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Norbert Haug (l.) ist bereits seit 1990 Motorsportchef von Mercedes © imago

Die Silberpfeile gehen angeschlagen in den Deutschland-Grand-Prix. Schumacher steht in der Kritik, Haug bremst gegenüber SPORT1.

Vom Nürburgring berichtet Marc Ellerich

Nürburg - Die Geschichte der Silberpfeile und des legendären Kurses ist auf einzigartige Weise miteinander verbunden.

Wer die Rennstrecke durch das historische Fahrerlager betritt, wird auf Schritt und Tritt daran erinnert.

Manfred von Brauchitsch siegte hier 1934 im W25. Fangio, der legendäre Argentinier, gewann im August 1954, dem Jahr des ersten deutschen WM-Triumphs, im W196.

Und Michael Schumacher, den der Stuttgarter Rennstall ja bekanntlich seit 2010 als einen der Seinen betrachten darf, ist nicht nur Rekord-Weltmeister, er ist auch Rekord-Sieger auf dem Nürburgring.

Seriensieger Schumacher gut gelaunt

Fünf Mal gewann er den Grand Prix in der Eifel - wenn auch nicht im Silberpfeil.

Mercedes erinnerte vor dem Deutschland-Rennen (1. Training, Fr., ab 10 Uhr im TV auf SPORT1) an die ruhmreiche Vergangenheit, in dem es Schumacher und dessen jungen Kollegen Nico Rosberg am Donnerstag auf die berühmt-berüchtigte Nordschleife schickte - im originalen W196 Fangios.

"Da saßen wir zumindest in einem Siegerauto", juxte Schumacher auf der offiziellen FIA-Pressekonferenz - und schob dann nach: "Ich hoffe, das wird an diesem Wochenende auch so sein."

Siegen? "Wir sind nicht in der Position"

Der Sinn für Humor ist dem Superstar des elitären PS-Zirkels also nicht verloren gegangen. Denn natürlich hat das "deutsche Nationalteam der Formel 1" am wichtigsten Wochenende des Jahres keinerlei Chance, den Deutschland-Grand-Prix mit eigenen Mitteln zu gewinnen.

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"Das ist nicht realistisch", antwortete Rosberg im SPORT1-Interview-der Woche (EXKLUSIV: Nico Rosberg im Interview). Schumacher stimmt ihm zu: "Wir sind nicht in der Position, um Rennen zu gewinnen."

Mediale Kritik an Schumacher wächst

Besonders Schumacher bekommt das zu spüren. Der einst Sakrosankte wird öffentlich immer härter angepackt.

In der Zeitung "Die Welt" wurde - sozusagen als Ouvertüre zum Rennwochenende - an Schumachers glanzvolle Zeiten mit Ferrari erinnert, um dann den Abgesang auf den Champion zu beginnen. Überschrift: Schumachers traurige Rückkehr an den Nürburgring.

"Absolute" Enttäuschung

Und während des großen Frage- und Antwort-Spiels des Weltverbands mit Schumacher und seinen fünf Epigonen, angeführt von Weltmeister Sebastian Vettel, muss sich der große Kerpener detailliert seinen ernüchternden Punktestand dieser Saison vorrechnen lassen.

Lediglich 28 davon hat Schumi in neun Grands Prix einsammeln können, womit er noch schlechter ist als im Vorjahr zur selben Zeit. Auch das bekommt er zu hören. Schumacher nimmt das ungerührt hin, mehr noch, er räumt ein dass er enttäuscht sei, "absolut".

[kaltura id="0_io4sgxqe" class="full_size" title="Eine Runde um den Nürburgring"]

Wann kommt der Erfolg?

Der 42-Jährige, über dessen vorzeitigen Rückzug zuletzt spekuliert wurde, was er auch auf dem Nürburgring dementiert, hat mittlerweile eine gewisse Routine, was den Umgang mit dieser Art von Majestätsbeleidigung umgeht.

Auch diesmal spricht er vom Trend, den er erkennen könne, und vergleicht die Lage der Silberpfeile 2011 mit der Fieberkurve des Aktienmarkts: "Mal hoch mal runter."

Er sei "optimistisch" antwortet er in der FIA-Konferenz und gegenüber "Bild" beteuerte er: "Ich hatte die Situation ja schon zwei Mal, und am Ende stand da der Erfolg."

Haug dämpft die Erwartungen

So forsch antwortet Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug nicht mehr, wenn er zur Lage seines Rennstalls gefragt wird.

Er mache keine "konkreten Ansagen", sagt Haug, der mächtige Schwabe gegenüber SPORT1: "Es gibt keinerlei Grund in Euphorie zu machen. Warum soll irgendetwas angekündigt werden?"

Fortschritte, wie zuletzt Rosbergs sechster Platz in Silverstone und Schumachers erfolgreiche Verfolgungsfahrt durchs Feld auf Platz neun, müsse Mercedes "auf der Rennstrecke zeigen".

Haug zu SPORT1: "Es ist doch ganz klar, dass man die mögliche Leistung bringen soll, und dann auf die Zeitenliste guckt und sieht, wo die mögliche Leistung hingeführt hat."

"Keine Frustration" bei Haug

Das eine oder andere Highlight habe Mercedes in dieser Saison zwar schon gehabt, aber: "Die müssen wir öfter zeigen. Die Story, ich halte mich zurück, weil ich enttäuscht wurde, die gibt es einfach nicht."

Im Gegenteil: "Es gibt überhaupt keine Frustration", bekräftigt Haug. "Wenn man enttäuscht ist, hat man nicht die Kraft, um voran zu machen und sich weiter zu entwickeln."

So geht das Gespräch weiter. Haug mauert, aus seiner Sicht ist das verständlich. Die Hierarchie unter den Top-Teams sei 2011 noch fester zementiert, als in den Jahren davor: Red Bull, Ferrari, McLaren. "Die Nummer vier hat es dann mit drei sehr, sehr starken Gegner entsprechend schwer."

Die großen Teams ärgern

Aber jede Platzierung unter den besten sechs Fahrern - sowohl in Qualifying als auch im Rennen - "ist ein Vordringen in die Phalanx dieser Dreiergruppe. Und das ist das Ziel, das häufiger hinzukriegen". Von Rennsiegen oder dem Titel gar ist nicht mehr die Rede.

Er hoffe natürlich, "dass die Tradition hier erhalten bleibt", antwortet der Motorsportchef im Mercedes-Motorhome dann noch.

Womit er dann aber doch nicht die vielen Mercedes-Siegfahrten auf dem Nürburgring meint, sondern die weitere Existenz der großen Rennstrecke, die vom Aus bedroht sein soll.

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