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Ferando Alonso und Stefano Domenicali (r.) arbeiten seit 2010 zusammen © getty

Vor dem Türkei-GP greift Teamchef Domenicali FIA und Konkurrenz massiv an. Er droht. Die Ingenieure berichten von Fortschritten.

Von Marc Ellerich

München - Die Formel 1 kehrt nach ihrem spektakulären Übersee-Start beim Türkei-GP (Training, Fr., ab 9 Uhr im LIVE-TICKER und ab 13 Uhr im TV auf SPORT1) nach Europa zurück - und Ferrari kommt - so ist jedenfalls der Eindruck - verspätet auf Betriebstemperatur.

Dafür aber ganz gewaltig. Die Roten wollen gleich mehrere Probleme auf einmal in den Griff kriegen. Auch, weil derzeit im italienischen Rennstall irgendwie alles mit allem zusammenhängt. Und der Druck nach drei Rennen ohne Podiumsplatzierung enorm geworden ist. (Ferrari-Boss schlägt Alarm) (DATENCENTER: WM-Stand)

Zunächst: Das Aerodynamik-Problem, das den F150 Italian in Rennen und Qualifying langsamer machte als erwartet - und vor allem: als errechnet.

Fieberhaft versuchten die Verantwortlichen der Fehlerkette auf die Schliche zu kommen, deren Ursache sie im Windkanal-System des Rennstalls vermuteten.

Ausgiebige Aero-Tests

Schon nach dem Grand Prix in Malaysia sammelten Teamchef Stefano Domenicali und sein Technikchef Aldo Costa ungezählte Bonus-Flugzeug-Meilen. Von Kuala Lumpur aus ging es, statt nach Schanghai, zurück in die Zentrale nach Maranello.

Und schon während, aber vor allem nach dem China-Rennen, wurde massiv an der Verbesserung der Luftanströmung des Renners gearbeitet. Während des Schanghai-Trainings erfolgten laut "auto, motor und sport" Erprobungsfahrten mit Blick auf unterschiedliche Aero-Modelle.

In der vergangenen Woche wurden erlaubte Tests auf dem speziell für Aerodynamik-Fahrten ausgerichteten Gelände in Vairano nahe Mailand angesetzt.

[kaltura id="0_sln7p87s" class="full_size" title="Streckenvorstellung T rkei GP"]

Neue Flügel und Bremsen

Zuvor war der Windkanal neu justiert worden. Inzwischen wähnt sich der Rennstall wieder in der Spur. "Unser Auto muss sich in vielerlei Hinsicht erholen", sagte Designchef Nikolas Tombazis dem "Corriere della Sera": "Wir hatten Windtunnel-Problem und andere, methodische Schwierigkeiten. Wir verbessern uns an beiden Fronten, aber es fehlt noch ein Stück."

In Istanbul werde Ferrari mit neuem Front und Heckflügel sowie verbesserten Bremsen starten.

Auf Augenhöhe mit den derzeit Schnellsten, Red Bull und McLaren, wähnt Tombazis sein deshalb Team aber noch nicht. Man werde in der Türkei zwar besser sein, aber noch nicht dort, wo Ferrari sich selbst gerne sähe, nämlich ganz weit vorne und im Kampf um den Titel. (Alonsos Weckruf: "Müssen aufholen")

"Das Programm bringt in jedem Rennen Fortschritte", fügte der Grieche hinzu: "Aber wir sind uns bewusst, dass diese gewaltig sein müssten, um die Lücke zu schließen."

"Zu konservativ geworden"

Auch ohne sein Windtunnel-Problem hätte Ferrari die ersten drei Rennen nicht gewonnen, räumte er ein: "Das ganze Paket hat von den Tests (in denen Ferrari einen sehr guten Eindruck hinterlassen hatte, d. Red.) bis zum ersten Rennen nicht so funktioniert, wie wir es wollten."

Zudem liege der rote Stotterstart auch in Versäumnissen der Vergangenheit begründet. Tombazis: "Wir haben erkannt, auch wenn es nicht angenehm ist, das zuzugeben, dass wir in den letzten Jahren zu konservativ geworden sind, weniger aggressiv bei der Entwicklung und dass wir weniger mutige Ideen hervorgebracht haben."

Diese Kritik sei gerechtfertig, leider, so Tombazis. "In diesem Auto steckt noch viel Entwicklungspotenzial."

Domenicali: Das ist nicht tragbar

Die Roten sind jedoch weit davon entfernt, sich die Asche lediglich aufs eigene Haupt zu streuen. In einer Art Generalangriff, der viele aktuelle Probleme und Pläne des Rennstalls zum Anlass hat, weitete Teamchef Domenicali die Ferrari-Offensive auf Weltverband und Konkurrenz aus.

"Die Aerodynamik macht derzeit 90 Prozent der Performance eines Formel-1-Autos aus. Das ist für mich nicht tragbar", sagte er der "Auto Bild Motorsport".

"Wir sollten nicht gezwungen werden, fast ausschließlich in ein Feld wie die Aerodynamik zu investieren, dass uns als Fahrzeug-Hersteller eigentlich gar nicht interessiert." Er wisse, dass andere Rennställe "an der großen Bedeutung der Aerodynamik festhalten wollen, weil sie dort ihre Vorteile sehen".

Ein kaum verklausulierter Angriff auf das Weltmeisterteam Red Bull, dessen Aero-Tricks nicht nur die Roten immer wieder zur Verzweiflung und zu hastigen Nachbauten zwingen. (Mit Red-Bull-Kopie in die Erfolgsspur)

Drohung mit Ausstieg

Und Domenicali wurde noch deutlicher: "Wenn die Formel 1 in Zukunft für Hersteller interessant sein soll, müssen wir sicher stellen, dass alle Elemente des Motorsports zu gleichen Anteilen zum Tragen kommen." Die Formel 1 bleibe für Ferrari nur interessant, wenn Faktoren wie Motor, Getriebe und Fahrwerk mehr Gewicht bekämen.

Domenicali beließ es nicht bei der seitens Ferrari schon häufiger strategisch platzierten Ausstiegsdrohung. Er forderte neue Bedingungen für eine Verlängerung des Concorde Agreements zwischen Teams, FIA und dem Serien-Vermarkter FOM: "Im Moment ist es so ruhig, weil bald etwas passieren wird."

Kontaktaufnahme zu Rosberg?

Dass Domenicalis Vorstoß womöglich sogar noch weiter geht, nämlich mit einem Besitzerwechsel der PS-Liga spekuliert, scheint angesichts der offiziell formulierten Kaufabsicht von Medienmogul Rupert Murdoch und der Ferrari-nahen Investmentfirma "Exor" nicht auszuschließen zu sein.

Turbulente Wochen und Monate zeichnen sich ab. Und dass die Roten durch angebliche Kontaktaufnahme zu Mercedes-Star Nico Rosberg auch ihre Personalplanungen für die Zukunft aufgenommen haben, wäre angesichts des roten Rundumschlags nur allzu konsequent.

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