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Vom Prototypen zum Weltmeister-Auto: Der Red-Bull-Renner entsteht am Computer © Red Bull

Ein Werksbesuch im Vettel-Team birgt viele Geheimnisse. SPORT1 bekam beim Formel-1-Weltmeister dennoch einige tiefe Einblicke.

Von Marc Ellerich

Milton Keynes/München - Die Anweisungen sind höflich, aber unmissverständlich.

"Versuchen Sie, nichts anzufassen!", gibt Steve Nevey den Besuchern schon zu Beginn mit auf den Weg. Und Achtung: "Keine Fotos! Wir bauen am Meister-Auto für 2011!"

Wer dem Formel-1-Rennstall Red Bull in seinem englischen Werk in Milton Keynes im Norden Londons einen Besuch abstattet und sich von dem untersetzten Leiter der Entwicklungsabteilung durch die weiten Hallen führen lässt, stößt auf viele Türen.

Und nicht alle werden dem neugierigen Gast zu weit geöffnet. Der kleine Mann mit den klugen Augen ist zwar ziemlich stolz darauf, was sein Arbeitgeber zu bieten hat, aber jede Offenheit hat ihre Grenzen.

Unverfängliche Blicke

Natürlich sind unverfängliche Blicke auf die Heerschar der Designer erlaubt, die allein oder in Grüppchen vor ihren Schirmen brüten. Fotos in die falsche Richtung jedoch sind eine Todsünde.

Man steht dann vor dem Büro ihres Design-Stars Adrian Newey. Den Aero-Guru selbst bekommt man aber nicht zu Gesicht.

Und der Fremdling darf sich einige der berühmten nachtblauen Autos mit dem knallroten Stier-Logo ansehen - doch auch hier gibt es einen Haken: Es sind längst ausgelaufene Modelle.

Scharfe Waffen

Man begreift recht bald: Die Geheimnistuerei ist Teil der Werkstour, und wer will es ihnen ernsthaft verdenken? Schließlich schlägt hier das Herz des Red-Bull-Formel-1-Teams. Hier ist sein Nervenzentrum.

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An diesem Ort werden, um in der martialischen Sprache zu bleiben, die Nevey und den Designern des österreichisch-britischen Rennstall durchaus nicht fremd ist, die Waffen geschmiedet, mit denen sich das Team auf den Rennstrecken dieser Welt mit seinen Rivalen misst.

Und die Waffen, sie sind mittlerweile, die schärfsten, die sich finden lassen in der Königsklasse des Motorsports: In Sebastian Vettel stellt Red Bull nach einer atemberaubenden Saison den jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte. Eine Woche zuvor hatte das Team die Wertung der Konstrukteure für sich entschieden. (DATENCENTER: Die WM-Fahrerwertung 2010)

Maximale Effizienz

Wobei das Bild von den Kriegsgeräten nicht ganz richtig ist. Mit schierer Kraft geschmiedet wird hier gar nichts. Das hier ist Hightech, allerhöchstes Niveau, maximale Effizienz.

"Wir lassen keinen Stein auf dem anderen, nur so können wir mit den Besten konkurrieren", sagt Nevey und schiebt gleich ein paar Beispiele nach, die erläutern sollen, was er damit meint.

Da ist die Technik. Hier im Werk, 70 Kilometer entfernt von London, stellt Red Bull seine Prototypen-Modelle her. Aerodynamik-Teile. Sie haben nur 60 Prozent der Größe am realen Renner und werden, sobald sie fertig sind, im 20 Kilometer entfernten Windtunnel auf Tauglichkeit getestet.

Sechs, sieben, acht Varianten

"Wir arbeiten so viel wie es geht mit Computer-Simulation", schildert Nevey den diffizilen Prototypen-Prozess, der über die NX-Software des Siemens-Konzerns gesteuert wird.

Die deutsche Technik kommt offenbar gut an bei Red Bull. "Der Trick in unserem Geschäft ist, so viele Varianten so schnell wie möglich zu durchlaufen", erläutert Nevey: "NX ermöglicht sechs, sieben, acht Variationen zu testen und die beste herauszufinden."

