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Nico Rosberg (l.) und Michael Schumacher fahren seit 2010 zusammen für Mercedes GP © getty

Mit dem neuen MGP W02 sollen Michael Schumacher und Nico Rosberg Siege einfahren. Doch die Rückschläge von 2010 wirken nach.

Aus Valencia berichtet Marc Ellerich

Valencia - MGP W02 - Was klingt, wie ein Aktenzeichen oder ein geheimer Code, soll für Michael Schumacher und Nico Rosberg die Erfolgsformel des Formel-1-Jahres werden

Mercedes Grand Prix Wagen 02, so die ausgeschriebene Übersetzung der Buchstaben und Zahlenkette, die an die großen Zeiten des Rennstalls aus Stuttgart-Untertürkheim erinnern soll, ist das neue Arbeitsgerät der beiden deutschen PS-Stars. 344319(DIASHOW: Der neue Silberpfeil)

Am Dienstag fuhren sie es auf dem Circuit Ricardo Tormo erstmals aus der Garage - hinein ins Blitzlichtgewitter der internationalen Fotografen.

Schumacher scharrt mit den Hufen

Und so bescheiden sich das deutsche Team mit seiner - verglichen mit 2010, dem Jahr eins der zweiten Ära Schumacher - eher flüchtigen Präsentation am ersten Tag der diesjährigen Wintertests auch darstellen mochte, so hoch sind die Erwartungen, die Mercedes in sein aufregend silbrig glänzendes Auto hat.

Vor allem den beiden Piloten, dem 42-jährigen Rekord-Weltmeister Schumacher und seinem um 17 Jahre jüngeren Kollegen Rosberg, ist die Ungeduld anzumerken.

"Endlich ist die Zeit des Wartens vorüber und es geht wieder los", sagte Schumacher in Valencia und sprach von "erheblichen Verbesserungen" am neuen Renner: "Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in dieser Saison viel regelmäßiger auf dem Podium stehen werden - am liebsten in der Mitte!"

Rosberg mit "offensiven Zielen"

Das sieht sein Teamkollege nicht anders.

"Ich hoffe darauf, eine viel bessere Saison als im letzten Jahr zu fahren. Unsere Ziele sind wie immer offensiv formuliert: Wir möchten an der Spitze mitfahren und um Rennsiege kämpfen", sagte der Wahl-Monegasse und 2010 überlegene Schumi-Dompteur Rosberg.

Gegenüber SPORT1 räumte er allerdings ein, dass seine Geduld Grenzen hat.

"Ich kann aus den Resultaten des letzten Jahres Zufriedenheit ziehen. Noch ist eine gewisse Geduld da. Es wäre trotzdem schön, wenn der eine oder andere Rennsieg käme. Und der wird kommen", sagte der 25-Jährige.

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Optimismus und markige Sprüche

Sein berühmter Nebenmann, dem der Blondschopf in dessen Comeback-Jahr mit satten 70 Zählern deutlich den Schneid abgekauft hatte, versprühte mit markigen Sprüchen ebenfalls Optimismus.

Er fühle sich wie vor der Weihnachtsbescherung, ließ er noch am Tag vor dem Launch via "Bild" verlauten, überall kribble es.

Für den einstigen Überfahrer ist der Fall angeblich klar. "Ich bin mir sicher. Wir können in diesem Jahr um Siege kämpfen und wir könnten auch eine Chance im Titelkampf haben", kündigte der siebenmalige Champion gegenüber "F1 Racing" an, allerdings mir dem Nachsatz: "Das hoffe ich zumindest."

Enttäuschende Saison im Hinterkopf

Das ist genau der Punkt. Denn natürlich haben die silbernen Strategen und ihre berühmten Fahrzeuglenker die enttäuschende Vorsaison noch allzu gut in Erinnerung.

Da flogen die Erwartungen angesichts der Schumacher-Rückkehr hoch - und wurden im Saisonverlauf bitter enttäuscht. Drei dritte Plätze Rosbergs und zwei Mal Platz vier für den zurückgekehrten Superstar standen am Ende zu Buche, eben weil der Silberpfeil nicht so wollte wie seine beiden Piloten.

