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Nigel Mansell gewann 1992 neun Grands Prix und wurde mit Williams Weltmeister © imago

Der legendäre englische Rennstall ist eine AG - aber nur noch ein Schatten seiner selbst. Nun soll es wieder aufwärts gehen.

Von Annette Bachert

München - Sieben Fahrer-Weltmeisterschaften, neun Konstrukteurstitel, 113 Rennsiege sowie 126 Pole-Positions. Erobert von legendären Piloten wie Ayrton Senna, Nigel Mansell oder Alan Jones - das ist das Team Williams.

Oder besser: Das war das Team Williams.

Zur Halbzeit der laufenden Saison ist der Rennstall von Frank Williams nur ein jämmerlicher Schatten einstiger Größe.

Mit zwei neunten Plätzen 2011 weist das legendäre englische Privatteam gerade einmal vier Zähler in der Konstrukteurswertung auf.

Nur die Neulinge Lotus F1, Hispania Racing und Virgin-Marussia haben mit null Punkten weniger auf dem Konto (DATENCENTER: Die Team-Wertung).

"Es ist eine unglaubliche Situation", wettert der in der Formel 1 weit gereiste Brasilianer Rubens Barrichello im "Corriere dello Sport".

"In den vergangenen Monaten haben wir zu viele aerodynamische Teile gebracht. Wir konnten diese nicht richtig testen, aber du kannst doch kein Rennen zum Testen verwenden. Wir sind verwirrt. Das Team ist in einen Schleier der Unsicherheit eingehüllt", sagte der Pilot aus Sao Paulo.

Williams verpflichtet Skandal-Ingenieur

Aber mangelhafte Technik und schlechte Organistation sind nicht die einzigen Gründe für die armselige Performance des einstigen Über-Teams. Auch bei seiner Personalpolitik strahlt der Rennstall wenig Vertrauen aus.

Mit Technik-Direktor Sam Michael und Chefaerodynamiker Jon Tomlinson werden zwei langjährige Williams-Verantwortliche den Rennstall Ende des Jahres verlassen und damit die Verantwortung für die schlechten Leistungen des Teams übernehmen.

Nachfolger und neuer Chef-Ingenieur wird künftig der äußerst umstrittene Mike Coughlan sein. Der ehemalige Chefdesigner von McLaren wurde 2007 suspendiert, weil er in den größen Spionageskandal der PS-Liga verwickelt war und geheime Ferrari-Daten ergaunert hatte.

McLaren-Mercedes wurde seinerzeit vom Weltverband FIA mit einer 100-Millionen-Dollar-Strafe belegt, Coughlan mit einem zweijährigen Berufsverbot.

Große Sprüche von Coughlan

Seine Sperre ist abgelaufen, und Coughlan gibt sich geläutert. "Ich stelle mich in den Dienst des Teams und werde sicherstellen, dass wir wieder konkurrenzfähig werden und die ethischen Standards einhalten, für die Williams schon immer gestanden hat", kündigte der Brite an.

"Hätte noch Chancen gehabt"

Mit diesen Standards soll es allerdings nicht allzuweit her sein. Zumindest behauptet das der ehemalige Williams-Pilot Niko Hülkenberg, der sein Cockpit 2010 nach nur einem Jahr als Rookie und einer sensationellen Pole-Position beim Brasilien-GP wieder räumen musste..

"Ich bin sehr enttäuscht, wie sie die Geschichte gehandhabt haben. Es war einfach nicht fair, wie sie mich behandelt haben", sagte der Deutsche bei "Motorsport-Total.com".

"Wenn die Information früher gekommen wäre, hätte ich wahrscheinlich eine Chance gehabt, doch irgendwo Rennen zu fahren", so Hülkenberg, derzeit Testfahrer bei Force India.

"Könnte besseren Job machen"

Sein Nachfolger Pastor Maldonado, dem unter anderem viele venezolanische Petro-Dollars ins Cockpit verhalfen, wusste zu diesem Zeitpunkt schon längst Bescheid. Hätte Hülkenberg bei Williams-Geschäftsführer Adam Parr nicht nachgefragt, hätte der 23-Jährige wohl noch später von seiner Kündigung erfahren.

"Maldonado macht, denke ich, einen guten Job, aber ich denke, dass ich einen besseren machen könnte", blieb Hülkenberg zumindest fair, wenn Maldonado in dieser Saison noch nicht einen WM-Punkt eingefahren hat (DATENCENTER: Die Fahrer-WM).

"Kämpfen bis zum bitteren Ende"

Hülkenbergs Kritik dürfte das geringste Problem des Traditions-Rennstalls sein, den Frank Williams 1969 ins Leben rief. Ein Börsengang, der das dringend benötigte Geld in die Kassen spülen sollte, missriet völlig. Vom Ausgabekurs 25 Euro sackte die Aktie der AG auf 17 Euro ab.

Und der letzte Sieg liegt mittlerweile über sechs Jahre zurück: Der Kolumbianer Juan Pablo Montoya gewann 2004 den Brasilien-Grand-Prix.

Parr, Williams neuer Vorstandvorsitzender, gibt sich dennoch optimistisch, dass es mit der berühmten Formel-1-Marke wieder bergauf geht - und das noch in dieser bisher so fruchtlosen Saison.

"Es ist erst Halbzeit. Niemand im Team hat dieses Jahr schon aufgegeben. Wir machen weiter, bis wir besser werden und kämpfen bis zum bitteren Ende", kündigte der Brite markig an.

Abschiedsgedanken bei Barrichello

Für eine bessere Zukunft baut er vor allem auf den Motoren-Wechsel von Cosworth zu Renault im kommenden Jahr - und natürlich die Neuen im Team. Neben Coughlan wurden auch Chef-Aerodynamiker Jason Somerville und Mark Gillan als leitender Ingenieur verpflichtet (DATENCENTER: Rennkalender und Kurse).

"Es herrscht richtiger Optimismus in Bezug auf die Zukunft. Jeder im Team ist begeistert, nächstes Jahr wieder zurück bei Renault zu sein", schwärmte Parr.

Barrichello kann er damit allerdings nicht gemeint haben. Der schimpfte kurz vor der Sommerpause der Formel 1: "Ich weiß nicht, ob ich unter diesen Bedingungen nächstes Jahr weitermache."

Auch Team-Besitzer Williams blickte zuletzt nicht sehr optimistisch in die Zukunft: "Es bräuchte schon ein Wunder, damit wir Red Bull regelmäßig schlagen können."

Parr hingegen möchte sich bei der Renovierung der englischen Mythosmarke nicht auf überirdische Kräfe verlassen. "Wir müssen einfach bessere Arbeit leisten", lautete seine Parole für das taumelnde Traditionsteam.

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