.

Noch auf der Strecke war Alonso in der ersten Erregung mit unflätigen Gesten in Richtung des bei Renault um seinen Job kämpfenden Petrow aufgefallen. In der Boxengasse hatte er sich aber wieder beruhigt, gratulierte Red Bull erstaunlich unbewegt zum Titel-Coup und nahm sein Team in Schutz:

"Es bringt nichts, nach Schuldigen zu suchen. Wir sind ein Team, wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen."

"Nicht viel Zeit zum Nachdenken"

Gut möglich, dass Alonso damit auch von der eigenen Rolle im Strategiedesaster ablenken wollte.

Schließlich hatte er von allen Titelkandidaten die größte Erfahrung in entscheidenden WM-Endspurts vorzuweisen. Am Start verlor dann aber schon einen Platz an Jenson Button. Und auch die fatale Stop-Entscheidung hätte er überstimmen können.

"Ich hatte nicht viel Zeit zum Nachdenken. Ich habe gesehen, dass Webber an der Box war (in der 11. Runde, Anm. d. Red.) und Zeit gutgemacht hat. Wir mussten eine Entscheidung treffen", erklärte Alonso.

Minister fordert Montezemolos Rücktritt

Auch wenn die Beteiligten auf Schuldzuweisungen verzichteten, im Ferrari-verrückten Italien führte die Fehlentscheidung sogleich zu politischen Verwerfungen. Im Mittelpunkt: Ferrari-Präsident Luca die Montezemolo.

"Ferrari ist es gelungen, einen fast gewonnenen WM-Titel dank einer schwachsinnigen Strategie zu verlieren. Wir erwarteten bis Ende der Woche Montezemolos Rücktritt", polterte Roberto Calderoli, immerhin Minister der Regierungspartei Lega Nord.

"Nicht die Köpfe hängen lassen"

Woher Calderoli die Legitimation bezieht, einem Privatunternehmen in die Personalpolitik hineinreden zu wollen, ist zwar unklar. Sein Vorstoß trifft die Stimmung im Land aber ganz gut.

Das Ferrari-Herz ist gebrochen, nachdem zum dritten Mal in Folge ein anderer Rennstall den Weltmeister stellt. Von den letzten sechs Titelträgern seit der glorreichen Ära von Michael Schumacher saß nur ein einziger in einem roten Renner aus Maranello.

"Wir dürfen jetzt nicht die Köpfe hängen lassen, schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass uns während der Saison niemand zugetraut hätte, im letzten Rennen noch um den Titel zu kämpfen", sagte Teamchef Stefano Domenicali kämpferisch.

Die Untergangsstimmung nach dem Desaster von Abu Dhabi wird er mit dieser Forderung aber nicht so schnell beseitigen.

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