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Red-Bull-Star Sebastian Vettel fuhr im Vorjahr 18 Mal zur Pole-Position © getty

Die zweite Testwoche der Formel 1 ist vorbei. Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer. SPORT1 zieht eine Barcelona-Bilanz.

Von Olaf Mehlhose

München - 3699 Runden und rund 17.250 Kilometer haben die elf Formel-1-Teams bei den Testfahrten in Barcelona zurückgelegt. (521624DIASHOW: Die Tests in Barcelona)

Wer aber gedacht hatte, dass sich die Hackordnung für die neue Saison bereits nach dem ersten Stelldichein auf dem Circuit de Catalunya glasklar abzeichnen würde, sah sich getäuscht.

Das lag nicht nur daran, dass es mit Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg, Pastor Maldonado und Kamui Kobayashi vier verschiedene und teilweise überraschende Tagesbeste gab.

Brawn kündigt Überraschungen an

Zielsetzung und Herangehensweise waren bei den Teams wie meistens vollkommen unterschiedlich.

Während Ferrari krampfhaft bemüht zu sein scheint, seinen neuen Boliden überhaupt zu begreifen, probten Red Bull und Mercedes bereits unter Wettkampfbedingungen.

Dass die Teams bereits alle Karten auf den Tisch gelegt haben, ist ohnehin nicht anzunehmen. Oder, wie es Mercedes-Teamchef Ross Brawn laut "FAZ" formulierte: "Bis zum Saisonstart kommen noch ein paar Dinge, die für eine Überraschung sorgen könnten."

Erste Tendenzen ließen sich nach der Leistungskontrolle in Montmelo allerdings schon ausmachen. SPORT1 zieht ein Fazit der ersten Testwoche in Barcelona.

[kaltura id="0_b55p0ze7" class="full_size" title="Mercedes Mit Zauber Nase zum Titel "]

Red Bull

Die Überflieger des vergangenen Jahres scheinen mit dem neu konstruierten RB8 auch 2012 die Nase vorne zu haben.

Experten lobten das neue Auto in den höchsten Tönen. Die Fahrer ließen sich ebenfalls nicht lumpen: Sebastian Vettel stellte seine weiterhin großen Ambitionen mit Platz eins und drei an den ersten beiden Testtagen unter Beweis.

Weniger Kilometer

Als Mark Webber und Michael Schumacher unter halbwegs vergleichbaren Bedingungen ein komplettes Rennen durchspielten, war der Australier deutlich schneller unterwegs als der Rekordchampion. Beachtenswert: Im Vorjahr war der Abstand zu den Silbernen allerdings fast doppelt so groß.

Vollkommen reibungslos lief es auch bei den "Bullen" nicht.

Webber wurde bei seinem ersten Einsatz von Getriebeproblemen an der Box festgehalten, insgesamt haben die beiden Piloten deutlich weniger Testkilometer zurückgelegt als im Vorjahr.

"Nicht superüberlegen"

Wie stark sich das Verbot des angeblasenen Diffusors auf die Performance des österreichisch-englischen Teams auswirkt, ist fraglich.

Die Konkurrenz witterte nach dem Kräftemessen auf jeden Fall Morgenluft.

"Red Bull hat ein solides, schnelles Auto, aber sie sind nicht superüberlegen", urteilte McLaren-Boss Martin Whitmarsh.

McLaren

Nach den Eindrücken von Barcelona scheint das Team von Whitmarsh wie geschaffen für die Rolle des ersten Herausforderers.

Die Nummer zwei des Vorjahres präsentierte sich während der vier Testtage stark.

McLaren tauchte zwar nie ganz vorne in den Bestenlisten auf, dafür zeigte das neue Auto eine beeindruckende Zuverlässigkeit. 464 Runden spulten die beiden McLaren-Piloten ab - mehr als jedes andere Team.

Lob von Vettel

Im letzten Jahr habe das Team beim Saisonauftakt in Melbourne erstmals die volle Renndistanz absolviert, "jetzt legen wir 500 Kilometer pro Tag zurück", frohlockte Whitmarsh bei "Sky Sport News": "Die Startbasis ist deutlich besser."

Vettel hat die Chrompfeile jedenfalls auf der Rechnung. "Es ist schwierig, den Speed einzuschätzen, aber was die Konstanz angeht, gehören sie zu den Besten", sagte der 24-Jährige: "Sie werden vom ersten Rennen an stark sein."

