vergrößernverkleinern
Ende einer Dienstfahrt: Rubens Barrichello landet in Australien im Kiesbett © getty

Der Rennstall startet ambitioniert in die Saison - und erlebt den schlechtesten Start seit 1979. Nun soll es Konsequenzen geben.

Von Marc Ellerich

München - Es sollte ein Aufbruch in bessere Zeiten werden, doch es folgte ein wahrhaftiges Desaster.

Vor zwei Monaten ging der traditionsreiche englische Williams-Rennstall an die Börse. Seitdem, so meldete die Zeitung "Guardian" zuletzt, ist der Wert des Privatteams um 27 Prozent gesunken.

In nackten Zahlen: Williams ist mittlerweile 65 Millionen Euro weniger wert als vor sieben Wochen.

Und nichts könnte den augenblicklichen Zustand beim ruhmreichen englischen Team besser illustrieren, als der bittere Niederschlag an der Börse. Im Moment, so ist der Eindruck, geht alles schief, was Williams anpackt.

Tiefe sportliche Krise

Denn auch sportlich durchläuft das Team von Frank Williams, das 1977 erstmals bei einem Formel-1-Rennen an den Start ging und danach eine Erfolgsgeschichte mit sieben Weltmeistertiteln seiner Piloten, neun Konstrukteurs-Titeln und 113 Rennsiegen schrieb, eine tiefe Krise.

Nach drei Grands Prix 2011 steht die Mannschaft um den erfahrenen Rubens Barrichello und den venezolanischen Formel-1-Rookie Pastor Maldonado immer noch ohne einen einzigen WM-Punkt da.

Was kaum verwunderlich ist: Sowohl beim Auftakt in Australien als auch beim nächsten Rennen in Malaysia sahen jeweils beide FW33 das Ziel nicht. (DATENCENTER: WM-Stand)

[kaltura id="0_94lj98z0" class="full_size" title="Rosberg am Steuer"]

Letzter Sieg 2004

Für Williams ist es der schlimmste Saisonbeginn seit 1979. Der letzte Rennsieg datiert von 2004, als Juan Pablo Montoya den Brasilien-GP gewann. Und von einer Wiederholung ist Williams derzeit weiter entfernt denn je.

Schwacher Trost: In China überquerten Williams-Fahrer immerhin die Ziellinie, Barrichello als 13., Maldonado fünf Positionen dahinter.

Doch auch auf dem "Shanghai International Circuit" musste der einstige Renommier-Rennstall der PS-Liga harte Nackenschläge hinnehmen: Das Auspuff-System, eine Kopie der erfolgreichen Modelle bei Lotus Renault, Red Bull oder Ferrari, setzte Teile des Unterbodens in Brand.

Und es ist beileibe nicht das einzige technische Problem, mit dem Williams zu kämpfen hat.

Barrichello optimistisch

Was für ein Rückschlag für die Edel-Marke, die nach den winterlichen Testfahrten mit so hohen Erwartungen in die Saison gegangen war.

"Es ist wesentlich besser als im vergangenen Jahr", hatte Routinier Barrichello nach den Wintertests orakelt und den Williams sogar mit zwei Branchengrößen verglichen: "Ich weiß nicht, ob Red Bull und Ferrari so viel schneller sind."

Inzwischen haben es der Brasilianer und seine Crew schwarz auf weiß, bei den Briten liegen die Nerven mittlerweile einigermaßen blank: Der Vorstandsvorsitzende Adam Parr kündigte sogar personelle Konsequenzen an.

"Es wird sich etwas ändern"

"Wir haben erkannt, dass sich etwas ändern muss. Also lautet die Botschaft: Es wird sich etwas ändern", zitierte die englische Nachrichtenagentur "Reuters" den Engländer.

Und: "Man kann nicht das verändern, was wir verändern wollen, ohne Personal auszutauschen. Leute können kommen, Leute können gehen."

Wohlgemerkt: Damit meinte Parr keinen der beiden Piloten. Im Fokus steht offenbar unter anderem Williams' langjähriger Technikchef Sam Michael, obwohl sich Parr noch in Schanghai scheinbar vor ihn stellte.

Technische Defizite

"Sam ist außergewöhnlich begabt, er ist sehr fleißig, klug und hingebungsvoll", sagte Parr, schob dann aber einen Satz nach, der durchaus als Aufforderung zum Rücktritt aufgefasst werden könnte: "Wenn Sam glauben würde, dass es für das Team das Beste wäre aufzuhören, würde er morgen aufhören. Er wird tun, was für das Team notwendig ist."

Zumal Parr durchaus Defizite des englischen Rennstalls ausgemacht hat, die in den Bereich des obersten Technikers fallen. "Wir haben kein vom Auspuff angeströmtes Heck, dort liegt viel Rundenzeit. Und da sind andere Bereiche, wo wir einfach nicht clever genug waren."

Harte Entscheidungen angekündigt

Den Vorwurf, Williams verfüge über ein zu kleines Budget, um vorne mitzuhalten, ließ der Vorstandsvorsitzende nicht gelten: "Es gibt andere Teams, deren Ressourcen sicher nicht größer sind als unsere, die aber einen besseren Job machen. Das ist völlig unakzeptabel."

Parrs Urteil steht fest: "Wir müssen harte Entscheidungen fällen. Wir entwickeln uns nicht nach vorne, also müssen wir Veränderungen vornehmen, um sicher zu gehen, dass wir uns nach vorne entwickeln werden."

Vielleicht auch als Reaktion auf die harsche Kritik seines Vorstandsvorsitzenden kündigte Michael für den kommenden Grand Prix in der Türkei weitere Entwicklungsschritte an.

"Wir werden einen überarbeiteten Unterboden einbauen, neue Front- und Heckflügel und neue Bremsführungen", so der Ingenieur: "Wir erwarten eine Verbesserung von einigen Zehnteln, die unseren Piloten in die Top-Ten verhelfen sollte."

Beispiel McLaren

Seinem Team wollte er mit der wundersamen Auferstehung des im Winter schwer taumelnden McLaren-Rennstalls Mut machen: "Die Dinge können sich in diesem Sport sehr schnell ändern. Wer hätte nach den Tests in Barcelona gedacht, dass McLaren im nächsten Monat ein Rennen gewinnen würde. Sie haben es aber geschafft."

Dass sich Williams starker Mann durch derlei Formel-1-Rhetorik so schnell besänftigen lassen wird, darf allerdings bezweifelt werden.

Parr sieht den englischen Klassiker mittlerweile in einer Endlos-Schleife der Mittelmäßigkeit angelangt. Williams werde sich auch in dieser Saison wieder herankämpfen, "so wie im letzten Jahr, als wir schwach gestartet sind und dann aufgeholt haben".

Doch dem obersten Funktionär genügt das nicht mehr. "Wir können nicht jedes Jahr immer wieder aufs Neue so schwach starten."

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel