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Witali Petrow konnte in seinem Premierenjahr 2010 27 WM-Zähler einfahren © getty

Renault steht als Gewinner des Saisonstarts da. Weil das Team Witali Petrow stabilisierte und auch sonst den riskanten Weg ging.

Von Marc Ellerich

München - Es gab Zeiten im vergangenen Jahr, da muss Witali Petrow sein eigener Spitzname vorgekommen sein wie Hohn und Spott.

"Rakete aus Wyborg", so lautet in seiner Heimat der Beiname des schlaksigen Russen, der in der Vorsaison als Formel-1-Neuling zum Renault-Team stieß - und bitteres Lehrgeld bezahlen musste.

In gleich fünf Rennen kam er nicht einmal ins Ziel, noch viel öfter blieb er außerhalb der Punkte. Die Saison war noch längst nicht vorbei, da wurde in Öffentlichkeit bereits über die Ablösung Petrows diskutiert.

"Ich habe eine Menge Druck auf ihn ausgeübt", räumte Teamchef Eric Boullier ein, Petrow habe auch 2010 einige gute Rennen gezeigt, "aber da waren eben auch viele Fehler". (DATENCENTER: Der Rennkalender)

Duell mit Alonso

Am Ende rettete Petrow wohl seine beherzte Vorstellung beim Saisonfinale in Abu Dhabi seinen Cockpitplatz bei dem Team, das inzwischen als Lotus Renault firmiert.

Über viele Runden hinweg wehrte er die verzweifelten Angriffe des hinter ihm wild attackierenden WM-Anwärters Fernando Alonso ab. Der Spanier konnte im Ferrari probieren, was er wollte, Petrow hatte stets eine Antwort parat. Am Ende des Rennens war Petrow Sechster - und Alonso nur Vize-Weltmeister.

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Russische Millionen

Wichtiger für Petrows Fortkommen war vermutlich, dass der 26-Järige aus dem Land stammt, das in den nächsten Jahren auf den Formel-1-Rennkalender gehoben werden soll.

Die vielen russischen Sponsoren-Millionen, die Petrow mit zu Renault brachte, 15 sollen es angeblich gewesen sein, waren ganz gewiss nicht die schlechtesten Argumente. Es existieren Fotos, die ihn im Amtszimmer des russischen Präsidenten Wladimir Putin zeigen.

Seit dem vergangenen Wochenende hat der einstige Wackelkandidat ein mindestens ebenso gutes Argument auf seiner Seite: Petrow machte seinem Namen beim Saisonauftakt in Australien alle Ehre, er war nämlich wirklich einmal schnell wie eine Rakete. (DATENCENTER: Das Rennergebnis)

Heidfeld abgehängt

Im Albert Park von Melbourne beendete er den ersten Grand Prix des Jahres als Dritter - hinter zwei Alphatieren der PS-Branche, Weltmeister Sebastian Vettel und Ex-Champion Lewis Hamilton.

Nicht zu vergessen, distanzierte er seinen unglücklichen Teamkollegen Nick Heidfeld um neun Plätze. Eigentlich war der deutsche Routinier als Ersatz für den bei einer Rallye schwer verunglückten Robert Kubica vorgesehen.

"Hätte keine Entschuldigungen gehabt"

Anschließend bekam Petrow für den Rest des Tages das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Und Boullier, sein Teamchef, war überaus erleichtert.

Es sei kein "leichter Entschluss" gewesen, Petrow zu behalten, räumte der Franzose nach dem schönen Saisonstart ein: "Ich hätte keine Entschuldigungen gehabt, wenn er noch ein Jahr erfolglos geblieben wäre."

Doch die Geduld und die vielen Gespräche hätten sich letztlich bezahlt gemacht. "Ich habe viel Zeit damit verbracht, mit ihm zu reden, um herauszufinden, warum es falsch lief und er die ganzen Fehler gemacht hat."

Boulliers Gesprächstherapie

Man habe Petrow zudem ein Umfeld geschaffen, um die englische Kultur zu verstehen und die Eigenheiten der Formel 1. Und: "Wir haben ihm dabei geholfen, die Kommunikation rund ums Auto zu verbessern."

Das Ergebnis der Gesprächstherapie ließ sich sehen, das findet auch Boullier: "Er hat gut reagiert, und es sieht danach aus, als hätten wir etwas bei ihm erreicht."

Nicht die Nummer 1

Womöglich ist ihm der russische Neuling aber schon ein wenig zu übermütig geworden. Als er in Melbourne danach gefragt wurde, antwortete Petrow, er sehe sich durchaus im Stande, das Team als Nummer eins anzuführen. (Nummer eins Petrow? "Aber ja")

Boullier sieht das völlig anders. Mit Blick auf die Erfahrungen der Vorsaison, die Petrow um 109 WM-Zähler schlechter als sein Teamkollege Robert Kubica beendet hatte, plagen den Teamchef offenbar immer noch Zweifel: "Du kannst die Bezeichnung Team-Leader nicht an einen jungen Kerl vergeben, der erst ein Jahr in der Formel 1 auf dem Buckel hat."

Völlig entmutigen will er Petrow aber auch nicht. "Wenn er sich diese Position erobert, bin ich glücklich", meinte Boullier: "Aber ganz ehrlich, wenn er die Leistung, die wir am Sonntag in Melbourne gesehen haben, dauerhaft wiederholt, dann bin ich mehr als glücklich."

Riskanter Auspuff

Ausschließen will Boullier derlei Erfolge für die nächsten Rennen nicht. Was nicht nur mit Petrows rapidem Aufwärtstrend zu tun hat. Sondern mindestens ebenso sehr mit dem Wagnis Front-Auspuff, das sich, ähnlich wie das Festhalten am unberechenbaren Russen, in Melbourne gelohnt hatte.

Sein Technikchef James Allison habe ihn überredet, auch bei der Technik den riskanten Weg zu wagen. "An einem Punkt mussten wir uns entscheiden: Bleiben wir konservativ oder riskieren wir ein neues Konzept", berichtete er: "James hat mich überzeugt."

Angriff auf Ferrari

Nun kommt der für Teams und Fahrer äußerst fordernde Grand Prix in Malaysia. Lotus Renault hat einige Neuerungen parat, und Boullier hofft, den mutigen Weg ein weiteres Mal erfolgreich beschreiten zu können. "Ich beginne zu glauben, dass wir dasselbe wiederholen können", sagte er.

Und mehr sogar. Er traut seinem Team sogar zu, die rote Macht Ferrari dauerhaft zu überflügeln. "Ich denke, wir sind nicht weit davon entfernt, besser zu sein."

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