Ob es reicht um den "Bullen" die Stirn zu bieten? So weit will sich Whitmarsh noch nicht aus dem Fenster lehnen. "Es ist alles sehr eng", meinte der Brite: "Die schlechte Nachricht ist, dass wir nicht dominant sind. Die gute Nachricht ist, dass auch kein anderes Team dominant aussieht."

Mercedes

Von Dominanz träumen die Verantwortlichen des deutschen Vorzeige-Rennstalls Mercedes seit 2010. (BERICHT: Versteckspiel in Silber)

Und nach der zweiten Testwoche wurden Fahrer und Offizielle nicht müde zu betonen, dass dem Team mit dem F1 W03 eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahres-Auto gelungen sei.

Zu große Erwartungen wollte Superstar Michael Schumacher aber nicht schüren, da er nicht wisse, "wie viel wir uns im Vergleich zu den anderen verbessert haben".

"Red Bull war schneller"

Das Resultat der parallelen Rennsimulationen von Schumi und Webber trübte die Aufbruchsstimmung bei Teamchef Ross Brawn.

"Red Bull war schneller", räumte das "Superhirn" der Silbernen ein: "Etwas deutlicher als wir uns das erhofft haben."

Schwächen ausgemerzt

Für Panikmache ist aber keinesfalls Anlass gegeben: Fakt ist, dass Mercedes die Schwächen des Vorjahres in Theorie und Praxis ausgemerzt hat.

Und darf man den vielen Spekulationen rund um das Fahrerlager glauben, hat das Team noch den einen oder anderen technischen Kniff in der Hinterhand.

Ob sich die Fortschritte dann in einem Sprung unter die Top drei oder in Rennsiegen niederschlagen, wird sich zeigen.

Ferrari

Die Scuderia Ferrari bleibt das große Fragezeichen unter den Top-Teams.

Dabei ist es nicht einmal das Schlimmste, dass die Piloten Fernando Alonso und Felipe Massa sich zeitenmäßig kontinuierlich im grauen Mittelfeld des Fahrerfeldes einreihen.

Besorgnis erregend ist vielmehr die Tatsache, dass der Traditionsrennstall aus Maranello offenbar immer noch keinen blassen Schimmer hat, was für ein Auto er sich da hingezaubert - böse Zungen würden wohl sagen: hingehext - hat.

Mit gelber Farbe besprüht

Dafür spricht, dass die Roten ihren Rennwagen in der Boxengasse mit gelber Farbe besprühten, um zu erkennen, wie sich die Luftströme um das Auto herum verteilten.

Zu diesem späten Zeitpunkt der Vorbereitung drängt sich dem Betrachter der Verdacht auf, den Italienern würde die Zeit davonlaufen.

Aber vielleicht verstehen sich Stefano Domenicali und Co. auch nur verdammt gut aufs Bluffen. Und dann ist da ja auch noch der Alonso Faktor.

"Man darf Fernando nicht unterschätzen", sagte Webber über den Ferrari-Star: "Solange er ein Lenkrad in den Händen hält, ist immer mit ihm zu rechnen."

Force India, Williams, Sauber

Die Leistungen anderer Rennställe sollten nicht überschätzt werden.

Mit Force India, Sauber und Williams sicherten sich drei der Mittelfeldteams jeweils eine Tagesbestmarke.

Ob die Zeiten von Hülkenberg, Maldonado und Kobayashi mehr waren als Show-Runden, wird erst der weitere Saisonverlauf zeigen.

Immerhin schnitten die drei Teams deutlich besser ab als Konkurrent Lotus, für den der Testlauf in Katalonien das reinste Fiasko war. Eric Boullier und Co. spulten nur ein paar Runden ab, bevor sie wegen eines irreparablen Chassis die Heimreise antraten.

Caterham und Marussia gaben in Barcelona mit keinem ihrer Auftritte zu erkennen, dass es in diesem Jahr weiter nach vorne geht.

Auch Millionen-Mann Witali Petrow fuhr im Boliden des malaysischen Rennstalls hoffnungslos hinterher. Und Marussia beeindruckte einzig mit seiner wohlgeformten Nase, nicht aber mit guten Rundenzeiten.

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