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Max Mosley machte im Oktober 2009 an der Spitze der FIA Platz für Jean Todt © getty

Der Ex-Boss der FIA prophezeit ein Teamsterben - außer man hört auf ihn. Er spricht den Topteams jeden Kompetenz-Vorsprung ab.

Von Michael Spandern

München - Nach der längsten und spannendsten Saison der Formel-1-Geschichte macht sich der ehemalige FIA-Präsident Max Mosley große Sorgen um die Königsklasse.

"Der Formel 1 droht kurzfristig eine Krise. Im Moment wird eine tolle Saison gefeiert, aber die Zukunft sieht düster aus", sagte der 60-Jährige zu "Welt Online". Bereits 2011 sei es "gut möglich, dass zwei, drei Teams aussteigen".

Mosley stößt sich an den immensen Kosten, die er auf 100 Millionen Dollar pro Jahr für jeden Rennstall taxiert.

"30, 40 Millionen kommen als Startgeld von Bernie Ecclestone und vielleicht 20, 25 Millionen von einem Sponsor oder Bezahlfahrer. Woher den Rest nehmen, fragen sich da sechs Teams", erläutert er. 319477(Teams und Fahrer für 2011)

Budgetgrenze ab 2012?

Der Brite weiß aber, wie die Krise noch zu umschiffen wäre ? und greift dabei auf einen schon mal abgeschmetterten Vorschlag zurück: die Budgetbegrenzung.

"Kurzfristig eine Budgetgrenze für 2012 und 2013 würde zwar für 2011 keine Entlastung bedeuten, aber sie könnte einen Brückeneffekt bedeuten. Man hätte einen plausiblen Grund, sich übers Jahr zu retten, um dann mit einem verbindlichen Finanz- und Techniksystem in eine abgesicherte Zukunft zu fahren", erklärt Mosley.

Auch seinem Nachfolger Jean Todt sei das Problem bewusst. "Und er wird eine Lösung finden. Ich weiß nicht, ob es eine Lösung ist, wie ich sie bevorzugen würde, aber in jedem Fall eine, die seine Handschrift trägt."

"Entwicklung bei Virgin fast revolutionär"

Den Neueinsteigern Lotus, HRT und Virgin stellt Mosley ein gutes Zeugnis aus und hebt dabei zwei heraus: "Lotus und Virgin haben in ihrer ersten Saison trotz kleinerer Budgets ihren anfangs erheblichen Zeitabstand gut aufgeholt. Besonders bei Virgin ist die Entwicklung geradezu revolutionär."

Und das, obwohl die WM-Anwärter viel mehr Geld als das Glock-Team in die Weiterentwicklung steckten: "Das Auto wurde komplett ohne Windkanal gebaut und man hat trotzdem Zeit auf die Topteams gut gemacht. So komisch das klingt, bei Virgin geht es in die richtige Richtung."

Und Mosley teilt in Richtung der Reichen aus: "Der Vorsprung der Topteams resultiert derzeit aus deren finanziellen Möglichkeiten, nicht durch technische Kompetenz."

Vettel-Vorteil: Die Firma im Rücken

In der planerisch günstigsten Lage sieht er das Weltmeisterteam Red Bull ? noch vor den Werksteams Mercedes oder Ferrari.

"Das Team finanziert sich komplett aus dem eigenen Unternehmen, fast noch besser als bei den Herstellern. Das erleichtert die technische, logistische und personelle Planung", so Mosley. (Teamchefs stimmen ab: Vettel nicht der Beste)

Aber nicht deshalb ist ihm Vettel als Champion lieber, als es der letztlich zweitplatzierte Alonso gewesen wäre. Zwar habe dessen Team Ferrari ab der Sommerpause "hervorragende Arbeit geleistet. Aber am Ende bin ich trotzdem froh, dass Ferrari nicht gewonnen hat." (DATENCENTER: Die WM-Fahrerwertung 2010)

Mehr Rennen, weniger Interesse?

Mosley glaubt angesichts des Skandals beim Deutschland-GP, als Felipe Massa seinen Stallgefährten passieren ließ: "Das Thema Teamorder wäre wieder hochgekommen. Ob das gut für die Formel 1 gewesen wäre, bezweifle ich. So ist durch einen strategischen Fehler im letzten Rennen das Thema vom Tisch und die Frage, ob Ferrari den Titel 2010 wirklich verdient hätte, bleibt Gott sei Dank ungestellt."

Dafür befürchtet Mosley Verschleißerscheinungen am Produkt Formel 1. Die erneute Ausweitung des Rennkalenders auf 20 Rennen ist ihm "zu viel", betont er.

Irgendwann werde es den TV-Zuschauern lästig, ihren Sonntagnachmittag nach der Formel 1 ausrichten zu müssen. Und "wenn man einmal angefangen hat ein Rennen auszulassen, kann das schnell zur Gewohnheit werden und, was die Einschaltquoten betrifft, zum Schneeballeffekt führen."

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