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Sebastian Vettel könnte in dieser Saison den vierten Titel in Folge gewinnen © getty

Die Kräfteverhältnisse sind ungeklärt, die Konkurrenten halten sich bedeckt. Es ist aber nicht nur das übliche Versteckspiel.

Aus Montmelo berichtet Marc Ellerich

Montmelo - Das Prozedere ist jedes Jahr das gleiche: Tarnen, tricksen, täuschen. So bereitet sich die Formel 1 auch 2013 auf die neue Saison vor, die am 15. März mit dem Freien Training zum Australien-Grand-Prix beginnt (ab 6.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1).

Wer zu viel vom eigenen Können preisgibt, läuft schnell Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten - oder wertvolles Wissen leichtfertig an die Konkurrenz zu verraten.

Die Konkurrenz schläft selten. Und verplappern sollte man sich besser nicht, das wäre leichtfertig und ärgerlich.

Also lieber nichts wissen, sich lieber etwas dümmer stellen, zumindest jedenfalls ahnungslos. Und so redet man manchmal lieber den Gegner stark, als sich selbst. Das ist von jeher eine eiserne Regel im Motorsport und fester Teil des allgemeinen Verwirrspiels.

Auf Granit gebissen

Aber glaubt man den Beteuerungen der Beteiligten, so ist die Konkurrenz-Situation wenige Wochen vor dem australischen Auftakt-Wochenende unklarer denn je (681508DIASHOW: Die Tests in Barcelona).

Die diesjährigen Wintertests sind auf dem Circuit de Catalunya vor den Toren der katalanischen Metropole Barcelona ins Finale eingebogen, der letzte Testabschnitt vor dem Saisonstart zwei Wochen später ist in vollem Gange.

Wer von Piloten und Team-Verantwortlichen belastbare Aussagen zum kommenden Weltmeister hören will, der in den 19 Grands Prix dieses Jahres gekürt werden wird, der beißt ziemlich auf Granit.

Umkämpft wie selten zuvor

Die Meisterschaft wird umkämpft sein wie selten zuvor, das immerhin ist einhelliger Tenor im verregneten Spanien.

"Alle Zeichen deuten darauf hin, dass es sehr eng werden wird", orakelte etwa Red Bulls Teamchef Christian Horner.

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Niki Lauda, als Aufsichtsratschef der neue starke Mann bei Mercedes, meinte: "Die Unterschiede zwischen den Teams sind sehr gering." Seinen Rennstall sieht er auf Augenhöhe mit McLaren, Ferrari und Lotus.

Irrwitziger Finne

Und auch der Abstand zu Red Bull sei geschrumpft. Aber er könne sich auch täuschen. Erst in Melbourne bekämen alle "die Antwort, die jeder wissen will: Wer besser in die WM startet".

So werden die Karten hin und her über den Tisch geschoben. Der eine sieht Vettel vorne, der andere Ferraris spanischen Star Fernando Alonso, der nächste das Mercedes-Gespann Lewis Hamilton und Nico Rosberg. Nicht zu vergessen den Lotus-Rennstall mit seinem irrwitzigen Finnen Kimi Räikkönen.

Immer einen Tipp wert, wie auch Sauber mit seinem deutschen Vorfahrer Nico Hülkenberg.

Massa als Außenseiter-Tipp

Auch Außenseiter-Tipps, wie der 2012 lange formlose Felipe Massa werden genannt.

Weltmeister Sebastian Vettel lässt sich auf diese beliebten Prognose-Spielchen traditionell eher ungern ein.

Man müsse kein Genie sein, um zu wissen, wer am Ende vorne mitmische, antwortete er auf dem Circuit de Catalunya: "Die üblichen Verdächtigen."

Vergleich verweigert

Den Vergleich mit der Konkurrenz verweigerte der Red-Bull-Star in Montmelo, nachdem er in der Tagesabrechnung Platz vier belegt hatte, aber zumindest seine drei deutschen Landsleute Nico Hülkenberg (Sauber/5.), Force-India-Rückkehrer Adrian Sutil (6.) und den zehntplatzierten Mercedes-Mann Nico Rosberg hinter sich gelassen hatte (SERVICE: Ergebnisse aus Barcelona).

"In Sachen Tempo haben wir eine grobe Vorstellung, wo wir stehen. Die Balance ist okay, auch die Art, wie sich das Auto verhält. Das ist das Positive für uns. Aber ob das jetzt reicht oder nicht, das wissen wir in diesem frühen Stadium nicht."

Und die Favoritenrolle für die bevorstehenden 19 Rennen mag sich der junge deutsche Superstar schon gar nicht überstreifen lassen. "Vielen Dank", entrüstete er sich vor den Reporter-Mikrofonen künstlich: "Aber ich glaube, das kann man im Moment wirklich noch nicht sagen."

Kaum Seitenblicke

Seitenblicke habe er sich kaum gegönnt. Die Saison sei lang und werde "eng bis zum Ende. Und wir haben noch nicht mal angefangen."

Das die Teams ihr durch harte Arbeit beim langwierigen Testprozedere gewonnenes Wissen nicht preisgeben wollen, hat aber auch handfeste Ursachen.

2012 sind es vor allen Dingen die sensiblen Pirelli-Reifen, die Quervergleiche fast unmöglich machen.

Wetter spielt nicht mit

Ihr Verschleiß- und Haftungsverhalten vernünftig einzuschätzen, ist für die Teams nahezu unmöglich. Aus einem simplen Grund: Das Wetter spielt nicht mit.

Am Freitag herrschten zehn Grad, dazu kamen Regenschauer und ein kräftiger Wind. "Es ist eine Schande, es ist zu kalt", schimpfte Vettel: "Jeder leidet darunter und kann sich nicht mit anderen Teams und Fahrern vergleichen."

Die empfindlichen Pneus, deren optimale Bodenhaftung erst durch hohe Temperaturen erreicht wird, beginnen bei der Kälte heftig zu körnen - ausnahmslos.

Reifenflüsterer Button

Mercedes-Star Nico Rosberg beobachtete das Phänomen in Montmelo bereits nach einer Runde. Konkurrent Jenson Button, Spitzname "Reifenflüsterer", berichtete, sein sanfter Fahrstil habe überhaupt nichts bewirkt.

Weltmeister Sebastian Vettel urteilt: "Es ist unter dem Strich viel zu kalt, um eine echte Ahnung zu bekommen, was während der Saison passiert."

Sein Trost: So ergeht es allen Konkurrenten. Und, mit Blick auf das verhüllte Kräfteverhältnis im Feld: "Selbst nach zwei Rennen kann man höchstens einen Trend erkennen. Mehr noch nicht."

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