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Kimi Räikkönen und Eric Boullier (l.) arbeiten seit 2012 zusammen © imago

Räikkönens Begründung seines Wechsels zu Ferrari macht die Bosse wütend. Die Suche nach einem Nachfolger verzögert sich.

Von Tobias Wiltschek

München - Monatelang haben sie ihren launischen Star in Watte gepackt.

Die Verantwortlichen bei Lotus ließen Kimi Räikkönen alle Freiheiten und hofften, ihn so auch über die laufende Saison hinaus halten zu können.

Doch eines konnten sie ihm nicht geben: Die Garantie, dass er sein Gehalt pünktlich gezahlt bekommt.

Deshalb bleibt der "Iceman" nun doch nicht bei den Schwarz-Goldenen und wechselt zu Ferrari, wie er am Rande des Singapur-Grand-Prix öffentlich begründete (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer).

Räikkönen lüftet offenes Geheimnis

"Lotus ist mir noch viel Geld schuldig! Sie können mein Gehalt nicht mehr bezahlen", sprach der Finne das aus, was eigentlich schon alle wussten.

Bei seinem Team kamen diese deutlichen Worte jedoch nicht gut an und sorgten für reichlich dicke Luft. Nach Medienberichten kommunizierte Lotus mit Räikkönen zu Beginn des Rennwochenendes in Singapur nur noch per SMS.

"Ich weiß nicht, warum er sich so plötzlich entschieden hat, in aller Öffentlichkeit über die Finanzen unseres Teams zu sprechen. Seine Vorgehensweise ist eine große menschliche Enttäuschung für uns", entrüstete sich Gerard Lopez, der Besitzer des Rennstalls, in der "Welt".

"Im Gegensatz zu Michael Schumacher hatte er bei seinem Comeback ein Auto zur Verfügung, das ihm Siege ermöglicht hat", setzte der luxemburgische Geschäftsmann mit einem Seitenhieb auf Mercedes nach.

Hohe Punktprämien

Außerdem würde Räikkönen, wie im letzten Jahr auch, sein Geld am Ende der Saison bekommen. 2012 soll sein Gehalt dank hoher Punktprämien etwa 18 Millionen Euro betragen haben.

In diesem Jahr wird es nicht viel weniger sein. Bislang hat der Weltmeister von 2007 acht Punkte mehr gesammelt als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison. Eine von Lotus zu Jahresbeginn ins Gespräch gebrachte Deckelung der Prämienzahlungen lehnte Räikkönen nach Informationen von "Auto, Motor und Sport" dankend ab.

Für Lotus ist der 33-Jährige zwar der prominenteste, bei Weitem aber nicht der einzige Verlust. Der ehemalige Technikchef James Allison verließ den Rennstall mitten in der Saison und arbeitet mittlerweile schon bei Ferrari.

Den Aerodynamik-Chef Dirk de Beer nahm er gleich mit. Ein weiterer leitender Ingenieur wechselt zu Mercedes.

Bei einem so großen Aderlass ist es nicht verwunderlich, dass sich die Gespräche mit potenziellen Nachfolgern des Finnen verzögern.

Noch keine Einigung

"Wir wollen bald eine Entscheidung treffen", hatte Teamchef Eric Boullier noch kurz nach der Bekanntgabe des "Iceman"-Wechsels zu Ferrari betont.

Seitdem sind schon zwei Wochen vergangen, und weder mit Felipe Massa noch mit Nico Hülkenberg konnte bislang eine Einigung erzielt werden. Der bei Ferrari ausgemusterte Brasilianer gilt ebenso als heißer Kandidat für das Räikkönen-Erbe wie der deutsche Sauber-Pilot.

Gut möglich, dass die Verhandlungen auch wegen der großen Finanznot bei Lotus ins Stocken geraten sind, auch wenn Boullier und Lopez versuchen, die prekäre Lage zu relativieren.

Im Gegensatz zu anderen Teams tritt der Eigentümer - die Investmentgesellschaft Genii Capital - nicht als Sponsor auf. "Sie leihen das Geld. Es ist Teil ihrer Strategie, dass Partner dem Team beitreten und Genii sein Investment zurückbekommt", erklärte Boullier bei "foumula1.com".

Wären die Zahlungen, wie bei Mercedes, Sponsorengelder, "würden unsere Schulden drastisch reduziert sein", so Boullier.

Schulden beim Eigentümer

Auch Lopez ist bestrebt, aus den Meldungen über einen immensen Schuldenberg von über 100 Millionen Euro die Brisanz herauszunehmen: "Die meisten Schulden hat Lotus bei mir. Der Einzige, der Lotus in den Ruin treiben kann, bin ich."

Im kommenden Jahr werde er auf jeden Fall mit Genii Capital noch in der Königsklasse bleiben. Seine Bereitschaft, auch längerfristig in den PS-Zirkus zu investieren, ist aber in jüngster Zeit gesunken. "Ich brauche die Formel 1 nicht, die Formel 1 ist nicht mein Leben", erklärte er.

Auch deshalb halten sich im Umfeld hartnäckig die Gerüchte, wonach weder Massa noch Hülkenberg im kommenden Jahr für Lotus fahren wird, sondern Pastor Maldonado.

Der Venezolaner würde im Gegensatz zu den beiden anderen Piloten als Bezahlfahrer jede Menge Geld von der staatlichen Ölfirma PDVSA mitbringen. Bei Williams, wo er derzeit unter Vertrag steht, sollen es rund 35 Millionen Euro sein.

Geld, das Lotus gut gebrauchen könnte.

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