Und auch die vielen Geniestreiche ihres Technik-Zampanos Adrian Newey lassen sich so offenbar leichter bewältigen. Man könne sich nicht vorstellen, wie viele Entwürfe aus dem Büro des Aerodynamik-Zauberers kämen, seufzt Nevey voller Bewunderung.

"Zeit ist das Wichtigste"

Oft komme der Meister, der seine Ideen kurioserweise immer noch per Hand aufs Papier zeichnet, mit den Worten: "Ich habe hier ein Update, das muss im nächsten Rennen am Auto sein."

Dann müssen sie schnell sein.

Entscheidende Parameter ließen sich sogar binnen Sekunden verändern, berichtet Nevey, einst im Schiffsbau engagiert und nach 20 Jahren in der Formel offenbar immer noch schwer beeindruckt von soviel Tempo: "Zeit ist das Wichtigste für uns."

Siemens hilft

Ein Zeitvorsprung ergibt nicht nur auf der Rennstrecke Siege. Auch überlegene Technik abseits der Piste zahlt sich aus. Ein weiteres Mal lässt sich das Team von Siemens helfen. Eine Software namens PLM macht den Arbeitsprozess für alle Beteiligten sichtbar, nachvollziehbar, berechenbar. Bei bis zu 180 Designern eine gewaltige Erleichterung.

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75 Prozent schneller als früher lasse sich auf diesem Weg zum Beispiel ein Chassis fertigen, verrät Nevey auf SPORT1-Nachfrage.

Boxenstopps in Zivil

Die Technik ist das eine, das andere sind die Menschen: Auch die eigenen Leute müssen im PS-Zirkus Formel 1 auf Höchstniveau funktionieren.

Weshalb sogar hier im Werk die Boxenstopps geübt werden, gerne auch in Zivilkleidung wie heute. "Wieder und wieder machen wir das", sagt Nevey, "denn wenn wir in einer Sache gut sind, dann ist es, einen Prozess bis ins Kleinste zu analysieren."

Und selbst das Seelenleben einzelner Mitarbeiter bleibt davon nicht unberührt. Leidet ein Mitarbeiter während eines Rennens an Heimweh, wird er abgezogen und andernorts eingesetzt. Was passiert, wenn einen Mitarbeiter häufiger das Heimweh packt, lässt Nevey offen.

Drei Verteidigungslinien

Doch klar, um Wohlfahrt geht es nicht in der Königsklasse. Wer das nicht glauben mag, kann sich im Kontrollraum der Weltmeister-Teams davon überzeugen.

Es ist der tiefste Blick ins pochende Red-Bull-Herz, die letzte von drei Verteidigungslinien, mit der das Brause-Team während eines Rennens um Sekundenteile und Millimeter-Vorsprünge ringt.

Verteidigungslinie, Nevey nennt den schmuck- und fensterlosen Raum tatsächlich so. Angriffslinie wäre vielleicht sogar der bessere Begriff.

Kammer wie ein NATO-Bunker

Denn die Kammer mit dem Charme eines NATO-Bunkers dient einzig und allein einem Zweck: Red Bulls Gegner alt aussehen zu lassen.

"Mission Control" heißt die letzte Wach-Instanz, die der Rennstall an einem Grand-Prix-Wochenende hinter die Strategen an der Boxenmauer und die 20 Ingenieure in einem Hinterzimmer in der Red-Bull-Garage geschaltet hat.

Auf mehreren Monitoren werden das Auto, der eigene Fahrer und vor allem die Gegner überwacht. Reifenabrieb, Fahrlinie, Rundenzeiten - sogar die Bewegungen von Federung und die Schaltgeräusche der Konkurrenten - nichts entgeht dem Team.

Maximum als Ziel

All das wird miteinander verglichen. "So bauen wir unsere Strategie auf", verrät Nevey: "Wir können uns ein Bild davon machen, was zum Beispiel Lewis Hamilton auf der Strecke macht und das dann zu unserem Vorteil nutzen."

Das Ziel ist immer dasselbe, wie bei allem, was Red Bull tut. "Wir wollen das Maximum herausholen." In diesem Jahr hat das beeindruckend gut geklappt.

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