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Sebastian Vettel gewann in Melbourne vor Lewis Hamilton und Witali Petrow © getty

Wie überlegen ist Sebastian Vettel wirklich? Sehr, meinen die Experten. Die Stärke des Weltmeisters hat vor allem zwei Gründe.

Von Marc Ellerich

München - Sebastian Vettel mühte sich nach Kräften, seinen ersten Sieg im Albert Park von Melbourne klein zu reden.

Klar, "wir sind heute ein sehr gutes Rennen gefahren, haben viele Punkte geholt und auch Spaß gehabt, was fast noch wichtiger ist", berichtete der Weltmeister nach seinem Start-Ziel-Sieg im ersten Anlauf der neuen Saison. (DATENCENTER: Das Rennergebnis)

Aber Überlegenheit, einschüchternde Dominanzgar? Nein, davon könne man nicht sprechen, wiegelte er ab. 371072(DIASHOW: Bilder des Rennens)

"Mag das Wort nicht"

"Um ehrlich zu sein, ich mag das Wort dominant in dieser Phase der Saison nicht", sprach Vettel in der Pressekonferenz nach dem Auftakt-Grand-Prix: "Ich versuche dem Team zu sagen, dass wir auf dem Boden bleiben müssen. Es ist ein langes Jahr, vieles kann passieren."

Zum Beispiel auf McLaren müsse er künftig genau achten, so Vettel: "Unglaublich, wie die sich seit den Testfahrten gesteigert haben." Auch Ferrari habe er "unter Wert geschlagen. Die können mehr."

Dass der Red-Bull-Star mit seinen vorsichtigen Worten wirklich zu seinem Publikum durchgedrungen ist, darf durchaus bezweifelt werden, zu spielerisch war Vettels Vorstellung in Qualifying und Rennen.

Eine Welt in der Formel 1

Seine Verfolger Lewis Hamilton und Witali Petrow distanzierte er auf den 58 Runden um 20 bzw. 30 Sekunden, den eigenen Teamkollegen Mark Webber bei dessen Heimrennen gar um fast 40 Sekunden. Eine Welt in der Formel 1.

Folgerichtig meinte der als Vierter ebenfalls geschlagene Vize-Weltmeister Fernando Alonso: "Vettel fuhr hier auf einem eigenen Planeten."

Immerhin, so viel räumte auch der junge Hesse irgendwann ein: Die Beziehung zu seinem neuen Arbeitsgerät - vom Weltmeister mit "Kinky Kylie" traditionell auf einen leicht frivolen Mädchennamen getauft - funktionierte auf Anhieb reibungslos.

"Das Auto war vom ersten Moment an schnell und außerdem sehr zuverlässig", freute sich Vettel.

[kaltura id="0_bjwc0jhk" class="full_size" title="Vettel erklärt KERS und Flügel"]

Lauda: Luft nach oben

Es deutet also alles auf eine innige Beziehung des Meisters zu seiner Kylie hin. Er sei "sehr verliebt" in das neue Gefährt, scherzte der 23-Jährige auf der Pressekonferenz.

Das Auto ist ein Grund, weshalb Beobachter den deutschen PS-Star im Moment für uneinholbar halten.

Offenbar ist Aerodynamik-Guru Adrian Newey mit dem RB7 wieder einmal ein großer Wurf gelungen.

"Da war noch Luft nach oben", urteilte zum Beispiel der dreimalige Weltmeister Niki Lauda: "Vettel fuhr nur so schnell wie er musste. Er hätte spielend kontern können."

Auch Ex-Pilot Christian Danner sagte: "Da kommt noch mehr."

Red Bull ohne KERS

Was die Konkurrenz vollends zermürben dürfte: Red Bull konnte es sich sogar leisten, auf die 82 PS durch den Extra-Anschub KERS zu verzichten, der den Teams in dieser Saison beim Start und 6,5 Sekunden pro Runde erlaubt ist.

Das System habe Probleme bereitet, sagte Teamchef Christian Horner nach dem Grand Prix, also habe man auf den Turbo-Schub verzichtet. Auch ein Start-KERS, von dem gemunkelt worden war, habe es nicht gegeben.

Vettel forderte er von seinem Team anschließend, ihm sämtliche Waffen, die ihm das Reglement erlaubt, zur Verfügung zu stellen. Also auch KERS.

"Man will jedes Körnchen Leistung haben, um das Auto schneller zum machen", sagte er, KERS bedeute einen Zeitgewinn von "drei bis fünf Zehnteln pro Runde, Ich brauche nicht zu erwähnen, was das auf die Renndistanz ausmacht".

Sein Fazit, das für die Konkurrenz wie eine Drohung klingen wird: "Wir arbeiten sehr, sehr hart daran."

Rasant durch die Kurven

Doch auch ohne das Energie-Rückgewinnungssystem ist der Red Bull den Autos der Gegner auch 2011 weit überlegen. Kurios: Laut "Süddeutscher Zeitung" ist der RB7 nicht einmal der flotteste Flitzer im Feld. Beim Top-Speed lag Vettel in Melbourne nur auf Platz neun.

Das Team scheint vielmehr den Werbespruch des Mutterkonzerns verinnerlicht zu haben: "Red Bull verleiht Flügel." Der Technik-Vorsprung von Vettels Gefährt zeigt sich erst in den Kurven, wenn der Frontflügel seine Wirkung entfaltet. Dort liege das Red-Bull-Geheimnis, vermutet die Konkurrenz.

In den schnellsten Kurven sei Vettel sagenhafte 19 km/h schneller gewesen als Verfolger Hamilton, berichtete die Sport-Nachrichtenagentur "sid".

Laudas Urteil: "Auf einem Kurs mit ultraschnellen Kurven wie beispielsweise Silverstone, wäre der Vorsprung noch größer."

Der Weltmeister-Faktor

Der zweite Faktor neben der Technik ist Vettel selbst. Der Deutsche scheint nach seinem Titelgewinn als jüngster Pilot aller Zeiten menschlich wie fahrerisch gereift.

Zwar sah Vettel im SPORT1-Interview vor dem Saisonstart keinen Weltmeister-Bonus: "Ich würde den Titelgewinn nicht überbewerten", antwortete er.

Doch Ex-Champion Lauda sieht das anders. "Sebastian ist ein noch besserer Rennfahrer geworden, hat mehr Selbstvertrauen und mehr Lockerheit." Er sehe keinen der Vettel gefährlich werden könne.

Newey erinnert an 1998

Doch die Dominanz des Teams birgt auch Gefahren. Design-Genie Adrian Newey erinnerte in Australien laut "Spiegel Online" an den dominanten McLaren, den er 1998 für Mika Häkkinen und David Coulthard entworfen hatte.

Daraufhin sei das Team vom Weltverband FIA so lange gemaßregelt worden, bis der schöne Vorsprung fast aufgebraucht war. Erst im letzten Grand Prix wurde Häkkinen Weltmeister.

Neweys Fazit: "Ich habe daraus gelernt und mir geschworen, dass es nie mehr vorkommen wird." Heißt übersetzt für Vettels Team: die wahren Zauberkräfte werden erst zu rechter Zeit entfaltet.

Weniger ist manchmal mehr, auch so könnte das Red-Bull-Gebot zur Stunde lauten.

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