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Kann ein Risiko sein: Eine KERS-Warnung auf dem Red-Bull von Sebastian Vettel © getty

Kaum eine Neuerung war von soviel Getöse begleitet wie die Einführung von KERS. Jetzt ist es aus der Formel 1 fast verschwunden.

Von Marc Ellerich

München - Der Aufruhr war groß, die Diskussionen hitzig. Am Ende musste der Automobil-Weltverband FIA einschreiten und den Streit zwischen den Teams letztinstanzlich schlichten.

Der mittlerweile berühmt-berüchtigte Doppel-Diffusor der "D-Gang" um Brawn GP, Toyota und Williams hat die Formel 1 in den letzen Wochen gewaltig aufgemischt.

Um ein anderes Technik-Element hingegen wird nur noch wenig Aufhebens gemacht. Dabei hatte KERS den ganzen Winter über für mächtigen Wirbel gesorgt. Befürworter und Gegner der Hybrid-Technik lieferten sich aufgeregte Diskussionen (Vettel kritisiert KERS als gefährlich) .

Vettel siegt "ohne"

Mittlerweile sieht es beinahe so aus, als sei das kinetische Energie-Rückgewinnungssystem in der obersten PS-Liga nie eingeführt worden.

Und beinahe stimmt das sogar. Von den zehn Teams waren am Wochenende beim Großen Preis von China nur zwei Rennställe mit KERS an den Start gegangen.

Und Sieger Sebastian Vettel und sein Red-Bull-Team pflügten durch die Wassermassen auf dem "Shanghai International Circuit" ohne KERS (allerdings auch ohne Doppel-Diffusor) 94741(Die Bilder).

Kosten bis zu 40 Millionen

Lediglich die beiden McLaren-Mercedes von Weltmeister Lewis Hamilton und Heikki Kovalainen sowie der BMW-Bolide von Nick Heidfeld waren "mit" unterwegs. Siegchancen hatte keiner der drei Piloten, der beste war Kovalainen als Fünfter (DATENCENTER: Ergebnisse und WM-Stand).

Beim Saisonstart in Melbourne hatten immerhin noch sieben Teams auf die neue Technik gesetzt, doch bereits dort feierte in Brawn GP ein KERS-Abweichler einen Doppelsieg.

War die Entwicklung der Neuerung, die die FIA den Teams vor der Saison anheim stellte, also am Ende nichts als ein einziger, außerordentlich kostspieliger Fehler? Bis zu 40 Millionen Euro sollen einzelne Teams in die Entwicklung des Systems gesteckt haben.

"Ein Riesendurcheinander"

Von Fahrerseite ist mittlerweile deutliche Kritik zu hören. "Es ist zu einem Riesendurcheinander geworden, diese KERS-Sache", stellte etwa Vettels Kollege Mark Webber nach dem China-Rennen fest.

Zumindest in diesem Jahr solle man das Thema doch fallen lassen. "Keiner würde da ein Theater drum machen." Im nächsten Jahr werde ohnehin ein Einheits-KERS eingeführt.

Die Unterstützung seines Teamchefs Christian Horner hat der Australier: "In unseren Augen hat sich das System noch nicht seinen Platz in unserem Auto verdient", sagte der Brite vor dem China-GP.

Zehn Meter Vorsprung

Die Vorteile von KERS sind bei Red Bull durchaus bekannt. Horner: "Wir können sehen, dass es mehr Leistung beim Start gibt und sicherlich, wenn man im KERS-Auto seine Position verteidigt. Ein schnelles Auto mit KERS ist sehr schwierig zu überholen."

Fast sieben Sekunden lang können pro Runde 82 Extra-PS freigesetzt werden. Den Startvorteil durch KERS beziffert Horner auf zehn Meter Vorsprung bis zur ersten Kurve.

Dennoch verzichtete der österreichische Rennstall bisher auf die Neuerung. Und einen Termin für die Einführung gibt es bisher ebenfalls nicht. Laut Horner habe "die ultimative Leistung" des Systems bislang nicht überzeugen können.

"Wäre ohne gefahren"

Auch Nick Heidfeld vom KERS-Team BMW-Sauber hätte - zumindest beim Grand Prix in Schanghai - offenbar lieber auf die Hybrid-Technik verzichtet, wurde aber von seinem Team mit sanftem Druck überredet.

"Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich ohne gefahren", berichtete "Quick Nick" nach dem Qualifying, welches er als Elfter beendet hatte: "Aber das Team ist der Meinung, dass es mit schneller geht."

Offenbar hat Heidfeld Zweifel: Zwar könne man simulieren, dass KERS auf der Geraden einen deutlichen Vorteil darstelle. "Aber zu simulieren, was man durch die schlechtere Balance, durch den höheren Schwerpunkt und durch den höheren Reifenverschleiß verliert, ist ziemlich schwierig."

Probleme mit dem Gewicht

Heidfelds Vorgesetzter Mario Theissen sieht das anders. "Für Nick ist es ein Vorteil." Auch wenn KERS auf der Highspeed-Jagd im Qualifying nichts bringe, sei es im Rennen "ein klarer strategischer Vorteil", so der Ingenieur.

Allerdings räumt auch der Motorsport-Direktor der Münchner ein, dass das System zwar "tadellos funktioniert", im Fall seines zweiten Piloten Robert Kubica aber Probleme berge.

Der Pole ließ das System in China nach einem Versuch wieder ausbauen. "Das hat nichts mit dem System zu tun", behauptete Theissen: "Es geht um die Gewichtsverteilung im Auto, die durch KERS verändert wird."

Beim kleingewachsenen Heidfeld ließe sich diese problemlos regulieren. "Bei Robert ist es an der Grenze."

Dennoch werde BMW weiter am eigenen KERS arbeiten. "Das ist der Weg, den man einschlagen muss." Denn für Theissen steht längst nicht fest, dass 2010 das Einheitssystem kommen wird.

KERS für Brawn und Force India

Zum uneingeschränkten KERS-Fan ist ausgerechnet Mercedes-Sportchef Norbert Haug geworden.

Hatte der Schwabe vor der Saison die neue Technik noch rundweg abgelehnt ("Die Zeit der Spielchen ist vorbei"), stellt er inzwischen zufrieden fest: "Uns hilft es, deswegen setzen wir es ein."

Als einziges Team waren die Silberpfeile in allen drei Rennen mit der Hybrid-Technik am Start. Und offenbar will der Rennstall eines Tages auch seine Kundenteams Force India und Brawn GP mit dem System ausstatten.

"Wenn der Brawn ein ausbalanciertes KERS im Auto hätte, dann würde man den Vorteil eines solchen Systems erst richtig sehen", glaubt Haug.

KERS kein Muss

Doch auch er räumt ein, dass das "Turbo-Boost"-System kein Muss ist: "Man muss einsehen, dass es offensichtlich auch ohne den Wunder-Diffusor gut geht."

Dann fügt er hinzu: "Das gleiche kann ich von KERS behaupten."

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