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Fernando Alonso (l.) liegt in der WM 99 Punkte hinter Sebastian Vettel (r.) © imago

Ferrari reagiert überschwänglich auf Fernando Alonsos zweiten Platz beim Europa-GP. Doch der spricht bittere Wahrheiten aus.

Von Marc Ellerich

München - Vettel-Sieg hin oder her, bei Ferrari wurde gefeiert (422802Bilder).

Die Roten bejubelten Fernando Alonsos zweiten Platz hinter dem Weltmeister beim Europa-Rennen in Valencia als wäre es ein Sieg. Und für einen Moment ließ sich sogar Teamchef Stefano Domenicali vom Rausch der Gefühle forttragen. (BERICHT: Vettel feiert Sieg Nummer sechs)

"Ich freue mich, dass wir zumindest einen Red Bull hinter uns gelassen haben. Jetzt nehmen wir uns bald den zweiten vor", kündigte Domenicali forsch an, womit er auf den gewonnenen Zweikampf Alonsos gegen Red Bulls australischen Piloten Mark Webber anspielte. Vettels Teamkollege wurde auf dem Street Circuit Dritter. (DATENCENTER: Renn-Ergebnis)

Alonso vor McLaren

Doch mit ein wenig Abstand wird der kluge Italiener schnell erkannt haben, dass seine Kampfansage wohl etwas vorlaut war. Gegen Überflieger Sebastian Vettel ist für die Roten derzeit kein Kraut gewachsen. (NACHBERICHT: "Sieht vielleicht etwas langweilig aus")

Daran änderte auch die neue Motor-Mapping-Regelung wenig, die laut Expertenmeinung besonders Ferrari entgegenkommen sollte.

Das galt in Valencia - wenn überhaupt - lediglich mit Blick auf den direkten Ferari-Konkurrenten McLaren. Alonso konnte sowohl Lewis Hamilton als auch Montreal-Sieger Jenson Button abschütteln.

[kaltura id="0_o4u5rnf4" class="full_size" title="Eine Runde in Valencia"]

"Definitiv in die richtige Richtung"

"Ich war wirklich froh, wieder Champagner zu schmecken", kommentierte er seine erste Podiumsplatzierung beim Grand Prix in seiner spanischen Heimat: "Dieses Ergebnis bedeutet mir eine Menge."

Sein Team bewege sich "definitiv in die richtige Richtung", Ferrari sei näher an Red Bull herangerückt. (DATENCENTER: WM-Stand)

So weit, so erfreulich. Allerdings: Die Platzierung hinter seinem deutschen Vorjahresbezwinger sei im Moment das maximal Mögliche, analysierte der erfahrene Pilot aus Oviedo.

Ferrari habe den Rückstand auf Red Bull halbiert, rechnete Alonso in Valencia vor: "In den ersten drei oder vier Rennen lagen wir im Durchschnitt 1,5 Sekunden hinter Red Bull zurück." Mittleweile seien es sechs oder sieben Zehntelsekunden. Das sind für Formel-1-Verhältnisse immer noch Galaxien, das weiß auch die Nummer eins der Italiener.

Alonso: Titel nicht in unseren Händen

Und viel zu wenig, um ernsthaft von Großtaten träumen zu dürfen. "Wir müssen realistisch sein. Unsere Geschwindigkeit ist noch nicht gut genug, um Rennen zu gewinnen oder auf der Pole-Position zu stehen."

Ferrari werde sich "hundertprozentig" anstrengen, um dies zu ändern, kündigte Alonso an, um den Tifosi gleich darauf die nächste bittere Wahrheit einzuschenken.

WM-Titel? Der sei für das älteste Team der Formel 1 derzeit weiter entfernt als Mond und Sonne, so in etwa lassen sich Alonsos öffentliche Gedanken zum Thema übersetzen.

"Es liegt nicht in unseren Händen", sagte der WM-Fünfte: "Der Rückstand beträgt 99 oder 100 Punkte, wie viel auch immer. Das ist eine Menge. Wir sind im Moment eine Sekunde oder acht Zehntel zurück. Wenn also jemand denkt, dass wir die Meisterschaft gewinnen können, dann vielleicht deswegen, weil er die Formel 1 nicht begreift."

Schwachpunkt Aerodynamik

Zumal innerhalb der nächsten vier Wochen zwei Rennen anstehen, die den Roten nicht behagen: der England-Grand-Prix in Silverstone und das Deutschland-Rennen auf dem Nürburgring.

Was er sich von seinem Team für die beiden Grands Prix wünsche, wurde Alonso in Valencia gefragt, und der Spanier antwortete erstaunlich offenherzig. "Aerodynamik. Es ist doch kein Geheimnis, was uns fehlt. Es geht nur um die Aerodynamik."

Doch gerade die Kunst der perfekten Luftanströmung ist das große Plus des österreichischen Konkurrenten. Entsprechend zurückhaltend sprach Alonsos Teamchef Domenicali über die kommenden Grands Prix, die er zuletzt als vorentscheidend für den weiteren Saisonverlauf der Roten bezeichnet hatte.

Eine Einschätzung, die er in Valencia mit Blick aufs neue Motoren-Mapping und das dort erstmals gültige Zwischengas-Verbot wiederholte. "Silverstone wird ein wichtiger Gradmesser, um zu sehen, wo die Teams nach den Änderungen stehen", stellte Domenicali fest: "Wir müssen dort die Leistung bestätigen, und das auf einer Strecke, die unserem Auto deutlich weniger liegt."

Massa: Dann wird es schwer

Damit nicht genug, benannte Felipe Massa, in Spanien unglücklicher Fünfter, das nächste Problemfeld der Scuderia: die Reifen. "Wenn Pirelli die Mischungen weich und hart wählt, dann wird es schwer", berichtete der Brasilianer.

Domenicali stellte unmissverständlich fest: "Unser Auto funktioniert mit den weichen Reifen besser."

Ins Zwischengas-Verbot setzen die Italiener nach den ernüchternden Erfahrungen beim Europa-GP keine großen Hoffnungen mehr. "Alle werden verlieren", stellte der Ferrari-Teamchef fest: "Es geht nur darum, wer den höchsten Preis bezahlt."

Trifft es sein Team, wären die roten Hochgefühle gewiss schnell wieder verflogen.

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