"Alles wird besser sein"

Rosberg ist jedoch ebenso zuversichtlich wie Schumacher: "Alles wird besser sein. Wir haben unheimlich viel Aufwand in die Arbeit an dem neuen Auto gesteckt."

Und doch: Restzweifel bleiben offenbar in dem Stall, der seinem ersten Rennsieg so sehnlichst und mit aller Kraft entgegenfiebert.

Wo stehen wir, wo die anderen, so lautet die alles entscheidende Frage. Zumal in einer Saison, in der durch das Comeback des Energie-Rückgewinnungssystems KERS, die neuen Pirelli-Pneus und den Einsatz eines verstellbaren Heckflügels die Karten völlig neu gemischt werden.

Haug lässt Hintertürchen

Auch 2010 gab es viel Optimismus im Hause Mercedes, von einer "deutschen Nationalmannschaft" des Motorsports, sprach gar der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche. Die Realität auf den Rennstrecken war dann eine andere. Zum Beispiel im Qualifying: Um bis zu einer Sekunde lagen die Silbernen lange Zeit hinter der Konkurrenz.

Wohl auch wegen solch schmerzhafter Erinnerungen baut der überaus realistische Motorsportchef Norbert Haug in seine ansonsten durchaus zuversichtlichen Statements stets Hintertürchen ein.

"Aus Druck werden Diamanten"

"Wenn wir uns nicht nach vorne entwickeln, machen wir etwas falsch", das ist zum Beispiel so ein Haug-Satz: "Wir werden wieder gewinnen, aber von Platz vier auf eins geht es in der höchsten Liga nicht von einem Tag auf den anderen."

Oder, noch so ein Satz mit Rückversicherung: "Beide (Schumacher und Rosberg, d. Red.) können und werden gewinnen, wenn sie das Auto dazu haben. Wir müssen ihnen den Rennwagen dazu bauen, und das werden wir schaffen, Schritt für Schritt."

Doch er weiß natürlich, dass der Druck noch größer ist als 2010. "Aus Druck werden Diamanten", sagte er in Valencia zu SPORT1: "Druck muss man auch wollen und ihn mögen."

Zweites schwaches Jahr verboten

Rosberg hat die Nackenschläge aus seinem ersten Mercedes-Jahr keineswegs vergessen, er prangert offen die Schwachpunkte der Vorsaison an.

Davon habe Mercedes einige gehabt, berichtete er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Wir haben einige Ideen verpasst und mussten das dann kopieren, was sich andere ausgedacht hatten. Aber Kopieren bedeutet immer Hinterherlaufen." Auch die Entwicklung des Silber-Boliden sei problematisch gewesen.

So etwas darf sich beim zweiten Anlauf nicht wiederholen, auch die Öffentlichkeit würde ein zweites schwaches Jahr wohl kaum noch einmal tolerieren.

Kreativität wieder erlaubt

Und damit sich der Erfolg im silbernen Schicksalsjahr beinahe auf Biegen und Brechen einstellt, darf Teamchef Ross Brawn ("Wir wollen Siege") offenbar sogar mit zwei Versionen des Silberpfeils operieren. Einer Basis-Version, die bei den Tests in Valencia und Jerez eingesetzt wird, und die Brawn den "Vanilleeis-Mercedes pur" nennt.

Und dann eben das zweite Auto für die Tests Nummer drei und vier. Und auch Kreativität sei - anders als in der Vorsaison - wieder erlaubt gewesen. "2010 musste ich einige spannende Vorschläge meiner Ingenieure ablehnen", veröffentlichte das "Formel-1-Superhirn" via "Bild".

Wahrheit zeigt sich in Bahrain

Mercedes, soviel ahnt man, lässt also nichts unversucht. Das Ergebnis ist 4,90 Meter lang, 95 Zentimeter hoch und 344 Stundenkilometer schnell und wird in Valencia genauestens unter die Lupe genommen werden.

Und doch werde man erst später sehen, ob der schöne Plan aufgeht, orakelte Nico Rosberg: Nicht Valencia, nicht Jerez, "Qualifying Bahrain, da wird man es wissen. Vorher nicht!"

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