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MATTHIAS GINTER (ab 90.): Kommt für seinen verletzten Dortmunder Teamkollegen noch zu einem Kurzeinsatz. Ohne Bewertung
Mark Webber stieg 2002 beim Minardi-Team in die Formel 1 ein © getty

Spektakulärer Sinneswandel beim Weltmeister: Red Bull lernt in China und hält den ersten Startplatz für strategisch entwertet.

Von Marc Ellerich

München - Bereits zwei Mal in dieser noch recht jungen Saison war der erste Startplatz für Weltmeister Sebastian Vettel der Schlüssel zum Sieg.

Pole - Sieg, so lautete das Resultat des Red-Bull-Stars beim Saisonstart in Melbourne. Pole-Position - Rennsieg, auch in Malaysia wiederholte der Hesse das Ergebnis.

Beides waren letztendlich überlegene, teils sogar einsame Siegfahrten des jüngsten Formel-1-Champions der Geschichte.

In China, beim dritten Rennen der Saison, sicherte sich der 23-Jährige ebenfalls die beste Ausgangsposition, vermasselte dann aber den Start - und verlor anschließend den Grand Prix gegen den furiosen Lewis Hamilton im McLaren. (Achillesferse KERS: Wie anfällig ist Red Bull?)

Horner stellt Quali in Frage

Man könnte also meinen dass die Pole Position trotz Regelreformen und neuer Reifen auch 2011 die halbe Miete für den Sieg sei. Weit gefehlt, meint allerdings ausgerechnet Vettels Vorgesetzter Christian Horner. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

Sein Urteil mutet auf den ersten Blick kurios an: "Man stellt den Wert des Qualifyings in Frage", sagte der Engländer im Gespräch mit der "Sunday Times": "Wir werden ab sofort auf jeder Strecke überprüfen, wie wichtig es ist, in die erste Startreihe zu gelangen. Unsere Strategen werden darauf achten, wie wir unser Rennwochenende strukturieren müssen."

Es sieht danach aus, als hätte beim Red-Bull-Teamchef ein Umdenken stattgefunden: Auf die Pole Position, so scheint es, könne man künftig gut und gerne verzichten.

Webbers Aufholjagd

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Und es ist nicht Vettels bis dato fast makelloser Saisonstart, der diesen Sinneswandel ausgelöst hat, sondern die Aufholjagd des bis dato weitaus fehleranfälligeren Mark Webber.

Der Australier begann den China-Grand-Prix in Schanghai nur vom 18. Platz aus. Hoffnungslos, so wäre das Urteil der Experten in früheren Zeiten ausgefallen. Doch Webber stieß in einem von Wetterturbulenzen verschonten Rennen tatsächlich bis auf den dritten Platz vor.

Der wichtigste Grund: Der Mann aus Queanbeyan hatte - notgedrungend, da er in den Qualifikationsdurchgängen zwei und drei pausieren musste - genügend weiche Reifen zur Verfügung. Auf den frischen Pirellis war er den vielen vor ihm fahrenden Konkurrenten in den entscheidenden Duellen haushoch überlegen. (BERICHT: Hamilton bricht Vettels Serie)

Strategie überholt

Für Horner ist die veränderte Reifenstrategie offenbar ein Faktor, den Red Bull bisher womöglich immer noch zu wenig berücksichtigt hat.

Noch im Vorjahr verbrauchten die Piloten ihre drei Sätze schneller, weicher Reifen im Qualifying, um sich dort die optimale Startposition zu sichern und hoben sich den letzten Satz für das Rennen auf, ehe dort dann die harten Pneus aufgezogen wurden.

Diese Strategie ist im Zeitalter der Pirelli-Pneus offenbar überholt. Die Reifen bauen wesentlich schneller ab, und sind sie erst einmal zerstört, ist ein Fahrer Freiwild für die Konkurrenz.

Vettel erlebte das in China, als er dem anstürmenden Hamilton auf den letzten Kilometern des Rennens nichts mehr entgegenzusetzen hatte und diesen wehrlos zum Sieg passieren lassen musste.

"Lieber schnelle, neue Reifen"

Horner hat sich das gemerkt und deutete ziemlich unverhohlen an, dass sein Rennstall künftig anders an die Sache herangehen wird.

"Je nach der Charakteristik einer Strecke könnte man die Pole-Jagd abhaken, um in den Schlüsselstellen eines Rennens lieber schnelle, neue Reifen zu haben", meinte er.

Damit diese Strategie aufgehe, müsse man zwar viel Überholen, räumte Horner ein: "Aber Mark hat gezeigt, dass das machbar ist. Man könnte sagen, er hätte nur noch ein paar Runden mehr gebraucht, um zu gewinnen."

Nur eines gibt dem Teamchef zu denken: "Zwei Runden weniger und wir hätten mit Sebastian gewonnen, mit einer konventionellen Strategie, die ja von einer guten Startposition abhängig ist."

Es wird also spannend sein zu beobachten, ob das Weltmeister-Team tatsächlich den Mut zum Strategiewechsel aufbringt.

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