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Norbert Haug arbeitete insgesamt 22 Jahre als Motorsportchef für Mercedes © getty

Der langjährige Motorsportchef tritt bei den Schwaben ab. Die Entscheidung habe nichts mit Lauda zu tun, so Haug.

München - Norbert Haug räumt das Feld für Niki Lauda, nach fast 1000 Rennen und 22 Jahren als Motorsport-Chef von Mercedes muss der 60-Jährige gehen.

"Ich bedanke mich für über 22 Jahre bei der besten Automobilmarke der Welt. Diese Zeit hatte keine Sekunde ohne Leidenschaft für mich parat", sagte Haug, der seit 1990 die Geschicke der Silberpfeile im Motorsport geleitet hatte.

Der Vertrag des 60-Jährigen werde "in gegenseitigem Einvernehmen" zum Ende des Jahres aufgelöst, teilte der Konzern am Donnerstag mit (NEWS: Alles zur Formel 1).

Lauda "sehr überrascht"

Die Entscheidung teilte Haug bei einem Meeting mit. "Ich bin sehr überrascht", zeigte sich auch der neue Aufsichtsratchef Niki Lauda bei "Sky News HD" von dem Entschluss überrumpelt.

Er bedauerte den Abgang. "Norbert wird dem Team absolut fehlen, denn er war für den Mercedes-Motorsport alleine verantwortlich und war maßgeblich für die Rückkehr von Mercedes in die Formel 1 verantwortlich."

Der sofortige Abschied kommt trotz der jüngsten Rückschläge überraschend. Beim letzten Rennen der Saison hatte sich Haug noch kämpferisch gegeben.

"Ich bin so fit, motiviert und engagiert wie eh und je", sagte der von Schumacher nur "Nobby" genannte Haug in Brasilien. Mit dem Aufhören wollte sich das "Urgestein" (Schumacher über Haug) da noch lange nicht beschäftigen. Doch am Ende hat er den Machtkampf mit Niki Lauda jetzt wohl verloren.

Haug dementiert Herabstufung

Der dreimalige Weltmeister war ihm zuletzt als Aufsichtsratschef des Formel-1-Teams in den Augen vieler Experten vor die Nase gesetzt worden, auch wenn Haug diese Personalentscheidung aus Stuttgart nicht als Herabstufung sehen wollte.

[kaltura id="0_f3oh8qwc" class="full_size" title="VIDEO Haug verabschiedet sich"]

"Bei uns gibt es keine Personality-Show", sagte er: "Wenn wir uns stärken können mit Kompetenz, dann ist das wunderbar und vollkommen richtig."

Auch bei seinem Abschied betonte Haug: "Niki hatte damit absolut nichts zu tun. Wir akzeptieren und respektieren uns wie in all den Jahren, und daran wird sich auch nichts ändern. Ich möchte noch einmal nachdrücklich klarstellen, dass es eine Entscheidung ist, die der Vorstand und ich einvernehmlich und gemeinsam getroffen haben".

Marc Surer mag diese Version nicht so recht glauben. "Ich denke schon, dass Niki Lauda da Einfluss hatte. Der will vielleicht neuen Wind in die Geschichte bringen", sagte Surer ebenfalls bei "Sky Sport News HD".

"Zuletzt lief es nicht so gut"

"Norbert Haug war jetzt 22 Jahre der Chef und hat viel gewonnen. Zuletzt lief es aber nicht gut. Er hat in der Formel 1 das nicht umsetzen können, was so vielversprechend begann", fand der Schweizer eine Erklärung für Haugs Abschied.

Nach dem Sieg von Nico Rosberg im April 2012 in China sei es bei Mercedes sogar noch schlechter gelaufen. "Dann hat er noch den DTM-Titel an Neueinsteiger BMW verloren. Das hat natürlich weh getan und seine Stellung geschwächt", sagte Surer.

Dass Haug nun in Rente geht, glaubt er allerdings nicht: "Der Mann arbeitet 110 Prozent. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nichts mehr macht."

Ende einer Ära

Mit Haugs Abschied endet eine überaus erfolgreiche Ära bei Mercedes. Unter seiner Leitung hat die Marke mit dem Stern über 400 Rennen und 56 Titel gewonnen - alleine sechs in der Formel 1, gemeinsam mit McLaren, und 32 in der DTM.

Doch der ehemalige Journalist war auch für das bislang nicht sonderlich erfolgreiche Formel-1-Projekt des Werkteams in den vergangenen drei Jahren verantwortlich. Haug holte seinen einstigen Ziehsohn Michael Schumacher aus dem Ruhestand und gab den WM-Titel als Ziel aus.

Seitdem gab es allerdings nur einen Grand-Prix-Sieg durch Nico Rosberg im April 2012 in Shanghai.

Schumi sieht große Lücke

Schumacher glaubt, dass "sein Weggang sowohl in unserem Sport als auch in unserem Team eine große Lücke reißen" wird. Dies schrieb der zurückgetretene Kerpener auf seiner Homepage:

"Seitdem ich im professionellen Motorsport aktiv war, gehörten Mercedes und Norbert Haug zusammen, insofern stellt dieser Schritt eine große Zäsur dar. Wir haben lange Jahre gemeinsam verbracht, als sportliche Gegner und als Verbündete, und immer war er mit ganzem Herzen und vollem Einsatz dabei. Norbert lebte Motorsport."

"Weichen für Erfolge gestellt"

Zum Abschied stellte Haug noch einmal klar, dass "wir seit der Gründung unseres eigenen F1-Werksteams seit 2010 unsere eigenen Erwartungen mit einem Sieg 2012 noch nicht erfüllen" konnten, "aber die Weichen sind für Erfolge gestellt, und das Team und unsere Fahrer werden alles geben, diese zu erreichen".

Weiter sagte er: "Es gibt immer einen Gesamtverantwortlichen. Wir haben natürlich auch in den letzten drei Jahren Erfolge gehabt, aber nicht durchgängig genug. Deshalb mussten jetzt Weichen gestellt, Zeichen gesetzt werden."

Die Gespräche seien "absolut fair" und "auf Augenhöhe" geführt worden.

Zetsche würdigt Haug

Warme Worte wurden den ehemaligen "Mr. Mercedes" von Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, hinterhergerufen:

"Norbert Haug war über 20 Jahre lang das Gesicht des Motosport-Engagements von Mercedes-Benz. Er hat für mich eine ganze Ära geprägt - und als Highlight die erfolgreiche Rückkehr der Silberpfeile in die Formel 1 verantwortet."

Doch bei der Marke mit Stern ist Haugs Zeit nach 22 Jahren jetzt abgelaufen.

"Ich habe 22 Jahre lang Mercedes gedacht, gefühlt, gerochen, es gab nichts anderes für mich. Trotzdem habe ich keine Angst vor Langeweile. Ich werde Zeit für mich haben, Zeit für Familie und Freunde", sagte Haug - und für seine zweite Leidenschaft:

"Warum nicht? Die oft zitierte Rock 'n' Roll-Band könnte es in meinem Leben schon noch mal geben."