Die Erkenntnisse der Wintertests sind mit Vorsicht zu genießen. Red Bull ist Titelfavorit Nummer 1. Dahinter attackiert Mercedes.

Aus Montmelo berichtet Marc Ellerich

Montmelo - Die Wintertests sind abgeschlossen, am 15. März beginnt die Formel-1-Saison mit dem Training zum Großen Preis von Australien im Melbourne Park (ab 6.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1).

Vorab analysiert SPORT1 die diesjährigen Wintertests und wagt eine letzte Prognose zur Hackordnung unter den WM-Favoriten.

Neben den üblichen Täuschungsmanövern, welche die Besten traditionell vollführen, erschwert in diesem Jahr noch etwas Anderes die Interpretation der Tests.

Für Mitte und Ende Februar war es in Katalonien ungewöhnlich kalt. ( 681508 DIASHOW: Die Tests in Barcelona ).

Die niedrigen Temperaturen machte Piloten und Teams auf dem Circuit de Catalunya den ohnehin schon sensiblen Umgang mit den Pirelli-Pneus sehr schwer und erschwerte allen die Analyse.

Red Bull:

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Titelverteidiger Sebastian Vettel ließ sich in Montmelo nur wenig zur Form seines RB9 entlocken.

Erkenntnisse seien schwer, "die üblichen Verdächtigen" würden um den Titel mitkämpfen, er selbst sei hoffentlich ganz vorne dabei. Favorit sei er natürlich nicht.

Das muss man nicht so sehen. Als Verteidiger beider WM-Titel (Fahrer und Konstrukteur) müssen es sich Vettel und sein Rennstall gefallen lassen, als erster Anwärter auf die WM-Krone 2013 eingeordnet zu werden. (SERVICE: Ergebnisse aus Barcelona).

Daran ändert nichts, dass der Champion nach den drei Test-Events mit keiner, Teamkollege Webber nur mit einer Tagesbestzeit auffiel.

Auch Red Bulls fünfter Platz bei der Kilometer-Leistung ist kein Beweis für fehlende Form.

Aussagekräftiger ist die durchschnittliche Zeiten-Platzierung Vettels, berechnet nach dem Mittelwert seiner sechs Testtage. Hier liegt der Heppenheimer hinter Kimi Räikkönen, Lewis Hamilton und Jenson Button auf Platz vier. Nur sein achter Rang am letzten Tag in Barcelona verhinderte eine bessere Platzierung.

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Was die Konkurrenz vermutlich mehr einschüchtern dürfte, als die Konstanz des Hessen im RB9, sind mögliche Geistesblitze von Red Bulls Aero-Guru Adrian Newey.

Sichtblenden und Hüllen gehörten beim Test-Finale auf dem Circuit in Montmelo zur festen Ausrüstung bei Red Bull - Geheimhaltung hatte höchste Priorität.

Dennoch blieb Kennern nicht verborgen, dass das Team ein passives Drag Reduction System (DRS) ans Auto gebracht hatte - ein Aero-Element am Heckflügel, das den Speed auf schnellen Kursen erhöht.

Nur Mercedes, Sauber und Lotus hatten sich ebenfalls an die schwierige DRS-Technik gewagt.

SPORT1-Prognose: Wer Weltmeister werden will, muss an Red Bull und Vettel vorbei. WM-Favorit Nummer eins.

Ferrari:

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Die Roten aus Italien wollen den Titel 2013 mit jeder Faser. Die Tests verliefen nicht völlig störungsfrei - vor allem beim spanischen Superstar Fernando Alonso. Der Spanier ließ die Auftakt-Fahrten im südspanischen Jerez aus. Gerüchte über eine Rippenverletzung in Folge eines Kart-Unfalls machten die Runde.

Zurück im Cockpit hielt Vettels härtester WM-Rivale aus der Vorsaison fest, bei der Scuderia laufe es "200 Mal" besser als 2012 - keine Kunst nach desaströsen Tests im vergangenen Jahr.

