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Webber steht in Sepang beim Reifenwechsel nur 2,05 Sekunden - Weltrekord! © getty

Wegen der weichen Pneus müssen die Piloten immer öfter an die Box. Dort warten High-Tech und perfekt trainierte Mechaniker.

Von Tobias Wiltschek

München - Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.

Beispiel Malaysia-GP:

2010 kamen die Piloten in Sepang insgesamt noch ganze 18 Mal zum Reifenwechsel an die Box, in diesem Jahr zählten die Statistiker stolze 73 Reifenwechsel.

Mehr als viermal soviel!

Auch beim kommenden GP in China (Training, Freitag ab 7 Uhr im TV auf SPORT1 und im LIVE-TICKER) werden die Mechaniker wieder viel zun bekommen. Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery geht bei den meisten Fahrern von drei Stopps aus - ergibt bei 22 Piloten insgesamt 66 Reifenwechsel.

Weichere Reifen

Der Grund dafür ist schnell gefunden. Seit Pirelli vor zwei Jahren als Reifen-Monopolist in die Formel 1 eingestiegen ist, werden die Gummiwalzen immer weicher und müssen dementsprechend häufig gewechselt werden.

Auch in diesem Jahr war der Aufschrei unter Piloten und Teamchefs groß, als Pirelli für den Saisonstart in Melbourne Reifen präsentierte, die schon nach fünf Runden wieder gewechselt werden mussten.

"Die Pneus sind in Sachen Mischungen und Konstruktion grenzwertig", übte Red-Bull-Teamchef Christian Horner stellvertretend für viele Kollegen heftige Kritik. "Es ist nicht schön, wenn ein Fahrer rund fünf Sekunden langsamer fahren muss als er könnte, damit die Reifen durchhalten."

Wechsel erzeugen Spannung

Doch Widerstand ist zwecklos. Schließlich bringen die weichen Walzen die von Formel-1-Boss Bernie Ecclesetone höchstselbst gewünschte Spannung auf die Rennstrecken.

Aber sie setzen eben auch die Mechaniker an den Boxen immer stärker unter Druck (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer).

In Malaysia 2013 musste die Red-Bull-Crew insgesamt acht Mal ausrücken, um die Reifen bei Sebastian Vettel und Mark Weber zu wechseln.

Das erfordert acht Mal absolute Höchstleistung an Koordination, Konzentration und Geschwindigkeit. Schließlich kann nur der geringste Fehler rennentscheidend sein.

Verantwortung der Mechaniker

"Die Mechaniker wissen genau, welche Verantwortung in ihren Händen liegt", erklärte Diego Ioverno, der Leiter des Boxenstopp-Programms bei Ferrari. "Man kann sagen, dass es viel leichter ist, ein Rennen bei einem Reifenwechsel zu verlieren als eines zu gewinnen."

Die Arbeit der Mechaniker kann aber auch der siegbringende Faktor sein, wie die Scuderia selbst 2010 bewies. Damals zog Fernando Alonso beim Italien-GP dank eines überragenden Boxenstopps noch an Jenson Button vorbei und gewann.

Es ist anzunehmen, dass dies kein Einzelfall bleiben wird. Die Teams legen angesichts der gestiegenen Zahl an Reifenwechseln immer mehr Wert auf die Arbeit in der Boxengasse.

Vier Räder in 2,05 Sekunden

Seit Alonsos Coup in Monza haben sich die Standzeiten von etwa drei auf knapp über zwei Sekunden verkürzt.

Beim Grand Prix von Malaysia stellte Red Bull bei einem Reifenwechsel an Mark Webbers RB9 einen neuen Weltrekord von unglaublichen 2,05 Sekunden auf.

Für den Kampf um die Bestmarken betreiben die Teams in der Boxengasse einen enormen Aufwand. Bis zu 24 Mann sind mittlerweile an einem Reifenwechsel beteiligt, pro Rad sind drei Mitarbeiter beschäftigt. Einer löst es mit einem Pressluft-Schlagschrauber ab, ein Zweiter zieht es weg und der Dritte setzt das neue auf.

Wagenheber so teuer wie Kleinwagen

Die Wagenheber sind so konstruiert, dass der bedienende Mechaniker schon aus dem Weg laufen kann, bevor er das Auto wieder zu Boden lässt. Die Modelle sind Eigenentwicklungen und so viel wert wie ein neuer Kleinwagen, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

Auch die Radmuttern und Schlagschrauber bekommt der normale Autofahrer in keiner Werkstatt zu kaufen.

Außerdem gibt eine inzwischen hochmoderne Ampeltechnik über Sensoren am Wagenheber und den Schlagschrauben den Piloten Grünes Licht zum Weiterfahren.

Analyse der Bewegungen

Bei Red Bull nutzt man laut "Bild"-Zeitung sogar eine Analyse-Software für menschliche Bewegungen. Teammanager Jonathan Wheatley erklärt: "Es gibt Jungs, die besser ein Hinterrad als ein Vorderrad wechseln können."

Die Zwei-Sekunden-Marke wollen die "Bullen "nach eigenen Angaben übrigens noch in dieser Saison unterbieten.

Risiken beim Reifenwechsel

Die Jagd nach den schnellsten Boxenstopps lässt die Teams aber auch zu radikalen Maßnahmen greifen. Mercedes reduzierte die Gewindelänge der Radnaben, um die neuen Reifen schneller an die Achse zu bekommen.

In Malaysia vor gut zwei Wochen wurden Adrian Sutil und Paul di Resta von einem kleinen, aber entscheidenden Problem bei ihrem Force-India-Team gestoppt.

Aufgrund der Hitze habe sich das Design der Radmuttern verändert, erklärte der stellvertretende Teamchef Robert Fernley bei "Motorsport-Total.com". Die Muttern bekam man dann nicht mehr auf die Achse. Beide Fahrer schieden aus.

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