Ferrari unter Druck: Lange Nächte in Maranello
Von Jakob Gajdzik
München - Vom Gejagten zum Jäger.
Vier Rennen vor Saisonende ist Ferrari mit Fernando Alonso im WM-Titelkampf gegenüber Sebastian Vettel wieder ins Hintertreffen geraten. ( DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)
45 Punkte nahm der Red-Bull-Fahrer seinem Rivalen Alonso alleine in den vergangenen drei Rennen ab, die er allesamt gewann.
War die Rückkehr an die WM-Spitze die Vorentscheidung in der Saison zugunsten der "Bullen"?
"Ferrari gibt nicht auf und wir werden bis zum Ende kämpfen. Wir haben das beste Team", zeigt sich Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo davon alles andere als beeindruckt.
"Tag und Nacht strukturiert und leidenschaftlich arbeiten"
Seine Erfolgsformel: "Um ein schnelleres Auto hinzubekommen, müssen wir Tag und Nacht strukturiert und leidenschaftlich arbeiten."
In vier Rennen, so di Montezemolo, kann viel passieren: "Noch vor einigen Rennen waren es die McLaren, die unschlagbar schienen, jetzt sind es die Red Bull. Wir müssen aufpassen, denn die Situation ändert sich in der laufenden Saison wirklich schnell."
Damit es so kommt, muss Ferrari schnell Neuerungen bei der "Roten Göttin" installieren, die greifen.
Neweys Kunstgriff sitzt
Denn während Red Bull besonders durch Adrian Neweys Kunstgriff des Doppel-DRS den entscheidenden Trumpf für den Saisonspurt gezogen zu haben scheint, stagniert die Entwicklung von Alonsos F2012.
"Wir führten bei den letzten sechs oder sieben Rennen keine Neuerungen ein, also tun wir im Moment was wir können, um Punkte einzufahren", sagte Alonso nach dem Rennen in Südkorea.
Will die Scuderia nochmal zurückschlagen, müssen die Männer in Maranello nun reagieren und darauf hoffen, dass ihnen ein ähnlicher Coup gelingt wie Newey.
Neues Technik-Paket in Indien
Für den Indien-GP haben die Italiener bereits ein neues Technik-Paket angekündigt, allerdings soll es sich nur um Nuancen am Flügel, Unterboden und den Leitblechen halten.
Trotz des Drucks, reagieren zu müssen will man bei Ferrari auch nicht zu viel machen, um den F2012 womöglich kaputt zu ändern. "Wir werden das Auto nicht neu erfinden", hieß es aus Maranello.
"Wir müssen mindestens zwei Zehntel finden", forderte Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali bei "auto motor und sport".
13,9 Sekunden Rückstand hatte Alonso auf Sieger Vettel nach 55 Runden in Yeongam - eindeutig zu viel.
di Montezemolo optimistisch
Trotz dieser Zahlen beurteilt di Montezemolo die Situation optimistischer. "Wir sind nur wenige Zehntelsekunden hinter dem Tempo der Besten zurück, allen voran im Qualifying", sagte er.
Doch das letzte Mal, dass Alonso seinen Renner in der ersten Startreihe hatte, war im Juli in Hockenheim. Die Folge: In Spa und in Suzuka musste Alonso nach Unfällen in der hektischen Mitte des Feldes früh die Segel streichen und blieb ohne Punkte.
Auch Massa sieht die Leistungen im Qualifying als das große Manko von Ferrari.
"Unsere Schwäche ist die Qualifikation"
"Unsere Schwäche ist die Qualifikation. Ich habe gemerkt, um wie viel einfacher dein Rennen wird, wenn du aus der dritten statt der sechsten Reihe startest. Und wer wie die Red Bull in der ersten Reihe steht, genießt im Rennen alle Vorteile frei Haus. Du kannst den anderen die Strategie diktieren, du hast einen geringeren Reifenverschleiß", sagte der Brasilianer.
Neben dem Technikvorteil von Red Bull spricht auch die aktuelle Form für Vettel. Dessen Sieg-Hattrick dürfte zudem sein Selbstbewusstsein zusätzlich gestärkt haben.
Alonso dagegen mühte sich in den letzten Rennen mehr als ihm lieb ist. In den letzten sechs Rennen waren die beiden dritten Plätze in Monza und in Yeongam das höchste der Gefühle.
Massa mit starker Form
Im Ferrari holte seit der Sommerpause sogar sein wiedererstarkter Teamkollege Massa mit 56 Punkten mehr als der Weltmeister von 2005 und 2006 (45) und verdiente sich so seine Vertragsverlängerung bei der Scuderia. (Bericht: Ferrari verlängert mit Massa)
Beim Südkorea-GP fuhr der Brasilianer in der Schlussphase sichtbar schneller als der spanische WM-Zweite, musste sich aber durch eine unmissverständliche Funk-Ansage zurücknehmen, um Alonso den dritten Platz zu überlassen.
Doch Massas starker Auftritt zeigte auch: Die Möglichkeit, mit Red Bull mitzuhalten, ist vorhanden.
"WM noch nicht verloren"
"Ich glaube daran, dass ich sieben Punkte in vier Rennen gutmachen kann. Die WM ist noch nicht verloren", sagt somit auch Alonso.
Mit dieser Meinung ist er nicht alleine. Ex.Teamchef und BBC-Experte Eddie Jordan schätzt Alonsos WM-Chancen ebenfalls hoch ein.
"Vettel scheint in fabelhafter Form zu sein, und das Momentum ist jetzt definitiv auf seiner Seite", sagt der Ire gegenüber "khaleejtimes.com". "Aber Alonso ist stark. Man wäre verrückt, wenn man zu diesem Zeitpunkt Wetten abschließen würde, wie diese Saison ausgeht."
Sollte Ferrari mit seinen Updates allerdings auf der Strecke bleiben, könnte auch der sonst sehr gut informierte Jordan diesmal daneben liegen.