Aber Alonso legte sich beim Potenzial des F138 für seine Verhältnisse erstaunlich offen fest: "Mit diesem Auto kann ich um die WM kämpfen."

Die Ergebnisse dürften den Spanier und seinen während der Testfahrten überzeugenden Nebenmann Felipe Massa ruhig schlafen lassen: Massa beendete die ersten vier Testtage in Jerez als Schnellster, den mittleren Block in Barcelona beendete Alonso auf Platz zwei.

Auch am Finaltag in Montmelo war der Pilot aus Oviedo sehr schnell.

Bei den Testkilometern - wichtiger Indikator für die Standfestigkeit des Autos - liegt Ferrari auf Platz drei.

SPORT1-Prognose: 2012 fehlten dem berühmtesten Rennstall der Formel 1 anfangs mehr als zwei Sekunden auf Red Bull. Dieser Abstand ist vor dem Saisonstart 2013 deutlich geringer. Ferrari hat Potenzial und finanzielle Mittel, dem Titelverteidiger das Leben sehr, sehr schwer zu machen. Der erste Titel seit 2007 ist drin.

Mercedes:

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Bei den Silberpfeilen sind die alten Zöpfe ab. Endlich, das Team wirkt unter der neuen Austria-Führung, Renn-Legende Niki Lauda und Motorsportchef Toto Wolff, wie befreit.

Der schnelle Brite Lewis Hamilton ist für den im fehlkonstruierten W03 erfolgslosen Rekord-Weltmeister Michael Schumacher zum Team gestoßen.

Die Vorfreude auf die Saison ist zu greifen, Skepsis bleibt nach den Desaster-Jahren 2010, 11 und 12.

Was der W04 wirklich kann, weiß oder verrät das Team nicht. Nico Rosberg sprach als Erster von Siegen, die möglich seien, ruderte dann aber zurück. Bei Teamkollege Lewis Hamilton war es genau anders herum: Erst Skepsis, dann Zuversicht.

Dafür sprechen die Ergebnisse: Am Samstag hatte der Engländer eine Fabelzeit in den Asphalt des Circuit de Catalunya gebrannt: 1:20,558 Minuten - nie war ein Pilot seit dem Umbau des katalanischen Kurses 2007 schneller gefahren.

Am Sonntag ließ dann Nico Rosberg bei den Beobachtern den Mund immer weiter offenstehen. Der 27-Jährige unterbot Hamiltons Zeit - 1:20,130 Minuten. Williams-Pilot Pastor Maldonado reichte 2012 im Qualifying zum Rennen in Barcelona eine Runde in 1:22,285 Minuten für die Pole.

Zum Vergleich: 2012 war Rosberg im Barcelona-Qualifying 1:23,005 auf seiner schnellsten Runde gefahren.

Die Konkurrenz ist nun beeindruckt, Hamilton und Rosberg wiegelten ab: Es seien nur Testfahrten.

SPORT1-Prognose: Das Vorjahr ist gut in Erinnerung. Bei den Tests war Mercedes stark, die Saison geriet dann - trotz des ersten GP-Siegs durch Rosberg - aber zur Enttäuschung. Also abwarten!

Mercedes-Titeltraum lebendiger

Fakt ist: Mercedes scheint viel Boden gutgemacht zu haben. Wohin das führt, wird sich zeigen. Rennsiege sollten drin sein. Der Titeltraum wird lebendiger.

McLaren, Sauber, Lotus: Hinter dem Top-Trio wird es mit Prognosen schwer. Alle Teams haben Argumente und Gegenargumente geliefert. Je nach Vorliebe, darf man sich seinen Geheimtipp heraussuchen.

SPORT1-Prognose: Für Rennsiege ist jedes der drei Teams allemal gut. In den Kampf um die WM-Krone wird bestenfalls McLaren dauerhaft eingreifen.