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Michael Schumachers Vertrag bei Mercedes läuft noch bis einschließlich 2012 © getty

Ist die Saison für die Silberpfeile schon jetzt gelaufen? Experte Hans-Joachim Stuck macht bei SPORT1 nur wenig Mut.

Von Julian Meißner

München - Selbst die kühnsten Optimisten dürften nach der schallenden Ohrfeige von Sepang ins Zweifeln kommen.

Was beim Saisonstart in Melbourne noch als Ausrutscher verkauft wurde, ist nun Gewissheit: Mercedes GP ist auch 2011 von den Leistungen der Spitzenteams weit entfernt (BERICHT: Silberpfeile fliegen hinterher) .

Sollte das deutsche Silberteam nicht einen massiven Entwicklungssprung hinlegen, werden die angepeilten Siege im zweiten Jahr der Eigenständigkeit ein frommer Wunsch bleiben.

Von einer "schlimmen Situation" spricht Formel-1-Experte Hans-Joachim Stuck im Gespräch mit SPORT1.

"Nach Melbourne hat man Mercedes noch viel Kredit gegeben, da beide Piloten unverschuldet abgeschossen wurden", sagt Stuck: "Aber die Leistung in Malaysia war einfach nicht gut. Sie sind nicht gut genug, um vorne mitzufahren, das muss man so klar sagen."

Rosberg: Auto eine "Gurke"

Auch die Fahrer sehen der bitteren Realität mittlerweile ins Auge. "Wir wussten, dass das neue Auto zu Beginn eine Gurke werden würde. Was wir nicht wussten, ist dass es eine solche Gurke werden würde", zitiert "Welt online" Nico Rosberg (DATENCENTER: Ergebnis).

Im Gegensatz zu Michael Schumacher, der sich meist diplomatisch äußert, hat sein junger Teamkollege schon des Öfteren in deutlicher Wortwahl die Schwächen seines Arbeitsgeräts beim Namen genannt.

Während Schumacher in erster Linie des Spaßes wegen in den Formel-1-Zirkus zurückkehrte, wird Weltmeistersohn Rosberg von einer anderen Kraft getrieben: Ehrgeiz.

Den Wechsel vom mittelständischen Williams-Team in den Schoß des Weltkonzerns Mercedes begriff der hochtalentierte 25-Jährige als Chance, endlich ganz vorne mitmischen zu können. Doch trotz dreier Podiumsplatzierungen 2010 ist er davon weit entfernt.

Kann Brawn das Steuer herumreißen?

Manch ein Beobachter fühlt sich in die vergangene Saison zurückversetzt, als die Entscheider am Silberpfeil-Kommandostand nach jedem Rennen Besserung gelobten und die Fans dann doch ein ums andere Mal enttäuschten.

"Mit einem Ross Brawn und der Weltmacht Mercedes im Rücken, sollte es möglich sein, das Steuer herumzureißen", glaubt Stuck, er weiß aber: "Die anderen sind auch keine Nasenbohrer. Es wird schwierig."

Die Saison sei zwar noch lang, aber "es ist auch landläufig bekannt, dass, wenn ein Auto am Saisonanfang nicht funktioniert, es extrem schwierig ist, aufzuholen oder sogar zu überholen."

Probleme in allen Bereichen

Dass der MGP W02 nicht funktioniert, ist offensichtlich. Mängel bei der Aerodynamik sorgen für ein unberechenbares Fahrverhalten, wie die Piloten beklagen. Hinzu kommen Probleme im Motorenumfeld, mit KERS und DRS.

Angesichts der Testbeschränkungen und der kurzen Zeit zwischen den Rennen scheint es fast unvorstellbar, dass das Auto bald mit den Red Bull, McLaren oder auch Ferrari mithalten kann.

Mehr als zwei Punkte seien einfach nicht drin gewesen, meinte Schumacher nach dem zweiten Saisonrennen: "Klar ist, dass wir an unserem Renntempo noch arbeiten müssen."

Zwei Sekunden auf die Spitze

In Melbourne wie auch Kuala Lumpur fehlte Mercedes auf die Spitze bis zu zwei Sekunden pro Runde. "Ich will nichts versprechen, aber McLaren war bei den Tests auch weit weg und dann plötzlich da", äußert Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug leise Hoffnungen.

Doch bei seiner Crew war es genau umgekehrt: Mercedes sorgte bei den abschließenden Tests in Barcelona am Ende für Aufsehen, ging dafür unter, als es in Australien darauf ankam.

Mitleid aus Italien

Stuck nimmt nun auch die Fahrer in die Pflicht. "Die unumstrittenen Top-Piloten Schumacher und Rosberg sind jetzt gefordert, das Team mit ihrer Erfahrung und Kompetenz nach vorne zu bringen", sagt er, wohlwissend, dass es seine Zeit brauchen wird, sollte Mercedes überhaupt zur Spitze des Feldes aufschließen können.

Vorerst werden sich Schumacher und Rosberg mit ihrem kränkelnden Dienstwagen weiter im Mittelfeld aufreiben müssen. Mitunter sorgen gerade die Auftritte des Rekord-Weltmeisters, dem die Formel 1 einst zu Füßen lag, für mitleidige Kommentare.

"Es ist wirklich traurig, einen Schumacher zu sehen, der mit Alguersuari kämpfen muss", schrieb der italienische "Corriere della Sera" nach dem Offenbarungseid von Sepang.

Kleinigkeiten für Schanghai

Der Rest der Weltpresse hat den Absturz des 42-Jährigen in die Mittelmäßigkeit offenbar seit geraumer Zeit akzeptiert und thematisiert die Teams auf der Sonnenseite (PRESSESTIMMEN: "Bull-Dozer" Vettel).

Beim Großen Preis von China, der schon am kommenden Wochenende steigt (Training, Freitag, ab 7 Uhr im TV auf SPORT1), dürfte sich ein ähnlich deprimierendes Bild bieten, auch wenn Haug sagt: "Für China legen wir ein paar Kleinigkeiten nach."

Stuck ist sich mit Blick auf die verfahrene Lage bei Mercedes sicher: "Für Schanghai können sie das nicht richten - Wunder gibt es keine in der Formel 1."

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