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Mercedes GP, hier Nico Rosberg, hat in zwei Rennen zwei Punkte eingefahren © getty

Rosbergs schonungslose Offenheit sorgt für Wirbel bei Mercedes vor dem GP von China. Brawn zieht radikale Lösungen in Betracht.

Von Julian Meißner

München - Im Grunde ist es müßig, darüber zu diskutieren, ob Nico Rosberg den ominösen Satz tatsächlich so gesagt hat.

"Wir wussten, dass das neue Auto zu Beginn eine Gurke werden würde", soll Rosberg zuletzt offenherzig verkündet haben: "Was wir nicht wussten, ist, dass es eine solche Gurke werden würde."

Ein pikantes Zitat, das bei seinem gebeutelten Team natürlich für zusätzliche Unruhe sorgt. Ein Zitat, das nun plötzlich in dieser Form gar nicht gefallen sein soll.

Den Begriff der "Gurke", der im Rennfahrer-Jargon einen falsch konstruierten Boliden beschreibt, wird beim schwäbischen Luxuswagen-Hersteller freilich nicht gerne gehört.

Kritik bleibt Kritik

Rosberg soll intern zurechtgewiesen worden sein für seine Freimütigkeit, jedenfalls drückt er sich nun im Vorfeld des dritten Saisonrennens in Schanghai (Training, Freitag 7 Uhr im TV auf SPORT1) wesentlich gewählter aus. Im Kern sagt er jedoch das Gleiche.

"Wir sind weit davon entfernt, wo wir sein wollten, und wo wir auch dachten, dass wir da sein werden", so Rosberg über das Potenzial seinen Dienstwagens MGP W02 und stuft die Lage bei den Silberpfeilen nach dem enttäuschenden Saisonstart als "sehr ernst" ein.

Schumacher weniger forsch

Da das fahrerische Können der Silberpfeil-Piloten außer Frage steht, sind die schwachen Ergebnisse - zuletzt Platz neun und zwölf in Kuala Lumpur - zweifellos dem kränkelnden Boliden zuzuschreiben.

Das weiß die Konzernführung, das weiß Rosberg ("Wir sind ein Hammerteam, auf jeden Fall"), und das weiß auch sein Teamkollege Michael Schumacher. Beim Rekord-Weltmeister, nach 16 Jahren in der Formel 1 in Sachen Public Relations gut geschult, hört sich die Vorausschau auf das dritte Rennen des Jahres jedoch harmloser an.

"Es ist ganz natürlich, dass wir andere Erwartungen hatten. Es ist aber in der Formel 1 nicht das erste Mal, dass ich so etwas erlebe, dass sich die Dinge nicht wie erwartet", so Schumacher.

Und weiter: "Wir lernen mehr und mehr über unser Auto. Die Zeit zwischen den Rennen in Malaysia und China war aber jetzt sehr kurz. Daher werden wir für dieses Rennen keine allzu großen Updates haben."

Brawn liebäugelt mit Radikallösung

Doch die Lage an der Technik-Front ist offensichtlich so verfahren, dass Teamchef Ross Brawn sogar mit einem Komplett-Umbau der "Silber-Gurke" liebäugelt.

"Sollten die normalen Weiterentwicklungsschritte nichts bringen, müssen wir über eine grundsätzliche Änderung des Fahrzeugkonzepts nachdenken, um so zum Beispiel auch Red Bulls flexiblen Frontflügel zu integrieren", so Brawn in der "Sportbild".

Abkupfern beim Liga-Primus also, um den Anschluss nicht vollends zu verlieren. Neben dem Weltmeisterteam von Sebastian Vettel sind momentan auch McLaren, Renault und Ferrari außer Reichweite für die deutsche Crew. Stattdessen schlägt man sich mit Sauber, Force India und Toro Rosso herum.

Probleme über Probleme

Dabei sind sich die Mercedes-Ingenieure eigentlich sicher: Funktionieren alle Komponenten des Silberpfeils zweiter Generation, ist man von der Spitze nicht allzu weit entfernt. Nur: Das ist bislang kaum der Fall gewesen.

Immer neue Probleme mit Aerodynamik und KERS, mit Fahrwerk und Motorenumfeld sowie übermäßiger Reifenverschleiß werfen Mercedes zurück.

"Ich muss zugeben, dass wir uns im Bereich der Zuverlässigkeit auf einem enttäuschenden Niveau bewegen", sagt Brawn.

Man habe noch nicht das Potenzial des Autos genutzt und noch Probleme mit dem verstellbaren Heckflügel, erklärte Rosberg und sagte: "Das müssen wir jetzt einfach hinkriegen. Und dann müssen wir schauen, wo sind wir jetzt überhaupt und wie weit sind wir weg? Da müssen wir wirklich schauen, dass wir große Fortschritte machen."

Neustart in Europa?

Welchen Ansatz der einst als "Superhirn" gefeierte Brite und seine Ingenieursriege auch wählen: Bis zum Wochenende ist der erhoffte Leistungssprung auszuschließen.

Nach dem Rennen in China folgt eine dreiwöchige Pause, bevor der Formel-1-Zirkus mit dem Großen Preis der Türkei die Europa-Saison einläutet (DATENCENTER: Der Rennkalender).

Diese drei Wochen könnten für Mercedes schon die vorerst letzte Chance darstellen, großen Worten zumindest im Ansatz auch Taten folgen zu lassen.

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